Forscher fordern Untersuchung von Jenischen-Verfolgung
Forscher fordern radikale Aufklärung der Schweizer Schande

Auf Worte müsse der Bund Taten folgen lassen, sagen Forschende und Jenische. Wie das geht, zeigt Norwegen, das seine fahrende Minderheit einst ebenfalls kulturell zerstören wollte.
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Opfer eines Verbrechens gegen die Menschlichkeit: Jenische in den 1940er-Jahren in der Schweiz.
Foto: Photopress-Archiv/Keystone

Darum gehts

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Yves Demuth
Beobachter

Bundesrat und Nationalrat stufen die Verfolgung der Jenischen offiziell als Verbrechen gegen die Menschlichkeit ein. Doch nun kritisieren elf Forscherinnen und Forscher, dass dieses Verbrechen «nie umfassend aufgearbeitet» worden sei.

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Das schreiben sie in einem offenen Brief an Bundesrat, Parlament und die Konferenz der Kantonsregierungen, der am Montag versendet worden ist. Die Forschenden fordern eine «unabhängige Kommission», um die «Ursachen, Verantwortlichkeiten und Folgen dieses Verbrechens» zu untersuchen.

Hunderte Kinder den Eltern weggenommen

Bis in die 1970er-Jahre sind Hunderte Kinder ihren jenischen Eltern weggenommen worden, um sie sesshaft zu machen und ihrer Kultur zu entfremden. Das Ziel von Behörden oder halbstaatlichen Organisationen wie der Pro Juventute war, die Kultur der Fahrenden, Jenischen und Sinti weitgehend zu zerstören.

2025 stufte der Bundesrat diese Politik aufgrund eines Rechtsgutachtens als Verbrechen gegen die Menschlichkeit ein – nach Massgabe des heutigen Völkerrechts. Der Nationalrat anerkannte das Ende April dieses Jahres ebenfalls.

Jenische und Forschende fordern Taten

Doch was das für Folgen hat, ist unklar. Ein Dialog des Bundes mit Jenischen hat bisher keine Resultate hervorgebracht. Sandra und Ludovic Gerzner von der Union der Vereine und der Vertreter der Schweizer Nomaden begrüssen zwar die Erklärungen von Bundesrat und Nationalrat. Sie fordern nun aber eine Kommission, die die Vergangenheit aufarbeitet, Betroffene anhört, Opfer rehabilitiert und heutige Diskriminierungen angeht. Zudem verlangen sie mehr Kompetenzen für den Bund, um endlich mehr Standplätze für Fahrende zu ermöglichen.

«Weder der Bundesratsbeschluss noch die parlamentarische Erklärung sieht eine Untersuchung des schwerwiegenden Verbrechens vor», kritisieren auch die Forschenden. Das sei ein erster wichtiger Schritt, aber keine Aufarbeitung. «Der Bund sollte unter anderem möglichst bald ein Oral-History-Projekt starten, um die Erfahrungen der Betroffenen noch dokumentieren und sichern zu können», sagt Historikerin Sara Galle.

Sie unterzeichnete den Brief zusammen mit Strafrechtsprofessorin Nadja Capus, den Rechtsprofessoren Jonas Weber und Alberto Achermann, den emeritierten Professoren Jakob Tanner, Walter Leimgruber und Hans Vest, der Religionswissenschaftlerin Carla Hagen, den Historikern Thomas Huonker und Thomas Meier sowie der Dozentin Regula Ludi. Sie alle haben zur Verfolgung der Jenischen und Sinti geforscht.

Norwegen beging ähnliche Verbrechen …

Ein Blick nach Norwegen zeigt, wie das gehen könnte. Dort hat der Staat gemeinsam mit einer halbstaatlichen Stiftung ebenfalls versucht, die Kultur der norwegischen Fahrenden, genannt Romani oder Tater, zu zerstören; mit Kindeswegnahmen, Sterilisationen, Umsiedlungen und Zwangsarbeit bis Mitte der 1980er-Jahre.

Die Verbrechen wurden zuerst in mehreren Studien bruchstückhaft untersucht, ähnlich wie in der Schweiz. Danach folgte aber ein Schritt, den es in der Schweiz nie gegeben hat. Der ehemalige Aussenminister Norwegens, Knut Vollebæk, führte gemeinsam mit Forschenden und Betroffenen eine Untersuchungskommission mit umfassenden Kompetenzen an. Diese benannte nicht nur die Verbrechen und die Verantwortlichen, sondern führte auch Interviews über aktuelle Probleme und schlug Massnahmen vor. Publiziert wurde der Bericht 2015.

… aber Norwegen arbeitete sie besser auf

Kathleen Daly, Professorin für Kriminologie und Strafjustiz an der Griffith University in Brisbane in Australien, verglich die Aufarbeitung von 68 Fällen von historischem Unrecht in 22 Ländern. Sie sagt gegenüber dem Beobachter, dass sich die Verfolgungen der Fahrenden in Norwegen und der Schweiz glichen. «In beiden Fällen sollten Massnahmen unter dem Deckmantel der Assimilation, der Armutsbekämpfung oder des Kinderschutzes die Völker und ihre Kultur auslöschen.»

«Wie in Norwegen wird es auch in der Schweiz eine umfassende Untersuchung geben müssen», sagt Daly. Über die beste Form müsse nun entschieden werden, aber die norwegische Vollebæk-Kommission sei ein gutes Modell.

Laut Daly haben Untersuchungen und Wahrheitskommissionen zur Zwangsassimilation von Minderheiten in Skandinavien gezeigt: Der Ursprung lag in der Politik der Norwegisierung, Schwedisierung und Dänisierung. Die Kulturen der Minderheiten hätten sich in der Mehrheitskultur auflösen sollen. «Es ist nun an der Zeit, die Helvetisierung der Jenischen und Sinti zu untersuchen.»

Quellen
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