Totalumbau bei Economiesuisse
So will die Wirtschaftslobby wieder stark werden

Economiesuisse wählt ihren neuen Präsidenten. Silvan Wildhaber ist nur ein Puzzlestück in der neuen Strategie. Man will wieder stark werden.
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Silvan Wildhaber, Textilunternehmer, soll im Herbst den Dachverband der Wirtschaft, Economiesuisse, übernehmen. Auf ihm ruhen viele Hoffnungen.
Foto: Kilian J. Kessler Zurich Schweiz

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Andreas Valda
Handelszeitung

Ein Unbekannter, hiess es in den Medien, soll Präsident des grössten Wirtschaftsverbandes werden. Kann das gut gehen? Die Rede ist von Silvan Wildhaber, einem 48-jährigen Zürcher mit Ostschweizer Wurzeln. Er wohnt am Zürichberg und ist Chef des Textilunternehmens Filtex mit hundert Angestellten.

Am 16. März trifft sich der 76-köpfige Vorstand von Economiesuisse, um ihn zum Nachfolger des bisherigen Präsidenten Christoph Mäder zu küren, wie die Handelszeitung erfahren hat. Offiziell bestätigt der Verband den Termin nicht.

Artikel aus der «Handelszeitung»

Dieser Artikel wurde erstmals im Angebot von handelszeitung.ch veröffentlicht. Weitere spannende Artikel findest du unter www.handelszeitung.ch.

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Warum derartige Geheimnistuerei herrscht, ist unklar. Zwar gab es in der Vergangenheit immer wieder mal Störmanöver in letzter Sekunde. Doch in Bezug auf die Personalie Wildhaber ist nichts Negatives zu vernehmen. «Die Nomination im Vorstandsausschuss erfolgte einstimmig», sagt ein Insider. Insbesondere hätten sich «die vier tonangebenden Verbände für seine Kandidatur starkgemacht». Das sind die Vertreter der Pharmaindustrie und Chemie, der Tech-Industrie, der Banken und Versicherungen. Sie zahlen am meisten in den Verband und bestimmen mit acht Sitzen im 18-köpfigen Vorstandsausschuss die Verbandspolitik.

Die Unterstützung durch Konzernvertreter steht im Kontrast zum Bericht der «NZZ am Sonntag». Mitte Februar kommentierte die Zeitung nach Wildhabers Nominierung, der Dachverband habe in den letzten Jahren nicht nur das Volk, sondern jetzt «auch die Wirtschaft verloren». Niemand aus dem Spitzenpersonal sei bereit, das Präsidium zu übernehmen. Für Konzerne sei Economiesuisse «nicht mehr relevant».

Viel Kritik am Dachverband

In der Tat hagelt es seit langem Kritik: Der Dachverband habe viel Geld, Know-how und intelligentes Personal, aber es fehle ihm an Bodenhaftung. Er sei zu arrogant im Austausch mit Kampagnenpartnern. Als ein Kernproblem werden die Industrievereine und Handelskammern (IHK) genannt, die historischen Wurzeln von Economiesuisse. Das sind zwanzig regionale Organisationen, welche die Interessen der gewerblichen Wirtschaft gegenüber Politik und Verwaltung vertreten.

Letzteres tun sie zwar, aber viel zu wenig in der Öffentlichkeit. Oder wie ein Unternehmer und Mitglied einer Ostschweizer IHK mit nationaler Optik es schildert: «Ihre Vorstände sind öfters verknöchert, bürokratisch und kaum agil.» Von dieser Kritik ausgespart werden nur die Handelskammern der beiden Basel sowie jene von Solothurn, Zürich und der Zentralschweiz.

Im Verband akzeptiert man diese Aussenwahrnehmung, doch man betont, sie sei von gestern. Man habe seit zwei Jahren einen Umbau eingeleitet. Und siehe da: Sowohl von Vorstandsmitgliedern als auch von Parteien und der Wirtschaft von ausserhalb wird attestiert, dass der jetzige Präsident Mäder mit Vehemenz daran ist, den Verband auf «Kernthemen der Wirtschaft zu fokussieren». Das dauere seine Zeit, könnte aber erfolgreich sein. Die Ernennung Wildhabers sei bloss ein weiteres Puzzleteil in der Neuausrichtung.

Christoph Mäder, Präsident von Economiesuisse, hat den Totalumbau des Verbandes vor rund zwei Jahren eingeleitet.
Foto: keystone-sda.ch

Es regnet Lob für den Neuen

Den Nominierten überschüttet man mit Komplimenten, selbst vonseiten der Gegner in der europapolitischen Ausrichtung des Verbandes. Wildhaber sei «sehr erfrischend», sagt ein rechtsbürgerlicher Wirtschaftspolitiker im Ständerat. Er sei kein Konzernvertreter, sondern «ein glaubwürdiger Mensch, ein ganz Normaler». Als Unternehmer und von seinem Charakter her habe er das Zeug, die «Bruchstelle zwischen Wirtschaft und Gesellschaft zu kitten».

Es habe Konkurrenten aus den Reihen der Konzerne gegeben, so der Wirtschaftspolitiker weiter. Er nennt den früheren Schweiz-Chef von Novartis, Matthias Leuenberger. Aber Wildhaber habe mehr überzeugt, wie der gegenüber EU-Verträgen skeptische Ständerat befunden habe. Ein Vorstandsausschussmitglied sagt, Wildhabers Nominierung markiere «einen Generationenwechsel». Er sei einer, der «gut rüberkomme», ein pointierter Rhetoriker, der das angestrebte neue Image zu schärfen vermöge.

Silvan Wildhaber, designierter Präsident von Economiesuisse. Seine Wahl soll am 16. März 2026 erfolgen.
Foto: Kilian J. Kessler Zurich Schweiz

Und jemand aus dem Umfeld eines Bundesrates, der Wildhaber kennt, erzählt, er wirke jünger, im Umgang locker und habe die Kraft, Unternehmen zu mobilisieren. Er vertrete eine moderne Wirtschaft. Sein einziger Nachteil sei die fehlende Hausmacht.

Seine Eloquenz bewies Wildhaber letzten Herbst in einem Abstimmungsduell des Schweizer Fernsehens zur Juso-Initiative. Seine Gegnerin, Juso-Präsidentin Mirjam Hostetmann, behauptete, dass Familienunternehmen «leistungsbefreites Einkommen» generierten. Wildhaber konterte: «Nein. Generationen haben es erarbeitet.»

Hostetmann behauptete weiter, die Einkommenssteuern seien seit den 90er-Jahren gesunken. Wildhaber parierte: «Falsch. Die Allgemeinheit hat seit den 90er-Jahren mehr eingenommen und nicht verloren.» Der Wohlstand wachse nicht auf den Bäumen, er komme von Leuten, die hart arbeiteten.

Ein zugeschalteter Zuschauer behauptete, dass es eine «neue Kaste an Superreichen» gebe, die keine Steuern zahle. Darauf Wildhaber: «Reiche sollen ihren Beitrag leisten. Da bin ich auch dafür.»

Er nannte sein eigenes Beispiel: «Jedes Jahr nehme ich Dividenden aus der Firma, um privat Steuern zu zahlen.» Während die Juso-Präsidentin fast alles vom Blatt ablas, sprach der 48-Jährige frei, schnell und schlagfertig. Das seien Eigenschaften, sagen Aussenstehende, die der heutigen Verbandsspitze fehlten.

Die Merkmale des Totalumbaus

Der Umbau von Economiesuisse begann ungefähr zur Zeit, als die AHV-Abstimmung im März 2024 verloren wurde. Angestossen hatte ihn Präsident Mäder. Die Ziele seien Schnelligkeit, Lobbying im Verbund und mehr Autonomie in den Kampagnen. Die neue Mission sei, «schlagkräftiger, fokussierter und agiler zu werden», sagt Direktorin Monika Rühl. Ein Schlüsselfehler in der Behandlung der Volksinitiative zur 13. AHV-Rente sei gewesen, dass man sie ohne Hindernisse durch das Parlament habe laufen lassen, sagen zwei Ansprechpersonen beim Gewerbeverband und bei Economiesuisse. So kam sie «nackt» zur Volksabstimmung und traf nach der Pandemie den Nerv des Publikums.

Ein taktisches Hindernis ist ein Gegenvorschlag. Ein solcher kann vom Bundesrat oder aus dem Parlament kommen. Er nimmt das Anliegen der Initianten auf, schwächt es aber ab oder schafft es, das Anliegen zu marginalisieren. Die Wirtschaftsverbände haben es verpasst, einen Gegenvorschlag zuwege zu bringen. Dafür brauche es gutes Lobbying in der Verwaltung, beim Bundesrat und im Parlament.

Gelungen ist es dann bei der Abwehr der Juso-Initiative letztes Jahr.

Economiesuisse hatte dem Bundesrat früh geraten, zu klären, wie er die Vorwirkung der Initiative auslegen würde. Dafür spannte man den Unternehmer Peter Spuhler ein; zudem unterstützte ein professorales Gutachten das Argument, dass die Juso-Initiative schon vor der Abstimmung grossen Schaden anrichten würde. «Damit war der Teppich gelegt für eine erfolgreiche Gegenkampagne», sagt eine involvierte Person. Es gehe um die «Verzahnung von Fachwissen, Lobbying und Kommunikation», sagt Direktorin Rühl.

Christoph Mäder, Präsident, und Monika Rühl, Direktorin von Economiesuisse, an der Jahrespressekonferenz im Februar 2026.
Foto: keystone-sda.ch

Daraus leiteten Mäder und Rühl ab, dass die Geschäftsleitung halbiert werden muss. Statt zehn sind es seit September noch fünf Personen: die Direktorin und die Chefs und Chefinnen für Wirtschaftspolitik, Regulierung, Lobbying und Kommunikation. Der Leiter Abstimmungskampagnen wurde ausgekoppelt und geniesst mehr Autonomie als bisher. Der Hintergrund: «Er soll Kampagnen freier und provokativer führen dürfen als bisher, ohne dass ihm alle im Verband dreinreden», so ein Insider. Die Zeiten, in denen man sich in der Geschäftsleitung über Abstimmungssujets stritt, seien vorbei.

Mit diesem Coup provozierte Präsident Mäder Abgänge und stärkte Neuzugänge. Der Leiter Aussenwirtschaft, Jan Atteslander, kündigte. Kampagnenleiter Roberto Colonnello musste ins zweite Glied zurücktreten. Dafür wurde ein bald 34-Jähriger zum Chef Regulierung befördert, über den halb Bundesbern spricht: Alexander Keberle. Der frühere McKinsey-Berater und Rechtsökonom wird als Rookie gehandelt, der in ein bis zwei Jahren Monika Rühl auf dem Direktorenposten beerben könnte.

Alexander Keberle (34), Leiter Standortpolitik (Regulierung) von Economiesuisse in der Geschäftsleitung.
Foto: PD

Er stiess 2022 zum Verband, übernahm zuerst den Bereich Umwelt, Energie und Infrastruktur und stieg später zum Chef Standortregulierung auf. Daneben lancierte er den Verband auf Tiktok und initiierte die Community-Kampagne «Wirtschaft – wir alle».

Damit versuchte er – nach dem Vorbild der EU-kritischen Vereinigung Kompass Europa –, Nichtmitglieder in einer lockeren Gemeinschaft anzubinden, um Botschaften des Verbandes ins Volk zu tragen, etwa mit Beiträgen auf Linkedin. Was macht Keberle so speziell? Er sei hochintelligent, experimentierfreudig und strategisch stark, heisst es. Er habe die Gabe, so ein Wirtschaftspolitiker, «die unterschiedlichsten Positionen rasch auf einen Nenner zu bringen» – eine Kernaufgabe des Dachverbandes, um ihn politisch auszurichten. Intern wird er allerdings auch als Blender beschrieben.

So richtig aufgefallen ist Keberle vor etwa drei Jahren, als er für den Nationalrat kandidierte und Magdalena Martullo-Blocher an einer Vorstandssitzung aufstand und schimpfte, wie es denn möglich sei, dass ein Grünliberaler ins Kader berufen werde. Schliesslich seien Grünliberale verkappte Linke. Danach gab es eine Aussprache; Martullo habe sich beruhigt, als sie erfuhr, dass er sich für neue Kernkraftwerke engagiere, sagt ein Insider.

Einer aus der SVP-Parteizentrale ergänzt, er halte viel von ihm: «Keberle ist output-driven. Er interessiert sich nicht für Prozesse und Gremien, sondern er will Wirkung erzielen.» Ein Beispiel sei die neue digitale Unterschriftensammelplattform Civic, die Wirtschaftsverbänden die Kraft geben soll, selber das Referendum zu ergreifen – so, wie es die NGOs tun. Dass Keberle intern umstritten sei, liege daran, dass er sich durchsetzen könne.

Die neue Kampagnenchefin

Wildhaber und Keberle sind zwei Figuren, die den Wandel illustrieren, doch es fehlt noch eine dritte Figur, wohl die wichtigste: die Leiterin Kampagnen. Die Wahl fiel erst im Januar dieses Jahres: Heike Scholten, 55-jährig, aus Stäfa ZH, Strategieberaterin und Mehrfachunternehmerin. Sie wird ihr Amt im August antreten und sich dafür von ihrer eigenen Agentur trennen. Sie wird die Mutter aller politischen Kampagnen anführen: jene zu den Bilateralen III.

Heike Scholten, designierte Leiterin Kampagnen bei Economiesuisse. Sie tritt im August 2026 an. Heute ist sie selbstständige Strategieberaterin.
Foto: Martina Meier

Über Scholten hört man Verschiedenes. Die einen loben sie als führungsstarke Strategin. Andere glauben, sie verkörpere die Vergangenheit – Scholten war von 2001 bis 2009 bei Economiesuisse, zuletzt als stellvertretende Kampagnenleiterin. Sie war dabei, als der Dachverband alle Volksabstimmungen zu den Bilateralen gewann.

Doch dies genüge heute nicht mehr, sagt ein erfolgreicher Leiter von Kampagnen für die Bürgerlichen. Unter Profis sei bekannt, dass sich auch der aktuelle Interimskampagnenchef Josef Marty um den Job beworben habe. Er sei ebenso qualifiziert, aber jünger – 36-jährig –, was in den Social Media ein Vorteil sei. Scholten betont, ein starkes Team verbinde Erfahrung mit frischen Perspektiven. Tatsächlich befindet sich der entscheidende Teil der Stimmbürgerschaft im Alter von Heike Scholten.

Bei all den neuen Personen und frohen Aussichten ist aber noch unklar, wie Economiesuisse «zurück zum Volk findet», wie es der bereits erwähnte Wirtschaftspolitiker ausdrückt. Wildhaber, Keberle und Scholten werden hart daran arbeiten müssen, dass der Verband dieses Problem lösen kann, vor allem mit den regionalen Handelskammern. Dass der nominierte Präsident dem breiten Publikum jetzt noch unbekannt ist, spielt dabei kaum eine Rolle.

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