Sinti und Jenische ausgebremst
Die Schweiz drängt Fahrende zur Sesshaftigkeit

In der Schweiz fehlt über die Hälfte der benötigten Plätze für reisende Jenische und Sinti. Eine Lösung lässt seit 40 Jahren auf sich warten, trotz der historisch schweren Schuld der Schweiz.
Kommentieren
1/5
Der Campingplatz Rania in Zillis GR dient Fahrenden als Standplatz.
Foto: Jonathan Labusch

Darum gehts

KI-generiert, redaktionell geprüft
Die Zusammenfassung von Blick+-Artikeln ist unseren Nutzern mit Abo vorbehalten. Melde dich bitte an, falls du ein Abo hast.
Stefanie Hablützel
Beobachter

Die Aussicht auf das St. Galler Rheintal ist prächtig. Doch Richard Braun ist nicht glücklich: «Es ist schön hier, aber wir sind nicht frei.» Statt auf Reise zu gehen, wie es im Frühjahr üblich wäre, steckt der 44-jährige Jenische mit seiner Familie in dieser gemieteten Wohnung fest, «abgeschnitten von meinem Volk». Bilder der abwesenden Grossfamilie schmücken den Raum. 

Artikel aus dem «Beobachter»

Das ist ein Beitrag aus dem «Beobachter». Das Magazin berichtet ohne Scheuklappen – und hilft Ihnen, Zeit, Geld und Nerven zu sparen.

Probieren Sie die Mobile-App aus!

Das ist ein Beitrag aus dem «Beobachter». Das Magazin berichtet ohne Scheuklappen – und hilft Ihnen, Zeit, Geld und Nerven zu sparen.

Probieren Sie die Mobile-App aus!

Die Familie ist unfreiwillig sesshaft, weil sie im Winter keinen Platz für ihren Wohnwagen findet. Schweizer Fahrende leben traditionellerweise halb nomadisch – und legen in der kalten Jahreszeit eine Pause auf einem sogenannten Standplatz ein. Seit drei Jahren sucht Braun eine freie Parzelle auf einem solchen Platz: «Ich will nicht einen Platz aus Gold, ich will nur einen kleinen Flecken.»

Wie Wasser zum Leben

Für Braun, der eigentlich anders heisst, ist der Platz ein Sehnsuchtsort: «Dort kann ich meine Kultur leben.» Sesshaft zu sein, kratze an seiner Identität, «du gehst ein wie ein Blüemli ohne Wasser». Doch was macht es aus, auf einem solchen Platz zu leben? «Am Abend gibt es ein Feuer, man ist zusammen und berichtet über den Tag und die Freuden und Sorgen.» Wirtschaftlich sei die Situation als ausgebildeter Hausierer ohne abgeschlossene Volksschule zwar schwierig. Aber «ich wäre als Mensch des fahrenden Volks frei».

Die Lage sei «ernüchternd», kommentiert Simon Röthlisberger, Geschäftsführer der Stiftung Zukunft für Schweizer Fahrende, die 1997 vom Bund gegründet wurde. Sie erhebt seit 2001 alle fünf Jahre, wie viele Plätze fehlen. Soeben hat sie ihren neuesten Bericht publiziert. Für die traditionelle Winterpause der etwa 3500 Schweizer Fahrenden in fixen Holzhäuschen, Wohncontainern oder Wohnwagen fehlen 34 von 58 benötigten Standplätzen. Die vier zusätzlichen Plätze seit der letzten Erhebung seien entweder provisorisch oder auf den Winter beschränkt.

Und für die Reise von Frühling bis Herbst fehlen 45 von 73 Durchgangsplätzen. Die magere Bilanz schweizweit: Mehr als die Hälfte der nötigen Plätze fehlt. Und jene, die es gibt, liegen häufig in toten Winkeln der Gesellschaft neben Kläranlagen oder Autobahnen.

Verbrechen gegen die Menschlichkeit

Das Problem ist alt. 1972 deckte der «Beobachter» auf, dass die Stiftung Pro Juventute mit ihrem Programm «Kinder der Landstrasse» seit 1926 versucht hatte, die Jenischen zur Sesshaftigkeit zu zwingen. Dafür nahm sie den Familien ihre Kinder weg. Betroffen waren geschätzt 2000 jenische Kinder, die bis 1973 von Behörden und Hilfswerken ihren Eltern entrissen wurden. Die öffentliche Empörung war gross.

Zehn Jahre später hielt eine vom Bundesrat eingesetzte Kommission im Bericht «Fahrendes Volk in der Schweiz – Lage, Probleme, Empfehlungen» die «Bedeutung der fahrenden Minorität für die Willensnation Schweiz» fest und empfahl, deutlich mehr Plätze zu schaffen. Seit 1998 sind Jenische und Sinti als nationale Minderheit geschützt – genauso wie die rätoromanische Bevölkerung. Und im Februar 2025 anerkannte der Bundesrat und im April 2026 auch der Nationalrat das historische Unrecht gegenüber Jenischen und Sinti als Verbrechen gegen die Menschlichkeit.

«Mir reisst langsam der Geduldsfaden», sagt Daniel Huber, Präsident der Radgenossenschaft, über den Mangel an Stand- und Durchgangsplätzen.
Foto: Jonathan Labusch

Doch trotz der offiziellen Bekundungen wird die fahrende Bevölkerung in der Schweiz weiterhin an den Rand gedrängt. Während die Rätoromanen als geschützte Minderheit schweizweit viel Sympathie geniessen, leiden die Fahrenden oft unter Diskriminierung und Ausgrenzung.

Zürich tut sich schwer

Familie Braun kämpft vor allem mit dem amtlich vorgeschriebenen Wohnsitz. Die beiden letzten Winter zog die Familie samt Wohnwagen auf einen provisorischen Durchgangsplatz der Stadt Zürich: einen Kiesplatz im Schatten der Europabrücke, versteckt hinter Bürocontainern. Als sich die Familie im Stadthaus anmelden wollte, akzeptierte das Amt die Adresse nicht. Dort gebe es nur Bürocontainer, beschied eine Mitarbeiterin. Braun: «Ich musste notfallmässig auf dem Land eine Wohnung mieten, damit wir uns anmelden konnten.»

Es sei nicht erlaubt, sich auf dem Durchgangsplatz anzumelden, bestätigt Sebastian Hos von der Stadt Zürich: «Diese Plätze sind – im Unterschied zu Standplätzen – nicht ausgerüstet, um dort dauerhaft zu verbleiben.» Wer nur «vorübergehend» im Winter dort lebe, erfülle die rechtlichen Voraussetzungen nicht. Für eine Anmeldung sei ein Wohncontainer, Chalet oder Wohnwagen auf einem Standplatz nötig, «in der Regel mit einem unbefristeten Mietvertrag».

Mehr Spielraum sieht die Eidgenössische Kommission gegen Rassismus. Sie hält in ihrem Ratgeber fest, dass Fahrende ihren Wohnsitz an dem Ort hätten, «wo sie üblicherweise den Winter verbringen». Den Betroffenen in Zürich bringt das wenig. 

«Wenn alle Akteure ihren Handlungsspielraum zugunsten der Minderheiten nutzen würden, dann ginge es deutlich schneller vorwärts», ist Simon Röthlisberger von der Stiftung Zukunft für Schweizer Fahrende überzeugt. Immerhin gebe es überall in der Schweiz auch Behörden, «die sich engagieren und Lösungen suchen».

Engagement allein reicht nicht

Das Beispiel des Kantons St. Gallen zeigt aber: Engagement allein reicht nicht. Zurzeit fehlen drei Stand- und sechs Durchgangsplätze, vier Standplätze gibt es. Telefon an Alexander Biber, verantwortlich für die Belange der Fahrenden in St. Gallen. «Wir haben als Kanton 20 Jahre lang Projekte für neue Plätze entwickelt und sind jeweils auf die Gemeinden zugegangen.» Doch alle Plätze seien letztlich am Veto der Gemeinden gescheitert. Am nötigen Boden fehle es nicht: «Während der Corona-Pandemie sind überall Plätze für Camper aus dem Boden geschossen.» Das Problem sei das «fehlende Verständnis für gerechtfertigte Anliegen und Bedürfnisse der Jenischen und Sinti». St. Gallen arbeite deshalb an einer neuen Strategie, «um mit Wissens- und Kulturvermittlung die Bevölkerung zu sensibilisieren» und Vorbehalte in den Gemeinden «proaktiv anzugehen und zu klären».

Judith Wyttenbach ist Professorin an der Universität Bern und gehört zum Expertengremium, das europaweit den Schutz und die Einhaltung der Rechte nationaler Minderheiten überwacht. Sie wählt deutliche Worte: «Es beelendet mich, dass die Gesellschaft ständig dafür sensibilisiert werden muss, was die legitimen Bedürfnisse der Jenischen sind und dass sie schon in Ordnung sind. Wie muss sich das für die Jenischen anfühlen?»

Kommunaler Widerstand zeigt sich auch in Graubünden. Dort gibt es entlang der Autobahn A13 zurzeit drei Standplätze, zwei Durchgangsplätze und einen Transitplatz für ausländische Fahrende. Was fehlt, sind ein Durchgangsplatz und ein grösserer Standplatz. Vor vier Jahren ergab die Standortevaluation des Kantons fünf «Best-Standorte»: in Landquart, Schiers, Bonaduz, Zizers und Grüsch. Als Thomas Kollegger, Chef des Bündner Amts für Gemeinden, bei den lokalen Behörden vorsprach, sei der Empfang freundlich gewesen: «Sie klopften mir auf die Schulter und sagten: ‹Du bist nicht zu beneiden mit deiner Aufgabe.›» Dann sagte eine Gemeinde nach der anderen ab.

Lokale Nutzungskonflikte

Ortstermin mit Kollegger in Landquart. Er steht auf einer umzäunten Brache am Siedlungsrand: «Das wäre doch ein flotter Platz!» Aus dem grünen Dickicht eines Wäldchens zwitschern Vögel. Gedämpft ist das Rauschen der Strasse nach Davos zu hören. Doch Landquart sagte ab, weil die Gemeinde die Parzelle künftig für den «dringend benötigten Forstwerkhof» nutzen will.

«Ein flotter Platz», sagt Thomas Kollegger vom Amt für Gemeinden des Kantons Graubünden. Doch Landquart sagte Nein zum Standplatz auf dieser Brache.
Foto: Stefanie Hablützel

Nutzungskonflikte seien häufig, kommentiert Staats- und Völkerrechtlerin Wyttenbach. Zwar gebe es eine Interessenabwägung, aber «oftmals nicht zugunsten der Jenischen». Diese seien lokalpolitisch nicht verankert und könnten so ihre Interessen nicht in den politischen Prozess einbringen.

Besuch im Rathaus von Landquart. Seit Anfang 2025 präsidiert SP-Mann Andreas Thöny die Gemeinde. Er nimmt kein Blatt vor den Mund. Der geplante Forstwerkhof sei ein dankbares Argument für den früheren Gemeindevorstand gewesen: «Weil man keinen Standplatz haben möchte.» Die Stimmung in der Bevölkerung sei kritisch. «Ich höre Sätze wie: ‹Wenn die Fahrenden da sind, musst du die Sachen reinnehmen, sonst werden sie gestohlen.›» Das sei diskriminierend. Wenn ein Sesshafter etwas aus dem Laden stehle, «ist auch nicht ganz Landquart verdächtig».

Fahrende werden diskriminiert

2024 ergab eine Erhebung des Bundesamts für Statistik, dass sich gut 23 Prozent der Bevölkerung durch Personen mit fahrender Lebensweise gestört fühlen. Projekte für neue Plätze scheiterten regelmässig an Vorbehalten und stereotypen Vorstellungen, sagt Rosalita Giorgetti vom Bundesamt für Kultur: «Am Schluss stossen wir häufig auf Diskriminierung.» Der Bund verstärke deshalb sein Engagement gegen Rassismus und auch Antisemitismus.

Der Campingplatz Rania am Eingang zur Viamala dient Fahrenden als Stand- und Durchgangsplatz.
Foto: Jonathan Labusch

Zurück in Landquart. Wird sich der SP-Gemeindepräsident also für einen Standplatz einsetzen? «Nein, der Entscheid ist gefällt.» Thöny kennt die Grenzen seines Amts im bürgerlich geprägten Landquart. Wenn der Kanton nochmals anklopfe, werde er «das Anliegen in den Gemeindevorstand einbringen – nicht mehr und nicht weniger». Grundsätzlich würde er es begrüssen, wenn der Kanton die Standorte der Plätze festlege: «Das würde die lokalen Behörden bei einem politisch umstrittenen Entscheid entlasten.»

Das bezweifelt Kantonsvertreter Kollegger: «Mehr Druck löst Gegendruck aus und ist nicht förderlich für die Akzeptanz.» Es gehe hier um eine gemeinsame Verantwortung von Kanton und Gemeinden. «Ich würde mir wünschen, dass sich die Gemeinden dieser Verantwortung bewusst sind und die Jenischen nicht als Last, sondern als kulturelle Bereicherung und Teil der Gesellschaft sehen.»

Die Sorge wächst

Mit wachsender Sorge und Ungeduld beobachten die Jenischen, wie es seit Jahrzehnten stockt. «Mir reisst langsam der Geduldsfaden», sagt der Präsident der Radgenossenschaft, Daniel Huber. Genügend Plätze seien «eine Sache von Anstand und Respekt». Wenn er sehe, «was man uns angetan hat, dann erwarte ich eine Wiedergutmachung».

«Unser jenisches Dörfli»: Wohnwagen auf dem Campingplatz Rania in Zillis.
Foto: Jonathan Labusch

Mit zügigem Schritt führt Huber durch «unser jenisches Dörfli» mit kleinen Holzchalets und Wohnwagen, die mit Blumen und allerlei Figuren geschmückt sind. Auf dem Stand- und Durchgangsplatz können auch Touristen ihre Zelte aufschlagen. Eine Beiz bringt alle zusammen. Seit 2016 pachtet die Radgenossenschaft den Campingplatz Rania in Zillis am Eingang der Viamala-Schlucht von einem Unternehmer.

Der Ort erinnert an einen sicheren Hafen. Für den Präsidenten der Radgenossenschaft ist die fahrende Kultur inzwischen denn auch existenziell bedroht. Es brauche jetzt «ein Machtwort des Bundes». Doch diesem sind laut Rosalita Giorgetti vom Bundesamt für Kultur die Hände gebunden: «Da die Raumplanung in der Schweiz in kantonaler Zuständigkeit liegt, kann der Bund keine Standorte vorgeben.» Die Kantone könnten aber die gesetzlichen und planerischen Vorgaben an die Gemeinden verschärfen, sagt Staatsrechtlerin Wyttenbach.

Hoch über dem St. Galler Rheintal prasselt Regen gegen die Fenster von Brauns Exil. Das Wetter spiegelt seine Stimmung: «Ich fände es sehr traurig, wenn unsere Kultur verloren ginge.» Seine Nachbarn wüssten nicht, dass er Jenischer sei. Und manchmal frage er sich, ob es nicht besser wäre, sich mit dem Leben in einer Wohnung zu arrangieren.

Was sagst du dazu?
Liebe Leserin, Lieber Leser
Der Kommentarbereich von Blick+-Artikeln ist unseren Nutzern mit Abo vorbehalten. Melde dich bitte an, falls du ein Abo hast. Noch kein Blick+-Abo? Finde unsere Angebote hier:
Hast du bereits ein Abo?
Heiss diskutiert
    Meistgelesen