Darum gehts
- Pensionär Walter O. zahlt 1642 Franken für kurzen medizinischen Eingriff in Luzern
- BAG bestätigt Problem mit Pauschaltarif, Anpassungen ab Januar 2027 geplant
- Frühere Abrechnung: Unter 100 Franken, jetzt teurer durch revidiertes Tarifsystem
Die Prämien für die Krankenkasse dürften auch nächstes Jahr wieder steigen. Gemäss neusten Prognosen droht ein Anstieg um bis zu 5 Prozent, in Extremfällen bis zu 20 Prozent. Dass im Gesundheitswesen nicht jeder abgerechnete Franken gerechtfertigt ist, zeigt der Fall von Walter O.* (76) aus Stans NW.
Der pensionierte Mechaniker hatte seit Jahren Schwierigkeiten beim Gehen. Der kleine Zeh am linken Fuss schmerzte bei jedem Schritt. Anfang Jahr schlug dann die Podologin Alarm: «Sie legte mir nahe, dass ich zum Spezialisten gehe», sagt der Senior. «Ich hatte einen Krallenzeh. Sie meinte, dass sie das nicht mehr behandeln kann, es sei jetzt zu schlimm.»
Bei OP noch alles im grünen Bereich
Ein paar Monate später kann der passionierte Wanderer zwar zum ersten Mal seit langem wieder schmerzfrei gehen. Doch die Abrechnung verdirbt ihm die gute Laune.
Für die Operation in der Hirslanden-Klinik in Meggen LU werden 2500 Franken verrechnet – das konnte Walter O. nachvollziehen. Hier wurde seine Zehe unter Vollnarkose gerichtet. «Da war ein ganzes Team mit mir beschäftigt, und der Eingriff dauerte länger. Da kann ich die Kosten nachvollziehen», sagt der Pensionär.
Doch die Nachbehandlung im Fusszentrum Luzern schlägt mit 1642 Franken zu Buche. «Ich traute meinen Augen nicht, als ich sah, welche Zahl auf der Patientenkopie stand. Es war eine Mini-Behandlung, sie dauerte keine zehn Minuten.
Es ging nur darum, einen Stützdraht zu entfernen», sagt der Patient. «Es war ein kleiner Eingriff. Die Ärztin zog am Draht, und draussen war er. Das hätte ich auch selber machen können.»
Zuvor unter 100 Franken
Nachdem er die hohe Rechnung erhalten hatte, meldete er sich umgehend beim Rechnungssteller – auch wenn es am Schluss die Krankenkasse sein dürfte, die den Monster-Betrag blechen muss. Er wollte wissen, wie der Betrag zustande gekommen war. «Die Angestellten im Fusszentrum hatten viel Verständnis für meinen Ärger, konnten aber nichts machen. Sie sagten mir, ihnen seien die Hände gebunden», erzählt Walter O.
Seit Anfang Jahr müssten sie unter dem neuen Tarifsystem Tardoc den Eingriff unter dieser Pauschale verbuchen. Mit dem neuen Tarifsystem, seit Januar in Kraft, sollte die Abrechnung mit Pauschalen vereinfacht werden. Nur: Vor der Revision habe der Eingriff weniger als 100 Franken gekostet, einen Bruchteil der neuen Kosten! Walter O. sagt: «Das Gesundheitssystem will doch sparen – bin ich im falschen Film?»
Blick fragte beim Bundesamt für Gesundheit (BAG) nach. Das Amt räumt ein, dass es bei der Tarifziffer «C08.33D» ein Problem gibt. Sprecherin Stéphanie Germanier schreibt auf Anfrage: «Es hat sich gezeigt, dass diese Pauschale eine breite Palette von Eingriffen abdeckt und die Bewertung für einfachere Eingriffe wie die Entfernung von Drähten nicht in allen Fällen sachgerecht war.»
Die Problematik sei den Tarifpartnern gemeldet worden. «In der revidierten Fassung per 1. Januar 2027, die derzeit beim BAG in Prüfung ist, haben sie Anpassungen vorgenommen», schreibt Germanier.
Arzt bestätigt Beobachtung seines Patienten
Auch der Leiter des Fusszentrums Luzern, Daniel Krapf, bestätigt die Beobachtung seines Patienten. Er schreibt: «Für den Eingriff müssen wir den Pauschalbetrag gemäss Tardoc verrechnen. Diese Positionen sind vertraglich vorgegeben und lassen keinen Spielraum zu.» Der Arzt erklärt: «In diesem Fall steht die Höhe der Fallpauschale in keinem Verhältnis zum tatsächlichen Aufwand, der – wie der Patient erwähnt hat – sehr gering war.»
Krapf bestätigt, dass bis Ende 2025 im früheren System leistungsbasiert abgerechnet wurde. Er sagt: «Für denselben Eingriff wären rund 100 Taxpunkte angefallen, also etwa 90 Franken. Hinzu kamen Konsultation, Material und Bericht – insgesamt mehrere Hundert Franken. Die Abrechnung war früher transparent und nachvollziehbar.»
Die meisten Vergütungen sind günstiger
Gleichzeitig betont der Leiter des Fusszentrums, dass die Rechnung nur bei diesem spezifischen Eingriff höher ausfalle als im früheren Modell. «Insgesamt ist die Vergütung deutlich zurückgegangen. Viele Leistungen, die wir im Interesse einer qualitativ hochwertigen Versorgung erbringen, können wir heute nicht mehr abrechnen», sagt er. Dadurch gerieten nicht nur die Qualität der Versorgung, sondern auch Arbeitsplätze in spezialisierten Praxen unter Druck, kritisiert er. Insgesamt werde also eher zu wenig verrechnet, so der Klinikleiter.
Rentner Walter O. hat für alle Patienten einen wichtigen Tipp: «Fragt nach, wenn eine Position zu hoch erscheint. Nur wenn wir alle bei zu hohen Beträgen eine Rückmeldung geben, werden diese Tarife vielleicht angepasst.»
*Name bekannt