Darum gehts
Dass das Fernsehen tot sei, höre ich seit 20 Jahren. Und genauso lange sage ich schon: Das ist Bullshit. Kürzlich verzeichnete die Premiere von «Happy Day» mit Moderator Nik Hartmann auf SRF einen Marktanteil von 56 Prozent. Über 650’000 Menschen sahen zu.
Lineares Fernsehen ist zäher, als manche denken. Das sehe ich an meinen Heften. Seit 20 Jahren bin ich Chefredaktor von vier TV-Zeitschriften. Alle erscheinen bei Ringier, im selben Verlagshaus wie der Beobachter. Wir leisten uns eine eigene Filmredaktion, die jede Sendung anschaut und bewertet. Wir haben loyale Abonnenten, und unsere Hefte sind nach wie vor extrem rentabel.
Das ist ein Beitrag aus dem «Beobachter». Das Magazin berichtet ohne Scheuklappen – und hilft Ihnen, Zeit, Geld und Nerven zu sparen.
Probieren Sie die Mobile-App aus!
Das ist ein Beitrag aus dem «Beobachter». Das Magazin berichtet ohne Scheuklappen – und hilft Ihnen, Zeit, Geld und Nerven zu sparen.
Probieren Sie die Mobile-App aus!
Aber es stimmt: Meine Leser sind mehrheitlich 65 plus. Und die klassischen Fernsehzuschauer auch. In fünf oder zehn Jahren könnte es tatsächlich heikler werden, zumal die jüngere Generation zu SRF nicht mehr den gleichen Bezug hat wie meine Generation oder die meiner Eltern.
Dabei unterschätzen viele das klassische Fernsehen. Klar, Netflix produziert gute Filme und Serien, manchmal sogar eine gute Dokumentation. Aber sie betreiben Rosinenpickerei: Sie investieren einmal viel Geld in die Produktion einer Doku, etwa über den Rapper Haftbefehl, die dann ein grosses Ding ist und von allen diskutiert wird. Die wirklich guten Informationssendungen findet man aber nach wie vor im klassischen Fernsehen. Bei SRF, ARD, ZDF, bei Arte, 3sat, bei ZDFinfo. Und heutzutage muss ich das nicht live schauen, sondern kann, wann ich will. Ich schaue fast immer zeitversetzt. Heute Abend zum Beispiel «The Taste», eine Kochsendung, die gestern lief. So kann ich die Werbung überspringen.
Heute kann jeder einen Shitstorm auslösen
In den letzten 20 Jahren hat sich viel gewandelt. Castingshows sind mehrheitlich out, Sitcoms auch. Heute stehen nicht mehr einzelne Personen im Mittelpunkt, die Zeiten grosser Moderatoren wie Thomas Gottschalk sind vorbei. Stattdessen werden Formate immer wichtiger. Social Media spielen dabei eine riesige Rolle: Wenn sich ein Sender für ein neues Format entscheidet, ist es wichtiger denn je, dass sich die Inhalte auch in den sozialen Medien weiterverarbeiten lassen.
Und dann ist da noch die Political Correctness: Früher konnte man auswählen, welche Leserbriefe gedruckt werden. Heute kann jeder auf Instagram einen Shitstorm auslösen. Die Sender sind deswegen vorsichtiger geworden.
Im Grossen und Ganzen schauen die Leute aber immer noch dasselbe wie früher. Quizshows sind nicht totzukriegen. Oder Formate wie «Traumschiff», «Bergdoktor» oder «Landfrauenküche» – die haben regelmässig gigantische Marktanteile. Nur sind sie heute schneller geschnitten, weil die Aufmerksamkeitsspanne der Zuschauer nachgelassen hat. Das ist wie bei der Musik: Früher gab es noch ein Intro, heute dauern Lieder nur noch zweieinhalb Minuten. Leider.
Aber ja, man merkt, dass die SRG finanziell unter Druck steht. Es gibt mehr Wiederholungen und weniger Eigenproduktionen. Anstatt «Gesichter und Geschichten» läuft ein aufgewärmtes Arte-Format, das SRF fast nichts kostet. Noch produziert SRF aber viele Sendungen selber. All die Auswandererformate oder die «SRF bi de Lüt»-Reihe.
Eine Menge Swissness ginge verloren
Ich hoffe nicht, dass die anstehende Halbierungsinitiative angenommen wird. Falls doch, wäre das das Ende des Schweizer Fernsehens, wie wir es kennen. SRF würde zu einem reinen Informationssender degradiert werden. Es gäbe keine Unterhaltung mehr und auch viel weniger Sport. Klar, eine Auswanderersendung weniger wäre nicht tragisch. Aber richtige Schweizer Produktionen wie «Inside Gstaad Palace», die gerade lief, werden nicht mehr möglich sein. Und die privaten Sender werden da auch nicht in die Bresche springen, denn solche Sendungen lassen sich kommerziell nicht refinanzieren.
Es wäre also nicht nur ein harter Schlag für den Journalismus, es ginge auch eine ganze Menge Swissness verloren.