Darum gehts
- Kantonspolizei-Sonderkommission informierte Bundeskriminalpolizei kurz vor dem Attentat über psychischen Zustand des Täters
- Sonderkommission kannte ihn seit Jahren
- Mario Fehr schweigt sich darüber aus
Am 26. Mai, zwei Tage vor dem Attentat in Winterthur ZH, informierte die Sonderkommission (Soko) Master der Kantonspolizei Zürich die Bundeskriminalpolizei. Wie SonntagsBlick aus eingeweihten Polizeikreisen erfuhr, gab die Soko der Bundeskriminalpolizei zu Protokoll, der 31-jährige Nesip Dedeler habe Stunden zuvor in Winterthur die Polizei angerufen und angegeben, er benötige Hilfe. In wirren Ausführungen habe er erklärt, er werde in seiner Wohnung gefangen gehalten.
Eine Patrouille der Stadtpolizei Winterthur rückte daraufhin aus und brachte Nesip Dedeler auf die Wache. Die Polizisten wiesen den Mann daraufhin in die Integrierte Psychiatrie Winterthur ein.
Gefilterte Informationen von Mario Fehr
Dass die Soko über diese Vorkommnisse im Bilde ist und sie der Bundeskriminalpolizei meldete, zeigt, dass der Islamist stärker auf dem Radar der Sicherheitsbehörden war als bisher bekannt. Am Tag vor der Terrorattacke wurde der Täter aus der Psychiatrie entlassen.
Diese Tatsache schilderte der Zürcher Sicherheitsdirektor Mario Fehr (67, parteilos) wenige Stunden nach der Tat an einer Medienkonferenz detailliert und erhob Vorwürfe gegen die psychiatrische Institution. Was Fehr und Kantonspolizei-Kommandant Marius Weyermann (48) da jedoch verschwiegen: Dass die Soko Master über die in den letzten Tagen aufgetretenen Wahnvorstellungen des Islamisten Bescheid wusste und alarmiert war – ohne wirkungsvoll tätig zu werden.
Warum Fehr und Weyermann dies verschwiegen und wie lange die Soko den Islamisten schon im Visier hatte, ist auch jetzt nicht zu erfahren. Kantonspolizei-Sprecher Kenneth Jones sagt: «Zwischenzeitlich läuft ein Verfahren der Bundesanwaltschaft.» Alles, was zur Sache gesagt werden könne, sei an der Medienkonferenz am Donnerstag dargelegt worden.
Schon lange im Visier
An diesem Anlass gaben die Verantwortlichen an, der Täter mit türkisch-schweizerischer Doppelbürgerschaft sei kurze Zeit vor dem Attentat aus der Türkei zurückgekehrt. Dort habe er sich seit fast zwei Jahren aufgehalten. Dieser Angabe widerspricht eine Aussage der Mutter des Mannes, die der Polizei laut informierten Quellen zu Protokoll gab, ihr Sohn sei seit vergangenem August wieder in Winterthur.
Nesip Dedeler ist der Kantonspolizei seit Jahren bekannt, spätestens seit 2015. Damals wurde er wegen Verbreitung von Propaganda für den Islamischen Staat (IS) angezeigt. Er taucht immer wieder in Justizakten auf, bei Ermittlungen gegen die Winterthurer Islamistenszene rund um die An’Nur-Moschee.
Der Attentäter bekannte sich als glühender Anhänger des IS und bezeichnete sich selbst als schizophren, wie die «NZZ» schrieb. Er verbrachte seine Jugend im Winterthurer Quartier Wülflingen und wuchs mit zwei jüngeren Brüdern auf. 2009 wurde Nesip Dedeler eingebürgert.
Soko gegen Dschihadisten
Die Kantonspolizei Zürich schuf 2015, zwei Wochen nach dem Attentat auf «Charlie Hebdo» in Paris, die Soko Master. Die spezialisierte Truppe soll der Bedrohung durch den islamistisch motivierten Terror begegnen. Sie arbeitet mit Gemeinden und Bund zusammen – deshalb auch die Meldung an die Bundeskriminalpolizei, dass Nesip Dedeler am 25. Mai auffällig wurde und einen Polizeieinsatz auslöste.
Das Bedrohungsmanagement der Zürcher Kantonspolizei umfasst auch die Kontaktaufnahme mit als gefährlich eingestuften Personen, sogenannten Gefährdern. Im Jahr 2015 etwa führte die Einheit 170 Gefährderansprachen durch, einen Teil davon mit potenziell radikalen Islamisten. Dieses Mittel setzt die Polizei aber auch bei häuslicher Gewalt oder anderen Konflikten ein.
Nesip Dedeler stehe schon jahrelang unter Beobachtung der Soko Master, sagen Eingeweihte. Mit seinen Verbindungen zum einstigen An’Nur-Netzwerk und den Propaganda-Aktivitäten für den IS gehörte er zu den auffälligen Exponenten der radikalen Szene.
Viele offene Fragen
Wann die Soko Master auf Nesip Dedeler aufmerksam wurde und ob es in früheren Jahren Kontaktaufnahmen und Gefährderansprachen mit ihm gab, ist nicht bekannt. Ebenso wenig, ob ihn erst sein Hilferuf bei der Polizei vor wenigen Tagen wieder ins Blickfeld rückte oder ob er kontinuierlich unter Beobachtung gestanden hatte.
Inwieweit auch der Nachrichtendienst des Bundes (NDB) den Attentäter von Winterthur auf dem Radar hatte und ob er als gefährlich eingestuft wurde, bleibt ebenfalls offen. Sprecherin Joanna Matta äussert sich nicht dazu, hält zur Messerattacke aber fest, sie entspreche der Beurteilung des NDB, dass die Terrorbedrohung massgeblich von Einzelpersonen ausgehe, die ideologisch der dschihadistischen Bewegung verbunden seien.