Swiss-Olympic-Präsidentin Ruth Metzler
Eine Frau im Gegenwind

Seit anderthalb Jahren ist die alt Bundesrätin die oberste Schweizer Sportlobbyistin. Mit der Olympia-Kandidatur ist sie auf Kurs – doch lauern mächtige Kritiker von allen Seiten: Wegen ihrer Führung, ihrer Kommunikation und wegen des neuen Fördermodells.
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Im Februar in Bormio (I): Die Swiss-Olympic-Präsidentin will die Spiele in die Schweiz holen.
Foto: © PASCAL MORA

Mitten im heiss-trockenen Sommer, Anfang August, erhielten die Mitglieder des vierzehnköpfigen Exekutivrats von Swiss Olympic eigenartige Post. Absenderin: Ruth Metzler-Arnold (62), die Präsidentin des Dachverbands. Betreff: eine sogenannte «Selbstevaluation».

Über 80 Fragen mussten die Empfängerinnen und Empfänger beantworten. Wie sie ihre eigene Leistung einschätzen. Wie sie die Erreichung ihrer Ziele wahrnehmen. Wie sie performen. Wie sie die Stimmung im Gremium beurteilen. Und was sie verbessern wollen.

Die Aktion mag harmlos klingen, Alltag im Büroleben. Metzler-Arnolds Sprecher betont auf Anfrage, «dass ein Verwaltungsrat regelmässig seine eigene Arbeitsweise evaluiert». Dies sei «seit langem Teil der Good Governance». Die Präsidentin habe in ihrer Laufbahn als Verwaltungsratspräsidentin regelmässig solche Selbstevaluationen durchgeführt. Sie seien ein wichtiger Beitrag zur stetigen Verbesserung der Unternehmensführung. Bei Swiss Olympic sei bis jetzt noch nie eine solche Selbstevaluation im Exekutivrat durchgeführt worden.

Kandidatur nahm wichtige Hürden im Parlament

Also alles Courant normal? Vielleicht. Trotzdem gewährt die Aktion einen Einblick in die Spannungen, die sich an der Spitze des Schweizer Sports aufgebaut haben. Der Fragebogen wurde nicht einer Gruppe von Praktikanten zugeschickt, sondern gestandenen, hochkarätigen Vertreterinnen und Vertretern der Schweizer Sportnation. Für Kritiker ist die «Selbstevaluation» deshalb weniger ein harmloses Führungsinstrument als ein Ausdruck des Kontrollanspruchs der Präsidentin.

Seit Januar 2025 steht Metzler-Arnold an der Spitze von Swiss Olympic. An dieser Position ist die Luft dünn, sind die Neider zahlreich. Das grosse Projekt im Raum – die Bewerbung für die Olympischen Winterspiele 2038 – ist auf Kurs: Die Finanzkommission des Nationalrats und die Wissenschafts-, Bildungs- und Kulturkommission haben die Vorlage unterstützt. Die Kandidatur hat damit wichtige parlamentarische Hürden genommen. In der kommenden Herbstsession kommt das Geschäft ins Parlament. Der federführende Verein betreibt erfolgreich Fundraising für die Spiele, die als finanziell und ökologisch nachhaltigste in die Geschichte eingehen sollen.

Und dennoch: Hinter den Kulissen der Funktionärswelt scheint es zu brodeln. Ausgerechnet jetzt. Immer wieder steht Metzler-Arnold im Visier.

Streit ums Geld

Ein anderes, aktuelles Beispiel: Am 31. August wurden fünf gewichtige Verbände bei Swiss Olympic vorstellig: Fussball, Eishockey, Cycling, Swiss-Ski und Triathlon. Der Stein des Anstosses: das neue Verbandsfördermodell, das ab 2027 gelten soll.

Metzler-Arnolds Leute bewerten die nationalen Sportorganisationen neu, um die Fördergelder festzulegen. Die öffentlichen Beiträge werden via Swiss Olympic an die Verbände weiterverteilt – künftig sollen ethische Kriterien wie Frauenförderung oder Nachhaltigkeit mehr zählen, harte Resultate dafür weniger. Für manche Sportarten können die Kürzungen existenziell werden.

Seit der geplanten Neuregelung ist Feuer im Dach. In der Präsentation der fünf Verbände vom 31. August, die Blick vorliegt, üben die Absender harsche Kritik an der Strategie des Dachverbands. Die Honorierung erfolge nicht mehr nach Leistung, heisst es. Das Modell verfehle seine Ziele: weniger Bürokratie, mehr Transparenz – und keine grossen Verlierer. Jetzt sei das Gegenteil der Fall. Einzelnen Verbänden würden Kürzungen von 40 bis 50 Prozent drohen. Für manche Sportorganisationen könnte dies existenzielle Folgen haben. Statt weniger Aufwand gebe es «zusätzliche Audits, Dokumentation und Controlling» – also mehr Bürokratie.

Ausserdem fehle eine Strategie: Soll die Förderung stärker auf Medaillen und internationale Spitze setzen oder auf Breite, Vielfalt und gesellschaftliche Wirkung? Diese Prioritäten seien nie abschliessend geklärt worden. «Das ist ein Verteilschlüssel, kein Fördermodell», lautet das bittere Fazit der Kritiker. «Die eigenen Ziele verfehlt.»

«Partizipativer Prozess»

Metzler-Arnolds Sprecher widerspricht. Swiss Olympic habe 2023 aus zwei Hauptgründen mit der Entwicklung eines neuen Verbandsfördermodells begonnen. Erstens habe sich der Aufgabenbereich der Sportverbände deutlich erweitert. Zum Leistungssport seien die Entwicklung des Breitensports und weitere gesellschaftspolitische Themen dazugekommen. «Der Sport trägt heute dazu bei, die Gesellschaft zu entwickeln. Dem muss ein Verbandsfördermodell Rechnung tragen.»

Ausserdem hätten die Hauptgeldgeber von Swiss Olympic, allen voran der Bund, nach Bekanntwerden der Missstände im Turnsport in Magglingen «den Auftrag erteilt, das Verbandsfördermodell grundlegend zu überarbeiten und ethische Kriterien stärker mitzuberücksichtigen».

Die Sportverbände seien seit Beginn der Arbeiten «in einen partizipativen Prozess» einbezogen worden. Sie hätten sich in den letzten drei Jahren «mehrmals im Rahmen von Vernehmlassungen, Workshops und Austauschen beim Verbandsfördermodell» einbringen können.

Kultur des «Micromanagements»

Der Konflikt ist damit nicht gelöst. Er zeigt vielmehr, wie viel Macht in einem neuen Verteilschlüssel steckt: Wer Geld erhält, wer verliert – und welche Art von Sport künftig stärker gefördert werden soll.

Natürlich ist die Präsidentin Teil eines Teams. Natürlich ist die Kritik am Fördermodell systemischer Natur. Und doch: Die Frau, die 1999 für die CVP in den Bundesrat gewählt und 2003 zugunsten Christoph Blochers schmerzhaft abgewählt wurde, ist seit ihrem neuen Job wieder Gesprächsthema.

Sie habe zu wenig Fronterfahrung im Sportverbandswesen, hiess es vor ihrer Wahl zur obersten Schweizer Olympionikin. Manche fragen sich, ob die ehemalige Bundesrätin ihren Verband zu stark nach dem Muster einer politischen Führungsorganisation leitet. «Sie übt ihr Amt wie eine Departementsführung aus», sagt ein Swiss-Olympic-Insider. Anders als unter ihrem Vorgänger, dem ehemaligen SVP-Nationalrat Jürg Stahl (58), herrsche eine Kultur des «Micromanagements».

Metzler-Arnold wird vorgehalten, dass sie sich stark in operative Fragen einmische. Ihre Unterstützer sehen darin eine Präsidentin, die Verantwortung übernimmt und den Verband voranbringen will. Ihre Kritiker sehen eine Präsidentin, die zu viel selbst steuern möchte.

Wer führt die Olympiakandidatur?

In der Debatte um die Olympiakandidatur 2038 geht es auch um die Frage, wer das Projekt politisch führt. Metzler-Arnold wirft sich mit voller Kraft für die Bewerbung ins Zeug. Das bringt ihr Lob ein – aber auch Skepsis.

Denn der Anstoss zur Kandidatur kam dieses Mal nicht von der Spitze des Nationalen Olympischen Komitees oder aus der Politik, sondern von den Sportverbänden. Bottom-up statt top-down. Und mit jedem Tag, an dem die Kandidatur an Fahrt gewinnt, verdichtet sich das Gedränge vor dem Scheinwerferlicht.

Die Bewerbungsorganisation ist institutionell vom Nationalen Olympischen Komitee getrennt. Wie es das IOC verlangt. Trotzdem ist Metzler-Arnold beim Lobbying in Bundesbern sehr sichtbar. Ihre Unterstützer sprechen von einer «Kampagne» gegen sie.

Der Gegenwind weht indes nicht von den Olympiagegnern her, sondern aus der Sportfamilie selbst.

Handfest wird die Kritik, wenn es um ihre Wahl zur Präsidentin von Swiss Olympic am 22. November 2024 geht. Einige Monate zuvor hatte sie ihr Verwaltungsratsmandat bei der Genfer Privatbank Reyl beendet. Im September 2023 hatte sie ihren Rücktritt erklärt, im Juni 2024 schied sie aus dem Gremium aus.

Ihre Wähler wussten nichts von der Finma-Sache

Nach ihrem Wahlerfolg wurde öffentlich, dass das Geldinstitut, in dem Metzler-Arnold acht Jahre lang im Verwaltungsrat sass, im Visier von Untersuchungen der Finanzmarktaufsicht stand. Die Finma hatte mehrere Mängel festgestellt. «Mafia-, Autokraten- und Russengelder: Bankenskandal holt Alt-Bundesrätin ein», titelten Tamedia-Zeitungen.

Gegenüber Blick zeigen sich mehrere Mitglieder des Sportparlaments verärgert. Sie berichten, dass Metzler-Arnold ihnen die Vorgänge bei Reyl vorenthalten hätte.

Ihr Sprecher sagt dazu knapp: «Ruth Metzler-Arnold hatte bei der Bank Reyl ihren Rücktritt aus dem Verwaltungsrat im September 2023 erklärt, und ist im Juni 2024 aus dem Verwaltungsrat ausgeschieden. Die Wahl zur Präsidentin von Swiss Olympic erfolgte im November 2024.»

Verboten war dieses Vorgehen nicht. Doch es sorgte in den Verbänden nicht nur für Sympathien – erst recht nicht bei den Wintersportlern. Die kritisieren ohnehin, dass der Skisport im Olympischen Komitee untervertreten ist.

Metzler-Arnold wird sich bewusst sein, dass der Support für ihre eigene Wahl auch aus dem mächtigen Turnverband kam. Sie lässt dazu ausrichten: «Von 87 Mitgliedsverbänden bei Swiss Olympic sind 6 Wintersportverbände. Die Sommer- und Hallensportverbände unterstützen die Kandidatur für Switzerland 2038, sonst wäre diese nicht zustande gekommen.»

Der Herbst wird entscheidend

Die nächsten Wochen dürften zeigen, wie belastbar Metzler-Arnolds Position ist. Beim Fördermodell geht es um viel Geld und um die Frage, welche Prioritäten der Schweizer Sport künftig setzen soll. Ärger herrscht auch darum, weil Swiss Olympic ein Defizit schreibt und Mittel für die Olympiakandidatur aufwendet, auf der anderen Seite aber die Erfolgsbeiträge für die Verbände gestrichen hat.

Bei «Switzerland 2038» geht es um ein Projekt von nationaler Bedeutung – und um die politische Deutungshoheit darüber.

Die Präsidentin steht damit nicht nur im Gegenwind der Olympiagegner. Sie muss sich auch innerhalb der Sportfamilie behaupten.

Ruth Metzler-Arnold wird weiter im Sturm stehen. Und vielleicht wieder eine Selbstevaluation durchführen.

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