«Kirchenrat bittet Betroffene sexueller Übergriffe um Entschuldigung und übernimmt Verantwortung für frühere Versäumnisse»: So lautete der Titel der Stellungnahme, die die Evangelisch-reformierte Landeskirche des Kantons Zürich am 19. Oktober verschickte. Mindestens zehn Frauen sollen zwischen 1992 und 2007 «sexuelle, körperliche und seelische Übergriffe erfahren haben».
Das ist ein Beitrag aus dem «Beobachter». Das Magazin berichtet ohne Scheuklappen – und hilft Ihnen, Zeit, Geld und Nerven zu sparen.
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«Aus Gründen des Persönlichkeitsschutzes» nennt Mediensprecherin Jessica Van Wezemael keinen Namen und will auch sonst keine Details bestätigen.
Vorwürfe waren dem Kirchenrat seit 2017 bekannt
Die Kantonalkirche kommuniziert lediglich, dass man «im vergangenen Jahr Meldungen zu sexuellen Übergriffen durch einen ehemaligen Pfarrer» erhalten habe. Recherchen des Beobachters belegen: Die Zürcher Kirchenverantwortlichen wussten spätestens seit 2017 von Vorwürfen.
Damals wandte sich diese Redaktion mit einem Akteneinsichtsgesuch an die kantonale Kirche. Zuvor hatten mehrere Frauen unabhängig voneinander sexuelle Übergriffe durch den früheren Winterthurer Stadtpfarrer gemeldet. Der Beobachter verlangte damals Protokolle des Kirchenrats, in denen es um die Kündigung durch den Pfarrer im Jahr 2007 in Winterthur ging.
Die Kirchenleitung lehnte das Gesuch damals ab – mit dem Verweis, eine Akteneinsicht würde die Persönlichkeitsrechte des Beschuldigten verletzen. Der ehemalige Stadtpfarrer hatte sich mithilfe einer renommierten Anwaltskanzlei gegen die Freigabe der Dokumente gewehrt. Das Gesuch erwähnte die Vorwürfe der sexuellen Übergriffe explizit.
Administrativuntersuchung wurde abgebrochen
In ihrer aktuellen Stellungnahme räumt die Kirchenleitung dann auch ein, dass die Landeskirche bereits vor 20 Jahren eine Administrativuntersuchung gegen den Pfarrer wegen angeblicher Übergriffe führte. Diese wurde jedoch nie zu Ende geführt.
In den Kirchenkreisen waren die Vorwürfe ein offenes Geheimnis. 2008 etwa bewarb sich der Mann um eine Pfarrstelle im Berner Oberland – und wurde dort nur als Verweser, also als eine Art Stellvertreter, angestellt, weil entsprechende Gerüchte kursierten. Danach zog er weiter ins Wallis und schliesslich nach Genf, wo er in einer deutschsprachigen Gemeinde angestellt war. 2015 trennte man sich dort von ihm. Die Begründung: «Unstimmigkeiten und Missstände». Seither wirkt der Pfarrer gemäss seinem LinkedIn-Profil als «Berater in Lebensfragen und Sinnkrisen». Er war für eine Stellungnahme nicht erreichbar.
In der aktuellen Stellungnahme kritisiert der Zürcher Kirchenrat das Nichthandeln der damaligen Verantwortlichen als «nicht adäquate Reaktion und ungenügende Wahrnehmung der Verantwortung» und bittet die Opfer um Entschuldigung.
Von sexuellen Übergriffen Betroffene erfahren in der reformierten Kirche weiterhin wenig Empathie. Das erlebte auch eines der mutmasslichen Opfer des Geistlichen, die die Übergriffe Ende 2025 bei der zuständigen kirchlichen Stelle meldeten. Einer der Verantwortlichen habe im Gespräch die Sache kleinzureden versucht: «Er sagte mir: ‹Das ist doch jetzt 30 Jahre her, was wollen Sie denn noch?›»
Die Mediensprecherin der Kirche weist diese Darstellung zurück und verweist auf das Protokoll des Gesprächs, in dem diese Aussage nicht aufgeführt sei.
Stadtpfarrer blieb gern gesehener Gast der Landeskirche
Auch zum eigenen Versagen – dass die Landeskirche seit Jahren von den Vorwürfen wusste und nicht handelte – will man sich nicht äussern. Denn auch nach seinem Abgang aus Winterthur im Jahr 2007 war der ehemalige Stadtpfarrer ein gern gesehener Gast der Landeskirche. Bereits im Herbst 2014 lud diese per Flugblatt wieder zu einer Veranstaltung mit ihm ins Grossmünster ein. Die Mediensprecherin nimmt dazu nicht Stellung – «aus Gründen des Persönlichkeitsschutzes».