Darum gehts
- Effingen feiert alle zwei Jahre das wilde Brauchtum «Eierleset»
- Der Frühling triumphiert traditionell über den Winter, trotz intensiver Wettkämpfe
- Der 14-jährige Eierläufer Liam Schütz sprintet eine Stunde über die Bahn
Vergiss Frühlingsgefühle! In Effingen AG wird der Winter nicht romantisch verabschiedet, sondern regelrecht aus dem Dorf gejagt. Bei der traditionellen «Eierleset» verwandelt sich das Dorf in eine Bühne für ein altes Kräftemessen: Die «Grünen», die für den Frühling stehen, treten gegen die «Dürren» an, die den Winter verkörpern. Es ist ein Duell, das alle zwei Jahre aufs Neue ausgetragen wird: wild, chaotisch und tief verwurzelt in der lokalen Tradition.
Noch laufen die Vorbereitungen. Kostüme werden gerichtet, letzte Handgriffe sitzen, die Rollen sind verteilt. Einer, der den Ablauf wie kein anderer kennt, ist Andreas Bossart. Als «Eierleset-Papi» hält er die Fäden in der Hand. Für ihn ist die Ausgangslage klar: «Heute vertreiben wir den Winter auf unsere traditionelle Art!»
Der Ablauf hat es in sich. Gleich zwei Wettkämpfe laufen parallel. Auf der einen Seite steht der «Eierläufer», der den Frühling symbolisiert. Er sprintet über die sogenannte Eierbahn und sammelt Ei um Ei, so schnell er kann. Die Rolle übernimmt jeweils der Jüngste aus dem Turnverein – überhaupt stammen alle Teilnehmenden aus dessen Reihen. Dieses Jahr trifft es den 14-jährigen Liam Schütz. «Ich werde heute etwa eine Stunde rennen», prognostiziert er gegenüber Blick. Zur Vorbereitung sei er immer wieder joggen gegangen – wohl wissend, dass es hier nicht gerade um einen gemütlichen Spaziergang geht.
Gleichzeitig ist sein Gegenspieler, der «Reiter», hoch zu Ross unterwegs. Er verkörpert den Winter. «Während der Eierläufer auf der Eierbahn Ei um Ei einsammelt, muss ich in derselben Zeit die Gemeindegrenze umrunden und im Nachbarsdorf ein Bier trinken», erklärt Dominik Holzherr, der stolz auf seiner Freiberger Stute sitzt. Seit Weihnachten trainiert er seine Kondition – und das trotz des Wissens, dass er am Ende wohl den Kürzeren zieht. Denn wer den Brauch in Effingen kennt, weiss: Der Ausgang ist längst Teil der Tradition. Am Ende setzt sich immer der Frühling durch.
Zwischen Brauchtum und Kampf
Neben dem sportlichen Wettlauf zeigt das «Eierleset» auch seine raue Seite. Im Mittelpunkt stehen dabei die Maskenfiguren, die sich auf der Dorfstrasse einen handfesten Kampf liefern.
Allen voran der «Straumuni», der den Winter verkörpert. Seine Aufgabe ist klar definiert: «Möglichst lange herauszögern, dass der Winter vertrieben wird», erklärt Stefan Meier. Die Figur aus Sackleinen wird mit Stroh gefüllt. Ein aufwendiger Prozess, bei dem das Gewand sorgfältig vorbereitet und anschliessend zugenäht wird. Kaum steckt man einmal drin, ist an freie Bewegung kaum mehr zu denken. Schwitzen ist dabei praktisch garantiert.
Nach den langen Vorbereitungen geht es auf die Dorfstrasse – und der Kampf ist sofort eröffnet. Es wird gerungen, gejohlt, die Masken prallen aufeinander, Teilnehmer packen einander und gehen auch schon mal zu Boden. Laut, wild und kaum zu überblicken verwandelt sich das Dorf in ein chaotisches Schauspiel zwischen Brauchtum und Kampf.
Mitten hindurch hetzt der Eierläufer über die angelegte Eierbahn. Dort liegen die Eier bereit, die er in hohem Tempo einsammelt. Das Spektakel endet, sobald das letzte Ei eingesammelt ist.
Spott, Eier und ein versöhnlicher Abschluss
Nach der wilden Brauchtumsvorführung auf der Dorfstrasse hält der «Eierpfarrer» beim Dorfbrunnen seine Eierpredigt. In Reimform nimmt er das Dorfgeschehen der vergangenen zwei Jahre aufs Korn und erzählt, was sich alles ereignet hat. Auch vor Namensnennungen scheut er sich nicht. Dabei bleibt kaum jemand verschont. Die Bewohner bekommen einiges zu hören: unangenehme, aber auch humorvolle Wahrheiten aus dem Dorfleben.
Ganz persönlich nimmt das allerdings niemand. Spätestens beim anschliessenden Ausklang ist alles wieder vergessen. Das Dorf trifft sich nämlich anschliessend in der Turnhalle Effingen zum traditionellen Eiertätsch. Dort landen die zuvor mühsam eingesammelten Eier nicht mehr auf der Bahn, sondern direkt auf dem Teller und werden gemeinsam verspeist.