SP-Ständerätin entsetzt: «Das ist beschämend und reiner Populismus»
SVP warnt vor Ausländern, die mit Cousinen Kinder bekommen

Ein heikles Thema wird politisch: Die SVP greift Verwandtenehen unter Ausländern auf und warnt vor möglichen Risiken für deren Kinder – mit Folgen fürs Gesundheitssystem. Kritiker werfen der Partei vor, Migranten zu stigmatisieren.
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Rechtlich kein Problem: Die Ehe zwischen Cousinen und Cousins ist in der Schweiz erlaubt.
Foto: keystone-sda.ch

Darum gehts

KI-generiert, redaktionell geprüft
  • SVP befasst sich mit Verwandtenehen, warnt vor genetischen Risiken und Autismusgefahr
  • Bei Kindern von Cousin und Cousine ist Risiko für bestimmte genetische Erkrankungen erhöht
  • Scharfe Kritik von SP-Ständerätin Roth an Äusserungen der SVP
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Sven AltermattCo-Ressortleiter Politik

Ein Mann heiratet seine Cousine, sie bekommen ein Kind. Verboten ist das hierzulande nicht. Für viele bleibt es dennoch ein Tabu, manche sprechen gar von Inzest. Jetzt erreicht das Thema Bundesbern – verknüpft mit Migration: Die SVP nimmt Verwandtenehen bei Ausländern ins Visier. Sie warnt vor gesundheitlichen Folgen für deren Kinder.

In einem Schreiben an Gesundheitsministerin Elisabeth Baume-Schneider (62, SP) hält die Partei fest: Beziehungen zwischen nahen Verwandten, insbesondere Cousins ersten Grades, erhöhten das Risiko für genetische Erkrankungen. Die SVP nennt mehrere Länder, darunter etwa Pakistan, Ägypten und Marokko. Dort würden «Eheschliessungen zwischen Cousins sehr häufig praktiziert». Auch in der Schweiz seien diese erlaubt, so die Partei weiter, «werden aber signifikant häufiger von ausländischen Personen geschlossen».

SVP thematisiert «genetische Komponente»

«Aufgrund der erheblichen gesundheitlichen Risiken für deren Nachkommen gilt es hier Aufklärungsarbeit zu leisten», fordert die SVP vom Bund. Unterzeichnet ist die bisher unbeachtete Stellungnahme von Parteichef Marcel Dettling (45) und Generalsekretär Henrique Schneider (48).

Die Passage fällt auf. Denn eigentlich geht es um etwas anderes: um die Behandlung von Kindern im Vorschulalter mit schweren Autismus-Spektrum-Störungen. Bezahlt wird dies über die Invalidenversicherung (IV). Im Parlament war die Vorlage 2025 wenig umstritten, für die Details hat der Bundesrat eine Verordnung ausgearbeitet. 

Die SVP sieht die entsprechenden Pläne in der Vernehmlassung – diese wird derzeit in Bern ausgewertet – sehr kritisch. In ihrer Stellungnahme moniert sie eine «frühe Intervention in familiäre und damit private Bereiche», zweifelt an der Wirksamkeit und befürchtet eine Kostenexplosion bei der IV.

Und dann ist da der unerwartete Schwenker: Auch die genetische Komponente dürfe «nicht verharmlost» werden. Neben dem generellen Risiko von Verwandtenehen müsse konkret das Autismus-Risiko berücksichtigt werden, so die SVP. Kinder von Cousins seien «etwa doppelt so häufig» von Autismus betroffen wie Kinder nicht verwandter Eltern, das zeige eine in den USA veröffentlichte Studie.

Warum bringt die SVP diese heiklen Verbindungen gerade jetzt auf? Und verfügt sie über Daten, die eine Häufung in der Schweiz zeigen? Fragen dazu beantwortet die Partei nicht – die Vernehmlassungsantwort sei abschliessend, heisst es aus der SVP-Zentrale.

Wie häufig gibt es Cousinenehen?

Medizinisch gilt als gesichert: Bei Kindern von Cousin und Cousine ist das Risiko für bestimmte genetische Erkrankungen erhöht. Denn beide Eltern tragen mit höherer Wahrscheinlichkeit diese rezessiven Erbanlagen. Treffen diese zusammen, kann eine Krankheit ausbrechen (hier erfährst du mehr dazu).

Und wie häufig kommen solche Ehen vor? Eine 2009 im Fachblatt «Reproductive Health» veröffentlichte Studie schätzt, dass in der arabischen Welt rund ein Drittel aller Ehen zwischen Cousins ersten Grades geschlossen wird. «In manchen muslimischen Ländern sind sechs von zehn aller Ehen Verwandtenehen», analysierte gar das österreichische Familienministerium. In unserem Nachbarland entbrannte 2025 eine Debatte darüber, Cousinenehen wurden dort unterdessen verboten.

Nicht die Religion sei entscheidend, sagen Fachleute, sondern Kultur und Tradition. Oft gehe es darum, die eigene Gruppe «geschlossen» zu halten. In westlichen Ländern liegt die Quote der Verwandtenehen laut Schätzungen bei weniger als einem Prozent. Allerdings fehlen gesicherte Zahlen. So ist unklar, wie viele solcher Ehen in der Schweiz geschlossen werden – und ob gewisse Ausländergruppen häufiger betroffen sind.

SP-Ständerätin: «Trumpistisch!»

SP-Ständerätin Franziska Roth (59) befürchtet eine Stigmatisierung migrantischer Gruppen. Sie nennt es unhaltbar, dass die SVP die Frühintervention bei Autismus-Spektrum-Störungen mit Ehen von Cousinen und Cousins aus dem arabischen Raum verbinde. «Das ist trumpistisch und unwissenschaftlich», sagt die Heilpädagogin.

Es sei nichts dagegen einzuwenden, wenn die Partei die Bevölkerung aufklären wolle, dass Verwandtenehen mit erhöhten genetischen Risiken verbunden seien. Aber die SVP instrumentalisiere ausländische Kinder mit Autismus, um gegen Menschen aus dem Ausland zu wettern. Die Solothurnerin kritisiert: «Es ist beschämend und reiner Populismus, Genetik mit Nationalitäten oder Religionen in Verbindung zu bringen.» Die Partei reisse Forschungsergebnisse aus dem Kontext und betreibe Desinformation. 

Roth verweist darauf, dass Autismus-Spektrum-Störungen viele Ursachen haben können. Die Vorlage des Bundes habe ein klares Ziel: «Die möglichst frühzeitige Abklärung und Therapie bei Kleinkindern zu sichern.» Gerade bei schweren Fällen sei solche Unterstützung entscheidend. Die SVP bekämpfe die Vorlage auf Kosten der Kinder und ihrer Familien. «Je früher die Intervention erfolgt, desto grösser sind die Chancen, dass die Kinder überhaupt sozialisiert werden können.»

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