Wie nah uns der Iran-Krieg wirklich kommt und was Bern ändern muss
Die Vertreibung der Schweiz aus dem Paradies

Die Raketen über Dubai zeigen, wie nah Krieg und Wohlstand beieinanderliegen. Die Schweiz lebte lange wie in einem Paradies – geschützt durch Neutralität, Glück und Geschick. Doch die neue brutale Weltpolitik verändert alles – auch für uns. Der Wochenkommentar.
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Bombenhagel auf Teheran. Hier wurde eine Polizeistation zerstört.
Foto: IMAGO/ABACAPRESS
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Rolf CavalliChefredaktor Blick

Dubai ist vielleicht das konsequenteste Paradies, das Menschen gebaut haben: eine Welt aus Glas, Stahl und künstlichen Inseln. Viele Schweizer kommen hierher – einige als Auswanderer, die meisten als Touristen.

Zwischen Paradies und Hölle liegen nur wenige Kilometer. Die Strasse von Hormus ist an ihrer engsten Stelle 35 Kilometer breit – etwa die Distanz von Zürich nach Schaffhausen.

Auf der einen Seite Dubai – Sinnbild globalen Wohlstands. Auf der anderen Seite der Iran: ein Gottesstaat, der sein Volk unterdrückt, Kritikerinnen hinrichtet und die Region mit Terror überzieht.

Letzten Samstag traf die Gewalt das Regime selbst: Israel und die USA bombardierten das Machtzentrum der Mullahs. Auch Ayatollah Chamenei kam dabei ums Leben.

Schweizer sind Glückskinder der Geschichte

Kriege bleiben selten dort, wo sie beginnen. Stunden später riss der Krieg auch die Schweizer im klimatisierten Paradies aus ihrem Traum. Drohnen über Dubai, Raketen bei Luxushotels. Die Botschaft der Mullahs war klar: Wenn wir fallen, vertreiben wir euch aus eurem Paradies. Für viele Touristen wirkte das surreal. Man kneift sich. Man denkt: Das kann nicht echt sein.

Für Schweizer ist diese Erfahrung ungewohnt. Wir sind Glückskinder der Geschichte. Von zwei Weltkriegen blieb die Schweiz verschont. Der Balkankrieg lag nur zwei Flugstunden entfernt. Doch wir sahen vor allem die Flüchtlinge – nicht die Massengräber. Erst der Ukrainekrieg erinnerte uns wieder, dass Krieg auch uns betrifft. Doch wir gewöhnen uns schnell daran. Der Krieg verschwindet aus den Schlagzeilen – und aus unserem Kopf. Ob Beizen Bargeld nehmen, erregt mehr Gemüter als Bomben über Kiew.

Die Schweiz bietet vieles, wovon die meisten Menschen nur träumen: Wohlstand, Stabilität, Rechtsstaat. Wir haben nicht nur Meinungsfreiheit, wir stimmen auch darüber ab, ob wir 100 Franken mehr oder weniger für Radio und Fernsehen zahlen.

Das ist ein Privileg. Doch die Eskalation im Nahen Osten zeigt etwas Unbequemes: Das Paradies liegt näher an der Hölle, als wir glauben wollen. Und die Einschläge einer raueren Weltpolitik kommen näher.

Das Ende unseres Sonderstatus?

Die Schweiz hat sich lange mit Geschick und Glück durch die Geschichte manövriert. Wir sassen Konflikte aus. Wir warteten ab. Wir erfanden Sonderlösungen. Das funktionierte erstaunlich gut. Doch in der neuen Weltordnung – oder genauer: in der Welt ohne Ordnung – stösst diese Strategie an Grenzen.

Das zeigt auch der aktuelle Krieg. Was passiert, wenn Washington von der Schweiz Überflugrechte verlangt? Neutralitätsrechtlich müsste die Schweiz sie verweigern – und Waffenlieferungen stoppen. Der Bundesrat weicht dieser Frage bisher aus und hofft, der Sturm ziehe vorbei.

Beim Zollstreit zeigt sich, dass Aussitzen nicht mehr funktioniert. Erst reagiert Bern ungläubig, dann geschockt: 39 Prozent Zoll. Später die vermeintliche Entwarnung: «nur» noch 15. Doch Sonderstatus funktioniert nur, solange die Mächtigen ihn akzeptieren.

Aussitzen als Strategie – auch bei EU und Migration

Auch in der Sicherheitspolitik dominiert das alte Muster: verdrängen und aussitzen. Das Parlament weiss, dass die Armee mehr Mittel braucht – doch bei der Finanzierung herrscht Ratlosigkeit. Dieselben Politiker, die Dringlichkeit beschwören, blockieren Lösungen.

Ähnliche Muster prägen die Europapolitik und die Migration. Keine klare Strategie, keine offensive Führung. Das EU-Abkommen verkauft der Bundesrat mit der Begeisterung einer Zwangsehe. Den Migrationsdruck redet er klein.

Die Raketen des Iran reichen nach offiziellen Angaben rund 3000 Kilometer. Zur Schweiz fehlen nur ein paar Hundert.

Zugegeben: Ein Bombenhagel aus Teheran ist nicht die wahrscheinlichste Gefahr für uns. Politisch aber ist die Schweiz den Konflikten der Welt näher gerückt, als sie lange glaubte.

Die Schweizer in Dubai wurden aus ihrem Ferienparadies vertrieben. Auch die Schweiz kann sich nicht darauf verlassen, dass ihr eigenes Paradies verschont bleibt.

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