«Wollt ihr uns für dumm verkaufen?»
Wie Big Pharma die Schweiz in der Hand hat

Die Pharmaindustrie ist der wichtigste Wirtschaftsmotor unseres Landes. Sie versucht, ihre Vormachtstellung zu nutzen, um höhere Medikamentenpreise durchzusetzen.
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Die Pharmabranche ist zum Zankapfel der Weltpolitik geworden.
Foto: GAETAN BALLY

Darum gehts

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Gian Signorell
Beobachter

Anfang April 2026. Schauplatz: ein Nobelhotel in Interlaken. Dort finden die Health Insurance Days statt, eine exklusive Tagung, die die Pharmabranche grosszügig sponsert.

Auf die Bühne tritt Jörg Indermitte, Leiter der Abteilung Arzneimittel Krankenversicherung im Bundesamt für Gesundheit (BAG). Was der Kadermann unter dem offiziellen Logo des BAG sagt, gleicht einer Abrechnung. Die Medikamentenkosten in der Grundversicherung seien in zehn Jahren um mehr als 50 Prozent gestiegen, auf inzwischen 9,2 Milliarden Franken. Die Schweizer zahlten die höchsten Preise in ganz Europa. Er wirft der Branche, deren Vertreter im Publikum sitzen, «intensives Lobbying», «Angstmacherei» und «Drohgebärden» vor. Und fragt: «Wollt ihr uns für dumm verkaufen?»

Artikel aus dem «Beobachter»

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Indermittes Auftritt zeigt, wie angespannt das Verhältnis zwischen Bund und Pharma ist. Beide verbindet eine Art Hassliebe: Das BAG soll die Prämien senken, doch die Eidgenossenschaft und die Wirtschaft sind auf die Milliardengewinne der Pharmakonzerne angewiesen – und auf die sprudelnden Steuern. Die Schweizer Pharmabetriebe zahlen jährlich rund fünf Milliarden Franken Steuern und investieren – nach eigenen Angaben – weitere neun Milliarden in Forschung und Entwicklung.

Die Pharmabranche ist kein gewöhnlicher Wirtschaftszweig. Sie treibt den Schweizer Wohlstand. Auf sie entfallen 40 bis 45 Prozent aller Exporte. Sie beschäftigt direkt über 50’000 Menschen und schafft weitere 250’000 Arbeitsplätze in verwandten Sektoren. Mit indirekten Effekten beträgt ihre Wertschöpfung 75 Milliarden Franken – knapp 10 Prozent des Bruttoinlandprodukts. Wenn Vertreter von Interpharma, Roche oder Novartis im Bundeshaus auftreten, sprechen sie mit dem Gewicht des wichtigsten Schweizer Steuerzahlers.

Das Dilemma der Parlamentarier

Erich Ettlin (Mitte, OW) benennt das Dilemma der Parlamentarierinnen und Parlamentarier offen: «Natürlich fühle ich mich neben den Anliegen der Prämienzahlerinnen und Prämienzahler auch verantwortlich für das Wohl des Wirtschafts-, Forschungs- und Arbeitsstandorts», sagt er gegenüber dem Beobachter. Die Pharma in der Schweiz sei schon fast zum Klumpenrisiko geworden. Das mache ihm Sorgen. Fazit: Jeder Versuch, die Medikamentenpreise zu senken, gilt sofort als Gefahr für den Werkplatz. Die Politik sitzt in der Falle.

Die Pharmakonzerne verhandeln höflich im Ton, aber hart in der Sache. Ihre schärfste Waffe ist die Drohung, bei Preisstreitigkeiten mit dem BAG lebenswichtige Medikamente für Patientinnen und Patienten gar nicht erst einzuführen oder wieder vom Markt zu nehmen. Das werde immer häufiger vorkommen, wenn Europa seine Systeme nicht reformiere, sprich: mehr bezahle. So zitierte der «Tages-Anzeiger» Novartis-Chef Vas Narasimhan im Sommer des letzten Jahres.

Im November legte der Novartis-Chef nach. Wenn die europäischen Länder ihre Preispolitik nicht änderten, sei es denkbar, «dass bestimmte Medikamentenklassen in Europa nur noch auf dem Privatmarkt eingeführt werden». Neue Medikamente also nicht mehr für alle, sondern nur noch für zahlungskräftige Patienten.

«Da die betreffenden Aussagen bereits vor einem Jahr veröffentlicht wurden, können wir diese leider nicht mehr abschliessend bestätigen», schreibt Novartis dazu und dankt fürs Verständnis.

In den parlamentarischen Gesundheitskommissionen gehen die Reaktionen dazu auseinander. Für Linke ist das schlicht Nötigung. Grünen-Nationalrätin Manuela Weichelt (ZG) reagiert dezidiert: «Ich lasse mich nicht erpressen.» Die SP-Politikerinnen Barbara Gysi (SG) und Brigitte Crottaz (VD) verurteilen das Vorgehen als «unanständig» und «beschämend».

Bürgerliche sehen das anders. Für FDP-Ständerat Damian Müller (LU) kann «von Erpressung keine Rede sein». Auch der Innerrhoder Mitte-Nationalrat Thomas Rechsteiner empfindet solche Diskussionen nicht als Druck. Wenn Unternehmen bei regulatorischen Entscheiden auf die Folgen für Investitionen oder Arbeitsplätze hinwiesen, gehöre das zu einer legitimen politischen Debatte. Die Thurgauer FDP-Nationalrätin Kristiane Vietze stimmt ihm zu. Es sei das «gute Recht» der Unternehmen, auf mögliche Konsequenzen politischer Entscheide hinzuweisen. Aufgabe der Politik sei es aber, solche Aussagen sorgfältig zu prüfen und eigenständig zu gewichten.

Roche nimmt Krebsmittel vom Markt

Dass die Pharmaindustrie nicht nur droht, zeigte Roche im letzten Jahr. Der Konzern zog das Krebsmedikament Lunsumio zurück, nachdem mit dem BAG keine Einigung über die Vergütung zustande gekommen war. Die Patientenorganisation Lymphome.ch schrieb in einer Stellungnahme, das Leben von Patienten dürfe «nicht Gegenstand taktischer Auseinandersetzungen werden», und bezeichnete den Rückzug als «inakzeptabel».

Der Ton zwischen der Pharmabranche und dem BAG ist in den vergangenen Monaten noch rauer geworden. Der Grund dafür sitzt in Washington: Donald Trump. Er will die Medikamentenpreise in den USA an ein Modell koppeln, das sich an G7-Staaten, Dänemark und eben der Schweiz orientiert. Künftig sollen Medikamente in den USA nicht mehr kosten als im zweitgünstigsten Land in dieser Referenzgruppe. Den Pharmakonzernen drohen dadurch empfindliche Umsatzeinbussen. Die USA sind mit Abstand der wichtigste Absatzmarkt, die Hälfte des Umsatzes mit allen weltweit verkauften Medikamenten wird in den USA gemacht.

Das Kalkül der Konzerne ist einfach. Und hart: Wenn ein kleines Referenzland wie Dänemark oder die Schweiz auf einem fairen Preis besteht, riskieren sie, im US-Markt Milliarden zu verlieren. Ökonomisch kann es also Sinn ergeben, ein Medikament in einem kleinen Markt gar nicht erst einzuführen, statt über den tieferen Referenzpreis die US-Gewinne zu gefährden. Das Referenzland wird so zum unfreiwilligen Spielball im globalen Preispoker.

Diskrete Netzwerke im Bundeshaus

Damit die Schweiz in diesem Spiel weiter nach den Regeln der Pharmaindustrie spielt, pflegt die Branche diskrete Netzwerke im Bundeshaus. Ein zentrales Instrument dieses Lobbyings etwa ist die IG Biomedizinische Forschung und Innovation. In der Interessengruppe tauschen sich Wirtschaftsverbände wie Interpharma diskret mit ausgewählten Parlamentariern aus. Es gibt kaum öffentliche Informationen dazu.

«Die IG ist keine parlamentarische Gruppe und besteht nicht nur aus Parlamentarierinnen und Parlamentariern. Sie versteht sich als Interessengemeinschaft für den Standort Schweiz der biomedizinischen Forschung und Innovation mit Fokus auf Erhalt, Stärkung und Verbesserung der Standortqualität und diskutiert die relevanten und aktuellen Fragen des Standorts mit Fachleuten», schreibt Georg Därendinger von Interpharma dem Beobachter.

Die Frage des Beobachters, ob die IG als politische Einsatztruppe der Pharmaindustrie fungiert, um im Parlament preissenkende Massnahmen abzuwehren, beantwortet Därendinger nicht. Auch die Frage, warum es keine öffentliche Website oder keine öffentlichen Informationen zu den behandelten Themen und den genauen Tätigkeiten der IG gibt, lässt er unbeantwortet.

Parlamentarier als Lobbyisten

Für die Pharma scheinen sich die Aktivitäten der IG auszuzahlen. So forderte Mitte-Nationalrätin und IG-Mitglied Elisabeth Schneider-Schneiter (BL) in der «Sonntags-Zeitung», das BAG müsse sich bei der Preisfestsetzung bewegen. Sprich: höhere Preise akzeptieren. In der Fragestunde des Parlaments im März warf sie dem BAG vor, die Entwicklung der Arzneimittelkosten nicht korrekt darzustellen. In einem Vorstoss vom vergangenen Dezember kritisierte sie die internationalen Medikamenten-Preisvergleiche des BAG, weil diese nicht kaufkraftbereinigt seien. Genau diese Kritik äussert auch der Branchenverband Interpharma.

Den Vorwurf, sie stelle die Interessen der Pharma über die Interessen der Prämienzahlenden, will Schneider-Schneiter nicht gelten lassen. «Für mich stellt sich die Frage, wie wir sowohl bezahlbare Prämien als auch den Zugang zu den besten verfügbaren Therapien sicherstellen. Da greift die Sicht nur auf die Kosten zu kurz», schreibt sie dem Beobachter. Es brauche in der Schweiz Rahmenbedingungen, die der neuen US-Politik mit den Referenzpreisen Rechnung trügen. An der Mitgliedschaft in der IG schätze sie «den Wissenstransfer in beide Richtungen» und die Möglichkeit, «Informationen aus erster Hand» zu erhalten.

Ein zentraler Akteur in diesem Lobbynetzwerk ist auch der Baselbieter SVP-Nationalrat Thomas de Courten. Er steht ebenfalls auf der Mitgliederliste der IG Biomedizinische Forschung und Innovation. Zudem ist er Präsident des Branchenverbands Intergenerika; ein Amt, für das er auch bezahlt wird. Als Nationalrat bekämpft er an vorderster Front Massnahmen, die das aktuelle Preissystem für die Pharmabranche gefährden könnten.

So wehrte er sich vehement gegen die Einführung eines Referenzpreissystems für Generika. Dieses System hätte es dem Bundesrat erlaubt, einen Höchstpreis für wirkstoffgleiche Medikamente festzusetzen. Für Generika zahlt man in der Schweiz mehr als doppelt so viel wie im benachbarten Ausland. So steht es im Auslandpreisvergleich von Santésuisse (vormaliger Krankenkassenverband) und des Branchenverbands Interpharma.

Pantoprazol für Fr. 34.10 statt für Fr. 3.25

Bei einzelnen Präparaten wie dem Magenmittel Pantoprazol ist der Unterschied noch drastischer: Eine Packung mit 50 Tabletten kostet in den Niederlanden Fr. 3.25. In der Schweiz muss man für eine Packung mit 30 Tabletten Fr. 34.10 zahlen.

Ein Referenzpreissystem mit einem Maximalpreis für wirkstoffgleiche Medikamente hätte der obligatorischen Krankenversicherung pro Jahr Einsparungen von 310 bis 480 Millionen Franken gebracht. «Nationalrat de Courten weibelte engagiert gegen die Anpassung», erinnert sich Nationalrätin und SP-Co-Präsidentin Mattea Meyer. Mit Erfolg: Das Parlament entschied sich für eine abgeschwächte Variante. Es führte keine fixe Preisobergrenze ein, setzte aber Anreize, um den Absatz von Generika zu fördern.

Für de Courten als Intergenerika-Präsident war das gleich ein doppelter Erfolg. Die Frage stellt sich: Welche Interessen vertrat er in diesem Geschäft? Die des Volkes oder die der Pharmabranche?

«Generika sind per se die günstigere Alternative zu Originalpräparaten. Deshalb setze ich mich für deren Förderung und somit für eine Reduktion der Prämienlast der Bevölkerung ein», schreibt de Courten dem Beobachter. Das Referenzpreissystem sei untauglich. Er habe sich im Parlament für einen Alternativvorschlag mit einem Einsparpotenzial von 270 Millionen Franken eingesetzt.

Profitmargen von bis zu 90 Prozent und Geheimverträge

Während es bei Generika um abgelaufene Patente geht und entsprechend tiefere Margen, spielt sich das Geschäft mit neuen Krebsmedikamenten in einer ganz anderen Liga ab. Therapien etwa gegen Tumoren kosten rasch 100’000 bis 500’000 Franken pro Patientin und Jahr.

Gerade bei seltenen, aber oft sehr gefährlichen Krankheiten nutzen Pharmakonzerne ihre Monopolstellung, um Preise zu diktieren, die nach Einschätzung der Nichtregierungsorganisation Public Eye nichts mit den tatsächlichen Forschungs- und Entwicklungskosten zu tun haben. «Die Pharmaindustrie erzielt mit diesen Medikamenten Profitmargen von 40 bis 90 Prozent», sagt Patrick Durisch von Public Eye, einer NGO, die sich mit Kritik an den Geschäftspraktiken der grossen Schweizer Konzerne einen Namen geschaffen hat.

Um solche neuen Medikamente auf den Markt zu bringen, setzen Pharmaunternehmen zunehmend auf Geheimverträge. Nach aussen werden extrem hohe «Schaufensterpreise» kommuniziert, die auch für internationale Preisvergleiche herhalten müssen. Hinter verschlossenen Türen handeln sie mit dem BAG verdeckte Rabatte aus. Die Öffentlichkeit erfährt nicht, welche Preise das Gesundheitswesen tatsächlich zahlt.

Das Parlament hat dieser Praxis im «Kostendämpfungspaket 2» im März vergangenen Jahres zugestimmt – gegen den Widerstand der Linken. Manuela Weichelt (ZG) von den Grünen nannte diese Intransparenz in der parlamentarischen Debatte damals ein «Krebsgeschwür».

Bürgerliche Politiker verteidigten die Geheimhaltung energisch. FDP-Nationalrat Andri Silberschmidt (ZH) nannte die Forderung nach Transparenz «verantwortungslos», weil Pharmafirmen ohne Geheimhaltung auf dem vollen Listenpreis beharren könnten. SVP-Nationalrat Thomas de Courten (BL) betonte im Namen seiner Fraktion, dass nur Vertraulichkeit echte Kosteneinsparungen ermögliche.

Am Ende setzten sich die Bürgerlichen durch. Die Pharmaindustrie erhielt gesetzlich das Recht, ihre Preismodelle und Gewinnmargen der demokratischen Kontrolle zu entziehen.

Gemeinnützige Forschung und Produktion

Für Patrick Durisch von Public Eye eine klare Fehlentscheidung: «Wenn Sie in der Apotheke ein Medikament kaufen, zahlen Sie den offiziellen, hohen Schaufensterpreis. Der geheime Rabatt fliesst erst viel später von der Pharmafirma zurück – und zwar direkt an die Krankenkasse, nicht an Sie.» Manche Krankenkassen würden laut einem BAG-Bericht die Rabatte gar nicht zurückfordern.

Pharmakritiker wie der Autor Beat Ringger von «Pharma fürs Volk» fordern deshalb ein stärkeres Engagement der öffentlichen Hand. Um die Abhängigkeit von den Konzernen zu verringern, plädiert Ringger für den Aufbau eines gemeinnützigen, vom Staat geförderten Netzwerks. Dieses soll die Forschung und Produktion von der reinen Profitmaximierung entkoppeln und sicherstellen, dass medizinisches Wissen wieder als öffentliches Gut für alle zugänglich wird. «Die öffentliche Hand muss wieder, Schritt für Schritt, eine Pharmasparte aufbauen, die sich ausserhalb der Profitzwänge von Big Pharma bewegen kann», so Ringger.

Ansätze dazu gebe es bereits, etwa die gemeinnützige GARDP (Globale Antibiotika-Forschungs- und -Entwicklungs-Partnerschaft) in Genf. Die GARDP wurde 2016 gemeinsam von der Weltgesundheitsorganisation (WHO) und der Non-Profit-Organisation Drugs for Neglected Diseases Initiative (DNDI) ins Leben gerufen, um neue Antibiotika zu entwickeln.

Der revolutionäre Ansatz dürfte auf Widerstand stossen, solange in Bundesbern bei jedem Preisstreit gleich die Angst um den heimischen Werkplatz ausbricht – und um die Milliarden an Steuergeldern. Die Folgen spüren die Prämienzahlenden. Sie müssen jedes Jahr tiefer in die Tasche greifen, um die Profite von Big Pharma Schweiz zu finanzieren.

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