Suizid in Psychiatrie
Sophies Leid – Chronik eines angekündigten Todes

Vor ihrem Suizid verschickt Sophie Abschiedsnachrichten. Freunde alarmieren die Psychiatrie in Basel, in der die 20-Jährige behandelt wird. Aber das Personal greift nicht ein. Nun ermittelt die Staatsanwaltschaft.
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Wildblumen für Sophie: Die Mutter blickt auf das Grab ihrer Tochter.
Foto: Angelika Annen

Darum gehts

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Redaktor Otto Hostettler
Otto Hostettler
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In den letzten Stunden ihres Lebens verschickt Sophie etwa ein halbes Dutzend Nachrichten. An die Menschen, die ihr am nächsten sind. An ihre Weggefährten. An jene, die sie verstehen, weil sie genauso «anders» sind wie sie. Etwa weil sie auch eine Autismus-Diagnose haben, ADHS oder bei sich Borderline-Symptome sehen. Oder weil sie transgender sind wie Sophie – also ihr offizielles Geschlecht gewechselt haben.

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Es ist der 27. Februar 2026. Sophie, 20 Jahre alt, liegt an jenem Freitagabend auf der Suchtstation der Universitären Psychiatrischen Kliniken (UPK) Basel, Abteilung U3, Zimmer 1.64. Dort will sie endlich loskommen von den Benzodiazepinen, die sie seit drei Jahren nimmt. Anfänglich wegen ihrer Angst- und Panikzustände – bald wurden die Benzos zur Sucht.

Sophies letzte Nachricht an Elio

Eine Nachricht geht an diesem Abend an Elio. Kurz vor 23 Uhr. Elio hatte erst im vorigen Sommer wieder Kontakt zu Sophie aufgenommen und wollte wissen, wie es ihr geht. Er wusste, sie war inzwischen in Basel – und obdachlos. Die Nachricht von Sophie sieht Elio erst um 0.40 Uhr. Es ist eine selbstlöschende Sprachnachricht, er kann sie nur einmal abspielen. «Ich hörte es an ihrer Stimme, sie war drauf», erinnert er sich. Sophie habe sich für alles bedankt. «Sie sagte, wäre sie kein Junkie, dann wären wir noch befreundet.» Und: «Sobald ich das höre, sei sie tot.»

Elio ist aufgewühlt. Minuten später ruft er in der Suchtstation der UPK an. «Ich sagte: Sophie führt einen Suizidversuch durch. Sie stirbt jetzt gerade.» Elio glaubt, Sophie sei aus der UPK abgehauen, deshalb sagt er der diensthabenden Person: «Rufen Sie die Polizei, sucht sie!» An Sophie schreibt er: «Please text me, if you are alive» – gib mir ein Zeichen, wenn du lebst.

Sophies Abschied war ein Abschied in Raten.

Vier Jahre vor jener verhängnisvollen Freitagnacht waren Elio und Sophie noch ein Paar gewesen. Elio gestand sich damals gerade ein, im falschen Körper zu leben. Sophie war da schon einen Schritt weiter. Im Sommer 2022 erhielt sie Pubertätsblocker, nach einer Reihe ärztlicher Abklärungen konnte sie im November 2022 im Zivilstandsregister ihren neuen Namen eintragen – und im Sommer darauf begann sie mit der Hormontherapie.

Auf Identitätssuche

«Sophie hatte bereits viel Erfahrung in diesen Themen, und sie hat mir auf meinem Weg unglaublich geholfen», erinnert sich Elio. Einen Monat nach ihrer Namensänderung, im Dezember 2022, standen Sophie und Elio in einem Wald im Aargau. Es lag Schnee an jenem Morgen. Sophie wollte sich von ihm in der Natur fotografieren lassen. Sie trug ein schulterfreies, weisses Kleid. Ihre Haare reichten weit über die Schultern, auf dem Kopf eine Lichterkette, eingeflochten in weisse Rosen. Die Augen dunkel geschminkt. «Das waren die ersten Bilder von ihr als Frau. Sie fühlte sich schön, es war ihre Selbstinszenierung, sie war Creative Director.»

Doch die Verbindung zwischen den beiden war fragil. Anfang 2023 beendete Elio die Beziehung. Kurz vor Sophies 18. Geburtstag. «Es wurde mir alles zu viel, ich hatte meine eigenen psychischen Probleme.» Sie habe zwar gekifft und ihre psychischen Probleme schöngeredet und diese manchmal richtiggehend romantisiert. Aber Drogen seien damals bei Sophie noch kein Thema gewesen.

Ein langer Leidensweg

Sophie wuchs gemeinsam mit ihrem Bruder bei ihrer Mutter und deren Partner auf. Ihre Eltern hatten sich getrennt, da war sie zweieinhalb Jahre alt. Jedes zweite Wochenende verbrachten die Kinder beim Vater. Im Vorschulalter war Sophie – damals noch ein Junge – aufgestellt, aber oft in einer eigenen Welt. Auf Bildern und Videos spielt der Bub im Kinderzimmer, kocht Essen und bläst Kerzen vom Geburtstagskuchen.

In der Schule wurde es schwierig. Sass die Klasse im Kreis, musste der Bub immer links der Lehrerin sitzen. Eines Tages klammerte er sich nach der Pause an ein Geländer und wollte nicht mehr ins Klassenzimmer. «Die Schulzeit war geprägt von Sitzungen mit Heilpädagogen, Schulpsychologen – und immer wieder Elterngesprächen», sagt die Mutter.

In der Oberstufe kämpfte sich Sophie von der Real- in die Sekundarschule hoch. Sie hatte einen guten Draht zum Lehrer. «Sophie war ein spezielles Kind», erinnert sich dieser. «Aber aufgeweckt, mit einem grossen Allgemeinwissen und einer unendlichen Neugier.» Von einer Klassenreise gibt es ein Video. Sophie – noch immer als Knabe – gibt sich für einen Rentner aus Österreich aus – und macht sich in breitem Dialekt lustig über Jugendliche, die ständig am Smartphone sind.

Zu Hause war es weniger lustig. Es herrschte Hausaufgabendruck, Prüfungsdruck, Familiendruck.

Outing und Überforderung

Nach der Schulzeit begann Sophie eine Lehre als Polygrafin. Sie hatte eine künstlerische Begabung. Doch die Spannungen nahmen weiter zu. Die Eltern konnten das Ausmass ihrer Identitätskrise nur erahnen. Fachleute nennen diesen Zustand Dysphorie oder eben: Genderdysphorie. Dabei führt die innere Zerrissenheit zu einem starken psychischen Leidensdruck, oft zu tiefer Traurigkeit, Angst oder gar Verzweiflung.

Es war Sommer 2022, als sich Sophie ihrer Mutter und deren Partner gegenüber outete. In einer langen Whatsapp-Nachricht erklärt sie, dass sie ein Leben als Mann nicht aushalten könnte. Ihr engster Kollegenkreis wusste da schon seit zwei Jahren Bescheid. Aber jetzt wollte sie von allen Sophie genannt werden. Auch von den Eltern. «Für uns war das ein Erdbeben», sagt die Mutter. «Ich erinnere mich, wie Sophie das erste Mal im Rock die Treppe herunterkam. Dann …» – die Mutter schluckt leer, lässt den Satz unvollendet.

Nach dem Outing suchte die Mutter nach Fachleuten. Sie wollte verstehen. Zugleich fiel es ihr schwer, nur schon Sophies neuen Namen auszusprechen, etwa wenn sie die Kinder zum Essen rief. Die Mutter überschüttete sie mit Hilfsangeboten – und löste damit das Gegenteil aus von dem, was sie sich wünschte. Die Tochter zog sich zurück, stiess die Mutter von sich.

Im Alltag kam es in jener Zeit zu vielen Konflikten. Die Mutter holte Sophie morgens aus dem Bett und sorgte dafür, dass sie ihren Tag bewältigt. «Ich wollte sie unbedingt in der Spur halten», erinnert sich die Mutter. Sophie hatte Angstzustände und Panikattacken. Doch je aktiver die Mutter wurde, desto verschlossener wurde Sophie. Ende 2022 verschrieb ihr der Arzt schliesslich Benzodiazepine gegen ihre Angstzustände. Mutter und Tochter diskutierten die Gefahren einer Abhängigkeit. Sie vereinbarten, dass die Medikamente bei der Mutter bleiben. Doch die Abmachung hielt nicht lange.

Sophies letzte Nachricht an Ronnie

Auch Ronnie erhält an jenem 27. Februar 2026 eine Sprachnachricht von Sophie – praktisch zeitgleich wie Elio. Es ist vier Minuten vor elf Uhr. «Yeah, Ronnie», sagt Sophie. Ihre Stimme ist leise, brüchig, verzögert – sie wirkt benommen. Nach wenigen Sätzen verabschiedet sie sich – wie immer spricht sie dabei Englisch – mit den Worten: «Danke, du warst immer ein so gutmütiger Mensch, du hast Mitgefühl und Verständnis gezeigt, trotz all meinen Fehlern in der Vergangenheit. Du bist ein wundervoller Mensch.» Nach 37 Sekunden endet die Sprachnachricht.

Für Ronnie ist sofort klar: Dieses Mal ist es Sophie ernst. Im letzten halben Jahr war Sophie bereits mehrfach mit einer Überdosis ins Spital eingeliefert worden. Er selbst hatte seit ein paar Wochen kaum mehr Kontakt zu ihr. Aus Selbstschutz. Ein Jahr zuvor war das noch ganz anders. Da hatte Sophie immer mal wieder bei ihm auf dem Sofa übernachtet. Sophie hatte damals ihre Wohnung verloren und wohnte mal hier, mal da. Die Sucht machte es ihrem Umfeld aber zunehmend schwer.

Noch vor Mitternacht ruft auch Ronnie auf der Suchtstation der psychiatrischen Klinik in Basel an. Er erklärt der diensthabenden Person, dass sich Sophie umbringen wolle. «Es hiess, man werde meine Nachricht weiterleiten und nach ihr schauen», erinnert sich Ronnie. Sorgen habe er sich anschliessend keine mehr gemacht, schliesslich hatte er ja nun die Psychiatrie alarmiert. «Aber ich dachte, Sophie wird wohl hässig auf mich sein, weil sie nun auf die geschlossene Abteilung kommt.»

Der Kontaktabbruch

Zurück ins Jahr 2023. Sophie wurde in jenem Jahr volljährig. Sie wohnte noch zu Hause. Aber die Mutter und ihr Partner bekamen immer weniger von ihr mit. Kurz nach ihrem 19. Geburtstag zog Sophie aus. Sie lebte fortan in Lenzburg, in einem Studio einer Institution, die Jugendliche in schwierigen Situationen begleitet. Bald schon brach Sophie den Kontakt zu ihrer Mutter ganz ab: «Das war ein radikaler Schritt, sie blockierte mich auch auf dem Handy.»

Die folgenden fast zwei Jahre bis zu Sophies Tod beschreibt die Mutter rückblickend als «Hölle auf Erden». Die einzigen Informationen erreichten sie indirekt – und zeitverzögert; aus Arztrechnungen, Mahnungen oder wenn Sophies Arbeitgeber wegen der häufigen Absenzen mal wieder bei ihr nachfragte. Sophie suchte in jener Zeit auf eigene Faust nach ärztlicher Hilfe, liess sich Benzos und Valium verschreiben, teils von mehreren Ärzten gleichzeitig.

Von den Drogenproblemen und der zeitweisen Obdachlosigkeit wusste die Mutter damals nichts. Sie bekam auch nicht mit, dass Sophie Ende 2024 in Basel eine Freundin hatte und zu ihr ziehen wollte. Oder dass sich Sophie in ihrem Umfeld als suizidal beschrieb. Dass ihre Musik-Playlists Titel trugen wie: «Songs to kill me» und «Songs to sleep for ever».

Sophies letzter Kontaktversuch mit Ani

Ani erhielt in jener Freitagnacht keine Sprachnachricht von Sophie, sondern einen Anruf – um 22.52 Uhr. Doch da hatte Ani ihr Telefon bereits ausgeschaltet, wie sie es immer tut, wenn sie am Tag darauf arbeiten muss. Am nächsten Morgen sah sie den Anruf in Abwesenheit – und schrieb Sophie eine Nachricht. Eine Antwort erhielt sie nicht. «Ich hatte ein komisches Gefühl», sagt sie rückblickend – und so rief sie am Sonntag in der Klinik an. Es war 11 Uhr. Ani fragte, ob sie Sophie sprechen könne. «Es hiess, sie sei nicht da.» Niemand in ihrem Umfeld wusste etwas. Heute sagt Ani: «Der Suizid war perfekt geplant – und er war absehbar. Früher oder später musste es so kommen.»

Ani und Sophie kannten sich seit früher Kindheit. Entsprechend tief war ihre Verbundenheit. «Die letzten drei Monate ging es nur um Drogen, um ihren Konsum», sagt Ani. Valium, Amphetamin, Kokain, MDMA, Crystal Meth, Heroin. An Weihnachten, zwei Monate vor Sophies Tod, war Sophie noch bei ihr. «Da hatte sie ein komplettes Knock-out», erzählt Ani. «Sie kollabierte mit offenen Augen und offenem Mund.» Wochen später schnitt sie ihr noch die Haare. Danach sei Sophie auf den Klappstuhl gestiegen und stampfte mit den Füssen: «So zeigte sie, dass sie Freude hat.» Noch am Tag vor Sophies Tod tauschen sie sich über Whatsapp aus. Sophie schrieb, es gehe ihr besser in der «Psychi» – die Dosis der Medikamente habe sie schon reduzieren können.

Am Tiefpunkt

Gut zwei Jahre zuvor, Ende 2024: Sophie hat ihre Wohnung im Aargau verloren, ihre Lehre abgebrochen, schlief mal hier, mal dort. In Basel fand sie schliesslich Mitte 2025 einen ersten betreuten Wohnplatz. Im Herbst wechselte sie in ein Studio mit einer weniger intensiven Betreuung. Doch zum Jahreswechsel musste sie auch diesen Ort wieder verlassen. Die Verantwortlichen der Institution waren überfordert, mit ihrem Drogenkonsum, mit ihrem psychischen Zustand. Mehrfach wurde sie bewusstlos aufgefunden und per Ambulanz ins Spital gebracht. Diagnose: Intoxikation. Sophie, inzwischen 20 Jahre alt, war ganz unten angekommen; medikamentenabhängig, drogenabhängig, obdachlos.

Sophies letzte Nachricht an Olivia

Sophie schreibt auch Olivia eine Nachricht. Doch sie hat diese so getimt, dass sie bei Olivia erst am Tag darauf eintrifft, am Samstagmorgen um acht Uhr. Sophie schreibt: Wenn sie diese Zeilen lese, sei sie schon tot. Es treffe sie keine Schuld. Sophie schickt Olivia auch die Passwörter zu ihren Onlinezugängen: zu einer Cloud zum Beispiel, in der sie alle ihre Bilder abgelegt hat. Und sie schickt ihr ihre Wünsche für die Abdankungsfeier und das Grab – dazu ein Selfie von sich: Lange Haare verdecken ihr bleiches Gesicht, sie trägt ein schwarzes Shirt, einen schwarzen Anhänger, der Mund trostlos, ihr Blick abwesend.

In der Woche zuvor hatte Olivia jeden Tag einen Anruf von Sophie erhalten. Doch sie nahm nicht ab. Nicht mehr. Olivia hatte den Kontakt auf den Austausch von Textnachrichten reduziert. Auch bei ihr hatte Sophie zuvor immer mal wieder übernachtet. Auch bei ihr lag Sophie zugedröhnt und bewusstlos am Boden. Auch bei ihr war irgendwann Schluss. «Mir ging es psychisch nicht gut, ich hatte nicht mehr die Kapazität, ihr zu helfen. Ihre Existenz wurde für uns alle fast unerträglich.»

Die gleiche Nachricht wie Olivia erhielt auch Sophies frühere Freundin. Die beiden waren etwa ein Jahr ein Paar. Ihretwegen war Sophie nach Basel gekommen. Zu ihr wollte sie ziehen. Doch Sophies Freundin musste damals einen Weg aus ihrer eigenen Krise finden. Im Sommer 2025 konnten sich beide zeitweise von den Drogen lösen. Beide schlitterten aber im Herbst wieder hinein. Die Freundin lebte in einer betreuten Wohnung, Sophies Anwesenheit führte zu Spannungen. Schliesslich war Sophie dort nicht mehr erwünscht. Irgendwann war ihrer Freundin klar: Um sich selbst aufzufangen, musste sie die Beziehung beenden. Das war Anfang 2026.

Die letzte Nacht

Nachdem Elio und Ronnie in der UPK angerufen hatten, schaute offenbar die diensthabende Nachtwache bei Sophie vorbei. Im Polizeirapport schildert eine Angestellte der Psychiatrie den Sachverhalt so: «In Rücksprache mit dem Dienstarzt wurde Sophie anschliessend damit konfrontiert. Diese gab an, dass die Suizidgedanken nicht ernst zu nehmen wären und dass sie sich nichts antun würde.» Eine andere Angestellte ist im Polizeiprotokoll so zitiert: «Es gab aber keine Massnahme. Suizidgedanken hatte sie schon öfters ausgesprochen.»

Die Uhrzeit dieses Gesprächs steht nicht im Polizeiprotokoll. Ebenfalls nicht protokolliert ist, ob die Zimmerkontrolle, die «in der Regel» zwischen fünf und sechs Uhr durchgeführt wird, stattgefunden hat. Man lasse die Patientinnen am Wochenende ausschlafen, meinte eine Angestellte zur Polizei.

«Ich gebe niemandem die Schuld für Sophies Tod», meint die Mutter. Aber: «Warum unternahm niemand etwas, obschon zwei Personen den möglichen Suizid gemeldet haben?» Und Sophies Mutter beschäftigt noch etwas anderes, etwas Grundsätzliches: Dass neurodivergente Personen womöglich falsch unterstützt und behandelt werden. «Sophies Tod soll zumindest dazu beitragen, das Verständnis der Themen Psychopharmaka, Neurodivergenz und Suizidprävention zu verbessern.»

Es ist Samstag, der 28. Februar 2026. Ani und Ronnie rufen bei Olivia an. Sie wollen wissen, ob sie etwas von Sophie gehört hat. Hat sie nicht. Auch Elio weiss nichts. Alle klammern sich an den Gedanken, Sophie gehe es gut. Sie sei schliesslich in einer Klinik. Das Personal würde schon zu ihr schauen.

Elio: «Sophie dachte, sie sei allein, dabei waren wir für sie da.» Ronnie: «Sie hat sich mit Medikamenten und Drogen zugedröhnt und damit nach Hilfe geschrien. Ich hätte für sie da sein sollen, konnte aber nicht.» Ani: «Sophie realisierte, dass sie Hilfe braucht, aber sie konnte die Hilfe nicht annehmen.» Olivia: «Ich hatte Hoffnung für sie, auf das Leben. Aber Sophie war am Ertrinken und riss andere mit sich.»

Inzwischen ist es Sonntag. Nun erfährt auch die Mutter, dass Sophie nicht mehr erreichbar ist – dass etwas nicht stimmt. Um 18 Uhr ruft sie in der UPK Basel an und möchte mit ihrer Tochter reden. Die diensthabende Ärztin ist höflich – und sagt nichts. Die Tochter ist volljährig. Es gilt die ärztliche Schweigepflicht. Zwei Stunden später klingelt die Polizei – und überbringt die Todesnachricht.

Aufgefunden wurde Sophie am Samstagvormittag um 11 Uhr 25. Ein Angestellter gab gegenüber der Polizei zu Protokoll: «Sie lag mit dem Rücken auf ihrem Bett, die Finger ihrer Hände auf ihrem Bauch verschränkt. Es sah aus, als würde sie beten. Auf dem Brustkorb lag ihr Smartphone.» Unmittelbar nach dem Tod eröffnete die Staatsanwaltschaft ein Strafverfahren. Allerdings wurde auch ein halbes Jahr nach Sophies Tod noch nicht einmal der diensthabende Arzt einvernommen. Auf Anfrage des Beobachters will die Staatsanwaltschaft keine Stellung nehmen, laufende Strafverfahren würden dem Amts- und Untersuchungsgeheimnis unterliegen. Gegenüber den Angehörigen hält die Staatsanwaltschaft fest: «Die Ermittlungen (…) nehmen verständlicherweise geraume Zeit in Anspruch, da sie sehr umfassend und gründlich geführt werden.»

UPK will sich nicht äussern

Der Beobachter wollte von den Universitären Psychiatrischen Kliniken Basel wissen, weshalb im Fall von Sophie keine Massnahmen angeordnet wurden, obschon zwei Personen telefonisch vor einem möglicherweise bevorstehenden Suizid gewarnt hatten. Die Antwort: Zum konkreten Fall nehmen die UPK nicht Stellung. Man unterstehe der Schweigepflicht, diese gelte über den Tod einer Patientin hinaus. Nur so viel: «Wir tun alles, um Suizide zu vermeiden.»

Die UPK betonen, im Vordergrund einer Behandlung stehe der «Aufbau von Vertrauen». Man strebe eine «tragfähige therapeutische Beziehung» zu den Betroffenen an. «Dominieren Kontrollmassnahmen das Alltagsgeschehen einer Psychiatrie, erleben viele Betroffene Hoffnungslosigkeit und einen Verlust von Würde und Vertrauen, was wiederum Suizidabsichten verstärken kann.» Die durchschnittliche Suizidrate sei in den Einrichtungen der UPK wesentlich tiefer als der Durchschnittswert im deutschsprachigen Raum.

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