SRF-Direktorin Wappler
«Ich hätte mutiger sein können»

Am 8. März stimmt die Schweiz über die Zukunft der SRG ab, Ende April verlässt Nathalie Wappler den Leutschenbach. Ein Gespräch über politisches Glatteis, Linksdrall-Vorwürfe – und Fehler ihrer Amtszeit.
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Nathalie Wappler trägt einen Gips: «Ich bin auf dem Glatteis in Arosa ausgerutscht.»
Foto: Philippe Rossier

Darum gehts

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Raphael RauchBundeshausredaktor

Frau Wappler, was ist mir Ihrer Hand passiert?
Nathalie Wappler: Ich bin auf dem Glatteis in Arosa ausgerutscht. Deswegen muss ich einen Gips tragen. 

Haben Sie danach das Regionalstudio Graubünden angerufen mit dem Tipp, zu recherchieren, warum der Winterdienst in Arosa nicht funktioniert?
Nein, ich gebe den Redaktionen keine Anweisungen. Ich bin an einem Wochenende gestürzt und musste dann die Notfall-Ambulanz aufsuchen. Die haben gelacht, weil ich nicht die Einzige war. Glücklicherweise hatte ich keine komplizierte Verletzung, sondern einen Standard-Bruch. 

Entschuldigen Sie den Wortwitz, aber: Wie bewegen Sie sich auf dem politischen Glatteis?
Ich erlebe kein politisches Glatteis, sondern einen emotionalen Abstimmungskampf. Wie immer gibt es Pro und Kontra. Die Initiative ist viel zu radikal und will die SRG halbieren. Der Bundesrat sieht das so, das Parlament ebenfalls. Sie lehnen die Initiative deshalb ab.

In Ihrem Büro hängen Plakate der Kultserie «Tschugger». Könnten Sie die auch mit 200 Franken pro Haushalt produzieren?
Nein, das können Sie vergessen! Fiktionale Programme sind teuer – von der Drehbuchentwicklung bis zur Produktion. Mit 200 Franken ist die Zukunft des Schweizer Films in Gefahr. Die SRG gibt schweizweit jährlich etwa 34 Millionen Franken für das Schweizer Filmschaffen aus. Dazu gehören Dokumentarfilme, Serien und Kinofilme, die in Co-Produktion mit SRF entstehen. Ein kleines Land wie die Schweiz mit den verschiedenen Sprachregionen braucht Geschichten über sich selbst. Dafür braucht es eine starke SRG. 

Auch mit 200 Franken lässt sich viel machen.
Was mich am Abstimmungskampf stört, ist diese aufgesetzte Leichtfüssigkeit. Ich höre öfter: «Stellt euch mal nicht so an! Diese Einsparungen sind ja nur gering!» Das sind sie eben genau nicht. Die Auswirkungen wären extrem. Und wehe, wir stellen Sendungen ein. Dann heisst es immer: «Spart doch in der Verwaltung, nicht im Programm!» Dabei fallen nur 6 Prozent der SRF-Ausgaben auf die Verwaltung. Wenn wir in diesem Umfang einsparen müssen, geht es auch stark ins Programm. 

Sie könnten ein paar Millionen sparen, wenn Sie zum Beispiel die Radiosender SRF 1 und SRF 3 zusammenlegen.
Wenn man etwas von Radio versteht, weiss man, dass SRF 1 und SRF 3 unterschiedliche Zielgruppen ansprechen. Das läuft auch über die Musik, bei der man sich wie zu Hause fühlen soll. 

SRF 3 tönt wie ein privater Radiosender. Da gibts kein «Echo der Zeit»!
Aber dafür viel anderes, was den Service public ausmacht! SRF 3 Best Talent ist wichtig für die Talentförderung. Täglich liefert SRF 3 zudem zwei Stunden Nachrichten. Es gibt eine eigene Wirtschaftsberichterstattung mit zwei Schwerpunkten pro Woche. Wir bringen einen grossen Anteil an Schweizer Musik. SRF 3 ist wichtig für die Schweizer Musiker- und Künstlerszene.

Warum schliessen Sie nicht den Standort Basel? Dadurch liesse sich viel Geld sparen.
Das ist die Gefahr der Halbierungs-Initiative: Wenn die angenommen wird, müssen wir uns mehrheitlich aus den Regionen zurückziehen. Die Menschen wollen aber eine SRG, die von Genf bis St. Gallen lokal verankert ist. Dazu gehört auch Basel. 

Wenn Regionales so wichtig ist: Warum spielt die regionale Berichterstattung auf der App keine wichtigere Rolle? Sie haben einen eigenen Reiter abgeschafft.
Die regionale Berichterstattung ist wichtig für den Service public. Aber das stimmt, wir hatten früher eine eigene Onlinerubrik – die wurde aber nicht rege genutzt. Wir spielen Regionalität seitdem prominenter auf der Newsapp und zeigen Themen aus den Regionen, die national interessant sind. Als User nehmen Sie das als SRF-Inhalt wahr und nicht unbedingt als Zulieferung aus dem Regionalstudio Aarau. 

«Wir müssten uns aus den Regionen zurückziehen»
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Wappler zur SRG-Initiative:«Wir müssten uns aus den Regionen zurückziehen»

Der Zürcher FDP-Präsident Filippo Leutenegger wirft Ihnen mit der SRF-Doku «Wo-wo-Wohnungsnot – Das Zürcher Monopoly» Linksdrall, Unausgewogenheit und Klassenkampf vor.
Das weisen wir entschieden zurück. Ich weiss, dass er eine Beanstandung eingereicht hat, und das ist sein gutes Recht. Aber alle, die den Film sehen, erhalten die wichtigsten Pro- und Kontra-Argumente verständlich erklärt. Wir warten jetzt den Ombudsbericht ab. 

Stimmt es, dass Sie bei der Endabnahme dabei waren?
Nein. Ich segne keine Filme ab. Der Film hat mit der Abstimmung vom 8. März auch nichts zu tun. Zürich stimmt am 14. Juni über bezahlbaren Wohnungsraum ab. Bezahlbare Wohnungen werden beim Sorgenbarometer ganz oben genannt. Ich habe auch die Blick-Kommentare gelesen – Ihre Leserinnen und Leser bestätigen, wie drängend das Problem ist. Es ist ein wichtiges und emotionales Thema, und genau das zeigt der Film. 

Ein emotionales Thema ist auch die Brandkatastrophe von Crans-Montana. Warum haben Sie an jenem Abend keine Sondersendung gebracht, sondern den «Tatort» und «Auf und davon»?
Unsere Kolleginnen und Kollegen haben am 1. Januar einen super Job gemacht. Dabei ist mir wichtig zu betonen: Tagsüber ist unser Haupt-Newskanal nicht das Fernsehen, sondern die News-App. Wir hatten an diesem Tag 1,6 Millionen User auf unserer News-App. Abends, als die Menschen zu Hause waren, gab es dann eine verlängerte «Tagesschau». 

Muss bei einer nationalen Katastrophe SRF nicht in der Lage sein, Sondersendungen zur Hauptsendezeit zu bringen?
Wir stellen uns immer die Frage: Was können wir besser machen? Ich finde, wir hätten das Visual Radio früher aufschalten sollen, damit die Moderatoren und ihre Gesprächspartner zu sehen sind. 

Ende April ist Ihr letzter Arbeitstag. Sie standen sieben Jahre an der Spitze von SRF. Was würden Sie im Nachhinein anders machen?
Die digitale Transformation ist für uns entscheidend. Und sie ist erfolgreich, wie die Zahlen belegen. So rasant, wie sich der Medienmarkt entwickelt, hätte ich rückblickend im digitalen Bereich sogar noch mutiger sein können. Und ich hätte noch vehementer vermitteln müssen, wie wichtig diese digitale Entwicklung ist. Früher war die Mediathek ein Archiv, um Sendungen nachzuschauen. Heute haben wir eine Streamingplattform, die ganz anders funktioniert. Die hätten wir noch früher starten sollen. 

Eine Fehlentscheidung von Susanne Wille und Ihnen war es, die Literatursendung «52 beste Bücher» abzuschaffen. Sie stand für Schweizer Literaturgeschichte, Max Frisch war hier zu Gast. Vom jungen Literatur-Star Nelio Biedermann findet man bei SRF kein 60-minütiges Interview. Sehen Sie Ihren Fehler inzwischen ein?
Wir haben 2020 entschieden, «52 beste Bücher» einzustellen, weil wir damit immer weniger Menschen erreichten. Das ist über fünf Jahre her, und es ist absolut legitim, dass wir ein Programm weiterentwickeln. Zudem haben wir in der Literatur nur marginal eingespart. 

Der Nachfolge-Podcast war ein Flop.
Wir haben seit Anfang 2026 auf Radio SRF 2 Kultur die Sendung «Literaturclub Interview», in dem Autorinnen und Autoren wieder stärker zu Wort kommen. Es gibt keine Lesung mehr wie bei «52 beste Bücher», und die Sendung ist 30 Minuten lang statt 60, aber in dieser Kompaktheit überzeugend. 

SRG-Verwaltungsrätin Ursula Gut-Winterberger ist zurückgetreten. Sie findet es «unglücklich», dass sich Headhunter um Ihre Nachfolge kümmern, die geschäftlich mit dem rechtsbürgerlichen «Nebelspalter» verbandelt sind. Zu den Favoritinnen gehört SRF-Journalistin Anita Richner, die Frau des «Nebelspalter»-Verlegers Markus Somm. Was sagen Sie dazu?
Für die Wahl meiner Nachfolge ist die SRG Deutschschweiz zuständig. Ich bin nicht in den Prozess involviert.

Sie beraten künftig den öffentlich-rechtlichen Rundfunk in Deutschland. Ziehen Sie zurück nach Weimar, wo Sie früher tätig waren?
Nein, das ist ein Mandat im Nebenamt. Ich bleibe in Zürich.

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