Darum gehts
Daniel Kasper, die Inklusions-Initiative verlangt das Recht auf freie Wahl der Wohnform. Welche neuen Gefahren entstehen, wenn mehr Menschen aus Heimen in Assistenzmodelle wechseln, also mit Unterstützung von Assistenzpersonen in den eigenen vier Wänden leben?
Daniel Kasper: Es entstehen nicht zwingend neue Gefahren, aber das Leben mit Assistenz birgt Risiken, die wir bisher zu wenig beleuchtet haben. Ich denke an physische, psychische oder sexuelle Grenzverletzungen, aber auch an alltägliche Unsicherheiten im Umgang mit Nähe und Distanz. Menschen mit Behinderung sind im Alltag mit etlichen Abhängigkeiten konfrontiert. Gewalt umfasst ein breites Spektrum – und die Gefahren existieren in Institutionen ebenso wie im privaten Assistenzmodell. Nur werden sie im Bereich Assistenz noch kaum diskutiert.
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Warum wird diese Schattenseite des Systemwechsels kaum thematisiert?
Vielerorts wird das Assistenzmodell bisher als reines Arbeitgebermodell für Menschen mit Behinderungen verstanden, die gut kommunizieren können und kognitiv nicht eingeschränkt sind. Sie stellen Personen an, die ihnen im Alltag daheim helfen. Wenn wir das Modell nun ausweiten und allen Menschen mit Beeinträchtigungen zugänglich machen wollen, steigen die Abhängigkeiten, gerade bei stärkeren kognitiven oder psychischen Einschränkungen. Hinzu kommt: Das Thema Gewalt ist enorm scham- und tabubehaftet.
Daniel Kasper ist Sonder- und Sozialpädagoge. Er ist Dozent am Institut Integration und Partizipation der Hochschule für Soziale Arbeit der Fachhochschule Nordwestschweiz (FHNW). Seine Themenschwerpunkte sind Prävention von Gewalt und sexuellen Grenzverletzungen im Kontext von Menschen mit Beeinträchtigungen sowie Leben mit Assistenz.
Daniel Kasper ist Sonder- und Sozialpädagoge. Er ist Dozent am Institut Integration und Partizipation der Hochschule für Soziale Arbeit der Fachhochschule Nordwestschweiz (FHNW). Seine Themenschwerpunkte sind Prävention von Gewalt und sexuellen Grenzverletzungen im Kontext von Menschen mit Beeinträchtigungen sowie Leben mit Assistenz.
Im Heim gibt es Teams und damit mehr soziale Kontrolle. Macht die direkte Abhängigkeit im eigenen Zuhause Betroffene noch verwundbarer?
Nicht zwangsläufig, aber die fehlende soziale Kontrolle kann Risiken verstärken. Auf der anderen Seite haben Assistenznehmende im eigenen Zuhause auch mehr Macht. Wer Grenzen überschreitet, kann direkt entlassen werden, da die Betroffenen ihr Team selbst zusammenstellen. Wir müssen uns aber bewusst sein: Es gibt in beiden Bereichen Tatpersonen, die gezielt Abhängigkeiten ausnutzen.
Wie lässt sich Gewaltprävention in den eigenen vier Wänden realisieren, ohne die hart erkämpfte Selbstbestimmung wieder einzuschränken?
Das ist die zentrale Frage. Schutz und Selbstbestimmung dürfen niemals gegeneinander ausgespielt werden. Es braucht Qualifikationen und Weiterbildungen für Assistenzkräfte, Verhaltenskodizes sowie niederschwellige Anlaufstellen. Es geht darum, bestehende Präventionsinstrumente aus den Institutionen sinnvoll auf das Assistenzmodell zu übertragen.
Prävention kostet Geld.
Ja, Prävention kostet. Doch verglichen mit den monetären, emotionalen und seelischen Folgen von Grenzverletzungen rechnet sich jeder investierte Franken.
Wo genau müssen die Kantone ansetzen?
Menschen mit Beeinträchtigungen müssen gestärkt werden, um ihre Rechte zu kennen und Gefahren zu erkennen. Gleichzeitig braucht es subventionierte Schulungen für Assistenzkräfte, da deren Löhne teure Weiterbildungen kaum zulassen. Darüber hinaus sind unabhängige Präventions- und Meldestellen für beide Seiten nötig.
Wie viel Kontrolle verträgt das Modell letztlich?
Dieser Diskurs muss dringend mit einem breiten Spektrum von Betroffenen geführt werden. Manche Menschen benötigen kaum Schutzmechanismen, andere sind vulnerabler. Mein Ziel wäre, dass alle Betroffenen informiert und individuell abwägen können, wie viel Unterstützung und Schutz sie im Alltag in Anspruch nehmen möchten.
Quellen «Fazetten»: Wo Abhängigkeit Gewalt begünstigt, Fachhochschule Nordwestschweiz: Daniel Kasper