Rundumschlag verärgert die arabische Welt
So kontern Dubai, Oman und die Saudis die Mullah-Attacken

Teheran hoffte darauf, mit seinen Angriffen die USA unter Druck setzen zu können. Stattdessen rücken die Getroffenen zusammen und machen den Mullahs deutlich: Passt auf, sonst verliert ihr bald eure letzten Freunde. Ein Überblick über das Chaos im Nahen Osten.
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Israel und die USA haben in den ersten vier Kriegstagen Tausende Bomben auf das riesige Land Iran abgeworfen.
Foto: Getty Images

Darum gehts

KI-generiert, redaktionell geprüft
  • Iran greift in vier Tagen mehrere Nachbarländer an, zahlreiche Opfer
  • Mindestens 160 Kinder starben bei israelisch-amerikanischem Angriff auf iranische Schule
  • Emirate: 812 Drohnen, 165 Raketen, über 11'000 Flüge gestrichen
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Samuel SchumacherAusland-Reporter

Der Iran hat sich bei seiner Antwort auf die israelisch-amerikanischen Angriffe grob verschätzt. Als Reaktion auf den Bombenhagel hat sich Teheran dazu entschieden, praktisch sämtliche Nachbarländer anzugreifen. Getroffen haben die Iraner in den ersten vier Kriegstagen nicht nur militärische Ziele, sondern auch zahlreiche zivile Einrichtungen. Mindestens 16 Zivilisten und sechs US-Soldaten wurden dabei getötet.

Das Kalkül der Mullahs: Die arabischen Nachbarn sollten den Krieg mit voller Wucht zu spüren bekommen und die Amerikaner und Israelis zu einem raschen Ende der Gewalt drängen. Und: Sie sollten statt auf die USA in Zukunft auf den Iran als Beschützermacht setzen. Doch die Rechnung geht nicht auf. Als Folge des iranischen Rundumschlags passiert im Nahen Osten grad etwas, das es seit Hunderten Jahren nicht mehr gegeben hat.

Ein kurzer Überblick über die eskalierende Gewalt im Nahen Osten verdeutlicht, zu welch heftigen Schlägen das iranische Regime trotz der Tötung Dutzender Führungsfiguren noch immer in der Lage ist:

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Der Iran hat mit einem heftigen Rundumschlag auf die israelisch-amerikanischen Angriffe reagiert.
Foto: AFP

Israel hat nach Hunderten Raketen- und Drohnenangriffen bislang 11 Tote zu beklagen. Der Iran spricht von Vergeltung für die mutmasslich mehr als 160 sieben- bis zwölfjährigen Kinder, die bei einem israelisch-amerikanischen Angriff auf eine Schule im süd-iranischen Minab getötet worden sind. Vom Libanon her greift die islamistische Hisbollah-Miliz Israel an. Die libanesische Regierung verurteilt die Hisbollah-Angriffe. Jerusalem reagierte am Dienstag nichtsdestotrotz mit einem Vorstoss mit Dutzenden Panzern in den Südlibanon.

Die Vereinigten Arabischen Emirate sind bislang die Hauptleidtragenden der iranischen Vergeltungsaktionen. Bis am Dienstagnachmittag schickten die Revolutionsgarden und die iranische Armee mindestens 812 Drohnen und 165 ballistische Raketen gegen die Emirate los. Herunterstürzende Trümmerteile trafen dabei auch einen Hotelkomplex auf der künstlichen Palmenhalbinsel von Dubai sowie eine Ölraffinerie. Der Flughafen von Dubai wurde ebenfalls leicht beschädigt. Insgesamt wurden mehr als 11'000 Flüge abgesagt.

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Saudi-Arabien verzeichnete in den ersten Kriegstagen nur eine Handvoll Angriffe: Möglicherweise, weil der Iran um die militärische Macht des Königreichs weiss und die Saudis nicht zu sehr provozieren wollte. Beschädigt wurde etwa die US-Botschaft in Riad.

Katar beklagt nach mehreren Angriffen auf seine wichtigen Flüssiggas-Anlagen mindestens 16 Verletzte. Die Regierung reagierte deutlich heftiger als andere arabische Staaten und warnte Teheran, man behalte sich das Recht vor, «mit allen Mitteln» auf die Attacke zu reagieren.

Der Oman muss sich nach zwei Drohnenangriffen auf seine Hafenanlagen fragen, was ihm seine «Freund von allen, Feind von keinem»-Haltung bringt. Das Sultanat hatte sich bis zuletzt als Vermittler zwischen den USA und dem Iran eingesetzt. Die Iraner betonten in öffentlichen Statements am Dienstag, dass sie nicht hinter den Attacken stünden und dass es sich bei den Angriffen möglicherweise um israelische Täuschungsmanöver handelte.

Bahrain verzeichnet den bislang medienwirksamsten iranischen Gegenschlag: Videoaufnahmen zeigen in hoher Auflösung, wie ein iranisches Geschoss das Gelände der 5. US-Navy-Flotte trifft und eine gewaltige Explosion auslöst. Bahrain hat aus Sicherheitsgründen teilweise auf Online-Schulunterricht umgestellt und eine wichtige Brücke gesperrt.

Das Beispiel Kuwait zeigt, wie verwirrend die Situation im Nahen Osten zurzeit ist. Die kuwaitische Luftabwehr hat in den vergangenen Tagen aus Versehen drei amerikanische Kampfjets abgeschossen. Die sechs Piloten überlebten allesamt. Bei einem Angriff auf eine US-Basis im Land kamen drei US-Soldaten ums Leben. Zudem gab es Verletzte auf einer Ölraffinerie.

Das Königreich Jordanien versucht, sich möglichst aus dem Konflikt rauszuhalten. Herunterfallende Trümmerteile von abgeschossenen Raketen verursachten aber auch hier Sachbeschädigungen.

Im Irak trafen iranische Geschosse eine Armeebasis im kurdischen Gebiet. Zwei Soldaten wurden getötet. Zudem versuchten pro-iranische Milizen im Land offenbar, mit Drohnen den Flughafen von Bagdad anzugreifen. Der Irak stellte die Arbeit auf dem grössten Ölfeld des Landes präventiv ein.

Syrien hat nach einem iranischen Raketenangriff auf Suweida seine Luftabwehr in höchste Alarmbereitschaft versetzt. Vier Menschen wurden in der südlichen Stadt getötet.

Und schliesslich traf eine iranische Shahed-Drohne auch europäisches Gebiet: Das mit einem GPS-Sender und bis zu 90 Kilogramm Sprengstoff versehene Fluggerät landete auf einen britischen Militärflugplatz auf Zypern. Frankreich und Griechenland haben als Reaktion Flugabwehr-Geräte und Kampfjets auf die Insel verlegt.

Teheran hat sein strategisches Ziel verfehlt

Fazit: Für die Golfstaaten sind die Bilder von aufsteigenden Rauchsäulen über ihren hochpolierten Prunkstätten ein Desaster. Die Region lebt von ihrem Ruf als sichere, stabile Zone im nahöstlichen Krisenherd. Syrien und der Irak riskieren, durch den Krieg noch instabiler zu werden.

Die ersten Reaktionen auf die iranischen Angriffe aber machen klar, dass es Teheran nicht gelungen ist, die arabische Welt gegen die USA und Israel aufzubringen. Stattdessen kommt es zum arabischen Schulterschluss gegen die persischen Provokationen, denen paradoxerweise vielleicht sogar ein Zusammenrücken von Arabern und Israelis gegen den gemeinsamen iranischen Feind folgen könnte.

Für einen bevorstehenden Eintritt der arabischen Staaten in den israelisch-amerikanischen Krieg gegen Teheran gibt es nach wie vor keine Anzeichen. Saudi-Arabien und mehrere andere Länder in der Region halten ihren Luftraum für amerikanische Kampfjets nach wie vor gesperrt – aus Angst davor, den Iran zu provozieren.

Möglich bleibt, dass sich die arabische Welt bei einer weiteren Eskalation doch noch zu einer aggressiveren Antwort durchringt. Etwa dann, wenn der Iran die grossen Entsalzungsanlagen in Kuwait, Saudi-Arabien, dem Oman oder den Emiraten angreift. Mehr als zwei Drittel der Bevölkerung in dieser Gegend ist zwingend auf die Wasseraufbereitungsanlagen angewiesen. Werden sie zerstört, versinkt die ganze Region im humanitären Chaos.

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