Darum gehts
- Simon Stadler will mit neuer Alpen-Maut Staus am Gotthard reduzieren
- Unklarheiten bei Maut: Preis könnte bis 21 Franken betragen, je nach Zeit
- 177 Grenzübergänge bereits mit Kameras ausgestattet, insgesamt gibt es 600
Ein Auto drängelt rechts auf dem Pannenstreifen vorbei. Eine Frau steigt aus, während Motorradfahrer zickzack durch den Stau auf der A2 Richtung Gotthard brettern. Jemand fährt Skateboard. «Wie im Wilden Westen», schimpft Mitte-Nationalrat Simon Stadler (37).
Der Gotthard-Stau begleitet ihn seit Beginn seiner politischen Karriere. Eine Karriere, die den Fussstapfen seines Vaters folgt: Hansruedi Stadler (72) war jahrelang Urner Regierungs- und Ständerat. Blick trifft Vater und Sohn am Karfreitag auf einer Brücke über der Autobahn.
Im März feierte Simon Stadler einen Erfolg. Das Parlament stimmte der Alpen-Maut zu: Wer aus dem Ausland in die Schweiz fährt und ohne grossen Aufenthalt weiterreist, muss zahlen.
«Während Ostern wird Uri geflutet»
Das Ziel ist weniger Stau. Aber nicht nur: «Deutschland, Aargau, Thurgau, Zürich», zählt Stadler jene Kennzeichen auf, die durch Altdorf UR fahren, um den Stau zu umgehen. «Während Ostern wird Uri geflutet», sagt Stadler. Einmal hätte ein Arzt aus dem Dorf ausrücken müssen: «Auf der Autobahn stand alles, und durch die Dörfer kam er nur im Schneckentempo.»
Bei der Alpen-Maut ist vieles noch unklar. Etwa der Preis. Im Vorstoss wird dieser nicht festgelegt. Simon Stadler spricht von durchschnittlich 21 Franken. «Wichtig beim Preis ist die Lenkungswirkung.» An Ostern wird es also teurer, zu Randzeiten kostet es vielleicht gar nichts.
Auch die Aufenthaltsdauer, die von der Maut befreit, ist noch offen. Genügt ein Znacht? Braucht es eine Übernachtung? An vielen der 600 Grenzposten müssten Kameras installiert werden. «An 177 Grenzübergängen und somit bei den wichtigsten Orten gibt es das bereits.»
Nach der Wahlfeier ins Spital
Simon Stadler wurde die Politik in die Wiege gelegt. Wortwörtlich. Am 2. Mai 1988 wird Hansruedi Stadler in den Regierungsrat gewählt. Nach der Wahlfeier eilt er ins Spital: Sohn Simon wird geboren.
Hansruedi Stadler ist lange ein gewöhnlicher Regierungsrat, national kaum bekannt. Im Februar 1994 ändert sich das schlagartig. Stadler kämpft für die Alpen-Initiative, die den Güterverkehr von der Strasse auf die Schiene verlagern will.
In der «Arena» des Schweizer Fernsehens trifft Stadler – bis dahin nie im Fernsehen aufgetreten – auf den damaligen Verkehrsminister Adolf Ogi (83, SVP), der dagegen ist. Mit einem Zettel und einfacher Sprache zwingt er den medienerprobten Ogi zu einem gravierenden Fehler.
«Ihr Urner müsst schon gar nichts sagen. Ihr, denen wir ja alles zahlen», sagt Ogi. Ein Fehler, der der Alpen-Initiative möglicherweise zur Annahme verhilft – und Hansruedi Stadler tanzen lässt: In der «Arena» verspricht er, bei einem Ja zum Lied «Zoge am Boge de Landamme tanzed» auf dem Hauptplatz in Altdorf zu tanzen. Das Bild geht in die Geschichte ein.
Mit Ogi hat sich Stadler Senior längst versöhnt. «Der politische Gegner ist nie ein Feind.» Wenn er vom ehemaligen Verkehrsminister spricht, spürt man den grossen Respekt.
Auch auf seinen Sohn ist er stolz. Nicht wegen der Alpen-Maut – «er hat einfach seinen Job gemacht» –, sondern weil dieser seinen Weg gegangen ist: Maurerlehre, Berufsmatura, jetzt Lehrer und Nationalrat. Nur ganz zu Beginn der politischen Karriere habe er Simon einen Rat gegeben. «Am Abend beim Zähneputzen musst du dir in die Augen schauen können.»
Ein «Scheissdreck»
Hört man sich im Osterstau um, nervt die geplante Maut. Besonders betroffen sind Deutsche und Niederländer. «Uns reicht die Vignette, die wir kaufen müssen», sagt etwa Meike (36) aus Kaiserslautern (D). «Dann fahren wir doch durch Frankreich. Gerade bei den Spritpreisen muss man schauen, wo man das Geld lässt.» Einen «Scheissdreck», findet es Arthur (19) aus Lörrach (D). Für das Geld müsste es dann aber auch weniger Stau geben.
Simon Stadler widerspricht. «Die Vignette ist zu günstig. Allein die Mautstrecke durch den Grossen Sankt Bernhard kostet 35 Franken für einen Weg.»
Auch aus der Politik im Ausland kommt Kritik. Der französische EU-Abgeordnete Christophe Grudler (60) wirft der Schweiz vor, «ausländische Autofahrer zu Sündenböcken» zu machen. «Die Staus und die Überlastung sind auch darauf zurückzuführen, dass die Schweizer Infrastruktur nicht für ein so hohes Verkehrsaufkommen ausgelegt ist.»
Tatsächlich haben sich Vater und Sohn Stadler gegen den Bau einer zweiten Gotthardröhre gewehrt. Die «Weltwoche» nannte Simon Stadler deshalb «Brandstifter und Feuerwehrmann» in einem. Vater Hansruedi kontert: «Das Verkehrsproblem in der Schweiz löst man nicht mit einem Wettrüsten bei der Infrastruktur.» Die Schweiz habe schon viel getan und Milliarden in die Neat investiert. «Doch viele Autofahrer reagieren nur auf den Preis.»
Die Familienpolitik könnte noch weiter gehen. Im Dezember wurde Simon Stadler zum ersten Mal Papi. Doch selbst wenn das Stauproblem nicht gelöst ist, bis Sohn Paul achtzehn ist: In die Politik muss er nicht. «Ich werde ihn unterstützen, bei allem, was er gerne macht. Egal, ob Schreinerlehre, Studium oder Politik.»
Über Ostern verreisen die Stadlers übrigens auch. Jedoch nicht in den Süden, sondern in die Höhe – in die Berge.