Tausende Tote bei Erdbeben – Schweizer Rettungsteam in Venezuela
«Bisher haben wir keine Lebenden gefunden»

Nach den verheerenden Beben in Venezuela wird die Zeit knapp, Überlebende zu finden. Derweil erschwert die Regierung den Zugang zur Krisenregion aus Angst vor Aufständen.
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Die Schweiz hat bereits 18 Tonnen Hilfsgüter nach Venezuela geflogen.
Foto: EDA
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Annalena MüllerPolitredaktorin SonntagsBlick

Die Zerstörung kam in weniger als einer Minute. Zwei starke Erdbeben erschütterten Venezuela am Mittwochabend, kurz nach 18.00 Uhr Ortszeit. Der 24. Juni ist ein nationaler Feiertag. Entsprechend hielten sich viele Menschen in ihren Wohnungen auf, als die Gebäude einstürzten.

Tausende Tote befürchtet

Drei Tage nach der Katastrophe ist das genaue Ausmass weiter unklar. Die Regierung unter Übergangspräsidentin Delcy Rodríguez bestätigt bislang rund 1400 Tote und 3000 Verletzte. Es ist jedoch davon auszugehen, dass diese Zahlen in den kommenden Tagen deutlich steigen werden. Aktuelle Schätzungen befürchten zwischen 10'000 und 100'000 Todesopfer.

Die Zeit läuft gegen die Eingeschlossenen. «Die ersten 72 Stunden sind entscheidend», weiss Sebastian Engster, der die knapp 90-köpfige Schweizer Rettungscrew in Venezuela leitet – das ist am Samstagabend. Danach sinken die Überlebenschancen drastisch. Auch die Hitze macht dem Teamleiter Sorgen: «Die eingeschlossenen Menschen trocknen schnell aus.» Die Regenzeit verschärft die Situation zusätzlich. Verunreinigtes Wasser kann die Trümmerlandschaft zur Seuchen-Brutstätte machen und weitere Menschenleben fordern.

Schweizer Team im Einsatz

Aus eigener Kraft kann das Land die Krise nicht bewältigen. Zwar gehörte das ressourcenreiche Land bis vor zwei Jahrzehnten zu den wohlhabenden Staaten in Lateinamerika, doch die Misswirtschaft des sozialistischen Regimes hat Venezuela ruiniert. Die Inflation beträgt über 500 Prozent, 83 Prozent der Bevölkerung leben unter der Armutsgrenze. Die Infrastruktur ist marode: Von den 221 Spitälern sind nur vier zu Operationen fähig. Zudem fehlt es an schwerem Gerät, um den Schutt zu räumen. Auch am dritten Tag nach der Katastrophe graben Menschen vielfach mit blossen Händen nach Verschütteten. Videos in den sozialen Medien zeigen Helfer, die zu den Eingeschlossenen singen, um sie beruhigen und auf sich aufmerksam zu machen, während sie graben.

Vieles wird in den kommenden Stunden davon abhängen, wie schnell die 1600 internationalen Helferinnen und Helfer zu den Eingeschlossenen vordringen können. Das Schweizer Team ist am Freitagmittag (Ortszeit) in Caracas gelandet. Die 87 Spezialisten und acht Suchhunde sind in der am stärksten betroffenen Region La Guaira, nördlich von Caracas, im Einsatz.

Georg Farago ist einer der Schweizer Helfer. Auch er berichtet von der grossen Solidarität und dem Engagement der Bevölkerung. «Sie bringen uns Wasser und helfen, wo sie können», sagt Farago, der eine kurze Pause in seiner 12-Stunden-Schicht einlegt. Die Lage sei schwierig. «Unter den Trümmern liegen noch viele Menschen, und es ist sehr heiss.» Farago bestätigt: «Bisher haben wir keine Lebenden gefunden.» Aber er gibt die Hoffnung noch nicht auf.

Regime befürchtet Aufstände

Derweil wird die Kritik an den venezolanischen Behörden lauter. In der Hauptstadt Caracas kam es am Freitagabend zu ersten Protesten gegen die Regierung, wie die Tageszeitung «El Nacional» schreibt. Der Grund: Die Behörden begrenzten die Registrierung von Freiwilligen, die die Sucharbeiten unterstützen wollen. Ebenfalls am Freitagabend schränkten die Behörden den Zugang zu La Guaira ein.

Übergangspräsidentin Delcy Rodríguez schickte am Freitag ausserdem 14’000 Soldaten in die Region. Offiziell sollen sie Plünderungen verhindern. Kritische Stimmen sehen darin hingegen eine Vorbereitung des Regimes auf mögliche Aufstände. Rodríguez ist seit der Entführung von Präsident Maduro im Januar durch US-Truppen die formelle Machthaberin Venezuelas. Für das angeschlagene Regime geht es dieser Tage auch ums eigene Überleben.

Es wäre nicht das erste Mal, dass ein autoritäres Regime in Lateinamerika nach einer Naturkatastrophe zusammenbricht. So führte das Missmanagement des Regimes nach einem verheerenden Erdbeben in Guatemala 1976 zu Aufständen. In Nicaragua fiel nach dem Erdbeben 1972 der Diktator Anastasio Somoza Debayle, weil sich sein Clan an den internationalen Hilfsgeldern bereicherte. Auch in Venezuela werde der Fortbestand des Regimes davon abhängen, wie es mit der Krise umgeht und ob die Hilfe bei den Menschen ankommt oder bei den Loyalisten versickert, sagen Experten gegenüber der «NZZ».

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