Darum gehts
- Maitannli mit Frauenpuppe in Leuzigen sorgt für Diskussionen
- Tradition wird als sexistisch und entwürdigend kritisiert
- Jugendbeteiligung sinkt: Immer weniger machen beim Brauch mit
Mitten an der Hauptstrasse von Leuzigen BE hängt seit Tagen eine Frauenpuppe mit rosa angemalten Brüsten und Schritt. Über ihr steht auf einem Schild ein Name: «Larissa». Befestigt ist die Puppe an einem Maitannli.
Ein Maitannli ist ein geschmückter junger Tannenbaum, der in der Nacht zum 1. Mai von jungen Männern, den «Stäcklibuebe», vor dem Haus einer angebeteten Frau oder eben mitten im Dorf aufgestellt wird.
Die Puppe gleicht einem Utensil aus einem schwarzen Voodoo-Zauber. Auf den ersten Blick wird klar: Nett gemeint ist dieses «Geschenk» nicht. Alles daran schreit: «Larissa» hat etwas falsch gemacht.
Für eine Blick-Leserin geht die Aktion zu weit. «Die Darstellung wirkt einschüchternd, entwürdigend und gewaltbezogen», sagt sie. Besonders irritiert sie, dass die Puppe mitten im Dorf hängt – und offenbar niemand eingreift.
«Wirkt einschüchternd und gewaltbezogen»
«Irgendwo hört der Spass auf, das ist einschüchternd und entwürdigend», sagt die Leserin. Gerade in einer Zeit, in der Gewalt gegen Frauen breit diskutiert werde, könne sie so etwas nicht nachvollziehen.
Ausserdem kann sie sich nicht erklären, warum die Puppe und der Name seit Tagen dort hängen. «Ich habe mir überlegt, diese Puppe selber herunterzunehmen», so die Leserin.
«Ist halt Brauch»
In Leuzigen sind die Meinungen über die Puppe gespalten. Denn solche «Geschenke» gibt es in der Berner Gemeinde immer wieder. «Ich kenne das seit Jahren, das ist hier ganz normal», erzählt Richi Felder (72). «Das ist kein Mobbing, es ist halt Brauch.» Die Puppe wird traditionell an das Maitannli im Ort gehängt und ist eine Art öffentliche Demütigung. Sie zeigt: Larissa hat ihren heimlichen Verehrer abgewiesen.
Cecile Jäger (52) findet den Brauch unmöglich. «Ob Brauch oder nicht – das ist nicht zeitgemäss und sexistisch», sagt sie. «Wenn damit meine Tochter gemeint wäre, hätte ich das Tannli gefällt.»
Jan Affolter (19) war vor drei Jahren selbst einer der sogenannten «Stäcklibuebe». Auch damals hing eine Puppe an einem Maitannli. «Wir haben damals einfach eine Gummipuppe aufgehängt, weil niemand selber eine basteln wollte», erzählt er. Diese sei aber von dem Vater des Mädchens heruntergenommen worden.
Ob der Brauch noch zeitgemäss sei, könne er nicht beurteilen. «Viele machen einfach mit, weil man es schon immer so gemacht hat.» Gleichzeitig würden jedes Jahr weniger Jugendliche teilnehmen. «Es ist fraglich, wie lange der Brauch noch bleibt.»
Was steckt hinter der Puppe?
Daniel Baumann, der Gemeinderatspräsident von Leuzigen, erklärt, was es mit der Puppe auf sich hat. In Leuzigen treffen sich junge Männer, die ein Jahr seit der Konfirmation hinter sich haben, und stellen anschliessend bei gleichaltrigen Mädchen ein Maitannli mit ihrem Namen in die Nähe ihres Hauses. Nach altem Brauch soll damit das Interesse signalisiert werden.
«Wenn einem Mädchen ein Maitannli gestellt wird, hat sie ein Jahr Zeit, um den Jungen, der ihr das Maitannli gestellt hat, zum Essen einzuladen», erklärt Baumann. Die Tannli sind also eine altmodische Art, um nach einem Date zu fragen. Macht sie das nicht, wird ihr Name am Tannli zusammen mit einer solchen Puppe aufgehängt. «Es handle sich dabei um ein scherzhaftes Mahnzeichen für das Nichteinhalten des Brauchs.»
«Ihr ist der Brauch komplett egal»
Doch wie erlebt Larissa (16) die Situation? Die Puppe und ihr Name werden noch den kompletten Mai an der Hauptstrasse hängen bleiben, bevor das Tannli entfernt wird.
Blick spricht mit ihrem Vater. «Larissa wollte letztes Jahr gar kein Maitannli. Ihr ist dieser Brauch komplett egal», sagt er. Schlecht gehe es ihr deswegen nicht.
Trotzdem hält auch er die Tradition für überholt. «Meine anderen Töchter konnten ebenfalls nichts damit anfangen», sagt er. Zwar finde er es schön, dass junge Männer gemeinsam etwas organisieren und zusammenarbeiten. «Aber um heute Leute kennenzulernen, gibt es bessere Möglichkeiten.»
Sein Fazit zum Brauch fällt klar aus: «Ich habe zwar nichts dagegen – unnötig ist es trotzdem.»