Teure Flops
Tabak-Präventionsfonds verbrennt jährlich Millionen Franken

Über den Tabakpräventionsfonds fliessen jährlich Millionen in Anti-Tabak-Projekte. Der Erfolg ist bescheiden, die Unzufriedenheit gross.
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Viele Projekte, wenig Wirkung: Der Effekt der Schweizer Tabak-Präventionsfonds verpufft.
Foto: Keystone

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Thomas Angeli
Beobachter

Manche Fakten lassen sich nicht schönreden. Die Zahlen zur sogenannten Raucherprävalenz gehören dazu, also der Anteil der Menschen, die hierzulande regelmässig zu Zigaretten und anderen Nikotinprodukten greifen. «In den letzten zehn Jahren ist ein leichter Rückgang zu beobachten. Dies im Gegensatz zu den meisten europäischen Ländern, in denen die Prävalenz im gleichen Zeitraum deutlich gesunken ist.»

So steht es nicht etwa in einem kritischen Text über das Suchtverhalten der Schweizer Bevölkerung, sondern in der Strategie 2025–2028 des Tabakpräventionsfonds (TPF). Der Beobachter hat schon vor anderthalb Jahren darauf aufmerksam gemacht, dass die Zahl der Nikotinabhängigen nicht abnimmt.

Artikel aus dem «Beobachter»

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Entsprechend gross ist der Unmut unter Sucht- und Präventionsfachleuten. Sie bemängeln, dass der Fonds ineffizient sei, die Mittelvergabe beliebig, und die geförderten Projekte wenig bis gar keine Wirkung hätten. Gegenüber dem Beobachter will sich niemand öffentlich dazu äussern – aus nachvollziehbarem Grund: Wer in der Schweiz im Bereich Tabak- oder Nikotinprävention tätig ist, bezieht mit hoher Wahrscheinlichkeit früher oder später Geld aus dem Fonds.

Fonds-Geschäftsführerin: «Mächtige Tabakindustrie»

Gespiesen wird der Fonds mit einer Abgabe von 2,6 Rappen pro verkaufter Packung Zigaretten. So kommen jährlich knapp 12 Millionen Franken zusammen, die der TPF, der administrativ zum Bundesamt für Gesundheit (BAG) gehört, an Projekte und Organisationen vergibt.

Die Schweiz sei ein hartes Pflaster für Tabakprävention, sagt Fonds-Geschäftsführerin Annina Sailer zur Kritik: «Die Tabakindustrie ist hierzulande sehr mächtig und nimmt politisch stark Einfluss.» Zudem würden die zur Verfügung stehenden finanziellen Mittel des Fonds stetig abnehmen, weil die Präventionsabgabe nur auf klassischen Tabakprodukten erhoben wird. Deren Verkauf ist rückläufig.

Gleichzeitig steigt der Konsum von anderen, oft billigeren und einfacher zugänglichen Nikotinprodukten wie Vapes und Nikotinbeuteln – insbesondere bei Jugendlichen – massiv an. Die Folge laut Sailer: «Die Nikotinabhängigkeit bleibt, die Mittel für deren Prävention sinken.»

Wenig Breitenwirkung

Kritikerinnen und Kritiker verorten das Problem jedoch eher beim TPF selbst. Dieser hat in den vergangenen zwanzig Jahren immer wieder viel Geld in Projekte und Programme gesteckt, die wenig bis gar keine Breitenwirkung entfalteten – oder gänzlich scheiterten.

Beispiele gibt es zuhauf:

  • Vor einigen Monaten rechnete die Zeitung «24 heures» vor, dass die Rauchstopp-Plattform stopsmoking.ch seit 2021 rund 4 Millionen Franken gekostet habe. Im Jahr 2024 wurden über die Website gerade einmal 3600 Beratungen durchgeführt.
  • Das Projekt «Splash Pub v2», die Weiterentwicklung eines «serious game» der Uni Lausanne, wurde vom TPF mit 93’916 Franken unterstützt. Das Resultat: Das mit dem Geld entwickelte Spiel lief letztlich auf 15 eigens dafür angeschafften Tablets, die in Schulen in der Romandie eingesetzt wurden. Eine deutschsprachige Version des Spiels existiert nicht.
  • Ein vom Fonds mit 643’000 Franken unterstütztes Rauchstopp-Projekt namens «Stopgether» erreichte bloss 2300 statt der anvisierten 10’000 Raucherinnen und Raucher. Das Nachfolgeprojekt wurde «aufgrund von neuen internen Herausforderungen» bei den beteiligten Organisationen abgebrochen.
  • 2023 feierte die Arbeitsgemeinschaft Tabakprävention ihr 50-jähriges Bestehen. Der TPF steuerte zum Jubiläum 51’903 Franken für einen Bildband bei.
  • Für 91’127 Franken liess der TPF von der Universität Freiburg eine «Wirkungsanalyse Tabakprävention» erstellen, bei der jedoch die Projekte des Fonds explizit nicht untersucht wurden. Das Fazit der Studie: Die beste Präventionsmassnahme sind höhere Zigarettenpreise – eine Erkenntnis, zu der Forschende in grossen internationalen Studien schon vor Jahren gekommen sind.
  • Ein Projekt namens «Utopia» sollte eine Plattform kreieren, «auf welcher alle Massnahmen und Angebote für Kinder und Jugendliche, aber auch ihre Aktivitäten zugänglich gemacht und miteinander verbunden werden». Zwei Kommunikationsagenturen erhielten dazu 2021 ein Kostendach von 600’000 Franken. Die Plattform ging nie online. TPF-Geschäftsführerin Annina Sailer sagt dazu, das Projekt habe sich «als technisch und finanziell nicht realisierbar erwiesen» und sei deshalb gestoppt worden.

Was hingegen fast völlig fehlt, sind Präventionsprojekte zu neuen Nikotinprodukten: Zu den bei Jugendlichen äusserst beliebten Vapes gibt es nur vereinzelte Projekte – zu Nikotinbeuteln, die unter die Oberlippe geschoben werden können, überhaupt keins. Dabei explodieren gerade bei diesen die Verkäufe. Allein zwischen 2022 und November 2025 nahmen die Importe von diesen Produkten um rund 1100 Prozent zu.

«Fonds kann keine Gesetze ändern»

«Es braucht neben effizienten Projekten vor allem auch strukturelle Prävention, und diese ist beim TPF kein Thema», kritisiert ein Fachmann, der nicht genannt werden will. Was er damit meint: Gesetze, Steuern und höhere Preise. Zum Beispiel ein Gesetz über neutrale Zigarettenverpackungen – eine Idee, die im Parlament chancenlos blieb. Oder höhere Abgaben auf Snus und Nikotinbeutel, die bisher nur minimal besteuert sind.

Es sei zwar erwiesen, dass solche strukturellen Massnahmen wirksam seien, sagt TPF-Geschäftsführerin Annina Sailer: «Aber der Tabakpräventionsfonds kann keine Gesetze ändern.» Auf die Frage, welche vom Fonds finanzierten Projekte denn aus ihrer Sicht wirksam seien, bleibt sie vage: «Prävention wirkt dann, wenn verschiedene Massnahmen sich ergänzen und verstärken. Wir brauchen vor allem eine bessere Zusammenarbeit der verschiedenen Akteure in der Prävention, und dafür setzt sich der Fonds ein.»

Eigenlob auf Linkedin

Die Kritik hielt die Verantwortlichen des Tabakpräventionsfonds nicht davon ab, sich zum Jahreswechsel kräftig selbst auf die Schulter zu klopfen: «Auch dieses Jahr sind wir in der Tabakprävention wichtige Schritte vorangekommen», schrieb der TPF in seinen Neujahrswünschen auf Linkedin. «Immer mehr Initiativen setzen sich für tabak- und nikotinfreie Spielplätze, Terrassen und Sportanlagen ein. […] Doch auch viele weitere Projekte und gezielte Öffentlichkeitsarbeit haben entscheidend dazu beigetragen, das Thema voranzubringen.»

Der Post erhielt 27 Likes. Fast alle stammten von Personen, die in den vergangenen Jahren vom TPF Geld erhielten – oder dort angestellt sind.

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