Runder Tisch zu Crans-Montana
«Wir können die Wunden der Betroffenen nicht heilen»

Laurent Kurth präsidiert den runden Tisch zur Brandkatastrophe. Im Interview spricht er über Schmerz, Geld und Gerechtigkeit. Und warum der Bund 20 Millionen zahlen soll, obwohl das Wallis gepfuscht hat.
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Laurent Kurth ist Präsident des runden Tisches, der Lösungen für die Betroffenen von Crans-Montana sucht.
Foto: Raphaël Dupain

Darum gehts

KI-generiert, redaktionell geprüft
  • Laurent Kurth leitet den runden Tisch zur Katastrophe in Crans-Montana
  • Bund will 20 Mio. Franken beitragen, Parlament sieht die Verantwortung beim Kanton Wallis
  • Kurths Honorar: 150 Franken/Stunde, arbeitet 1,5 Tage pro Woche
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Raphael RauchBundeshausredaktor

Herr Kurth, haben Sie selbst Kinder?
Laurent Kurth: Nein. Ich versuche, die Schmerzen und die Trauer der Eltern zu verstehen. Man kann gar nicht fühlen, was es bedeutet, ein Kind zu verlieren, wenn man das nicht selbst erlebt hat. Ich habe mit mehreren betroffenen Eltern gesprochen. Deren Leid ist unbeschreiblich. Deshalb sind Verständnis, Solidarität und Empathie wichtig.

Sind Sie ein guter Therapeut?
Wir können die Wunden der Betroffenen nicht heilen und den Schmerz durch den Verlust eines geliebten Menschen nicht lindern. Das kann niemand. Die Trauer bleibt ein Leben lang. Aber ich kann zuhören, Mitgefühl zeigen und dazu beitragen, dass wir mit einer aussergerichtlichen Vergleichslösung zumindest die finanziellen Sorgen der Familien entschärfen können.

Was ist ein Menschenleben wert?
Ein Menschenleben ist unbezahlbar – und trotzdem müssen wir Lösungen finden. Ich sage den Familien von Beginn weg: Falls ich etwas sagen sollte, was Ihre Gefühle verletzt, bitte ich bereits jetzt um Entschuldigung. Ich bin beauftragt, einen Prozess zu steuern, in dem es auch kalt und technisch zugeht. Es geht um Rechtsfragen, um Geld. Ich hoffe, dass wir auch Raum für Emotionen schaffen. 

«Ich entschuldige mich im Voraus»
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Präsident des runden Tisches:«Ich entschuldige mich im Voraus»

Verstehen Sie sich als neutralen Mediator – oder als Anwalt der Betroffenen?
Ich bin neutral, aber nicht passiv. Meine Aufgabe ist es, Vertrauen zu schaffen und die verschiedenen Positionen zusammenzubringen. Wenn nötig, sage ich aber auch unbequeme Dinge – und zwar zu allen Beteiligten.

Was kann der runde Tisch erreichen?
Im Idealfall fühlen sich alle Betroffenen gehört und ernst genommen. Gemeinsam können wir zu einer Lösung kommen, die fairer und schneller ist als ein jahrelanger Rechtsstreit. Der runde Tisch soll wirtschaftliche Schäden teilweise ausgleichen und den Betroffenen quälende Unsicherheit ersparen.

Hatten Sie mit den Barbetreibern Jacques und Jessica Moretti Kontakt?
Ich hatte bisher nur einen Austausch mit den Anwälten per E-Mail. Ich hoffe, sie bald zu treffen. Ob die Morettis oder deren Anwälte Teil des runden Tisches sein werden, ist noch offen. 

Wie sieht Ihr Zeitplan aus?
Ende Jahr werde ich eine erste Bilanz ziehen: Wenn sich bis dahin kein klarer Wille zu einer Einigung abzeichnet, müssen wir Konsequenzen ziehen. Denn je länger die Diskussionen dauern und sich juristische Entscheide abzeichnen, desto mehr verliert das Format des runden Tischs an Sinn. 

Warum geht das nicht schneller?
Ich verstehe die Ungeduld der Familien. Aber dazu gibt es eine afrikanische Weisheit: Ein Baum wächst nicht schneller, wenn man an ihm zieht. Und zwei Jahre sind deutlich kürzer als ein Rechtsstreit, der auch mal zehn oder 15 Jahre dauern kann.

Der Bund will sich mit 20 Millionen Franken am runden Tisch beteiligen. Teile des Parlaments sind dagegen und finden: Das Wallis soll zahlen!
Ich halte die finanzielle Beteiligung des Bundes an der Vergleichslösung für sehr wichtig. Sie sendet ein politisches Signal, dass die Betroffenen nicht alleingelassen werden. Zudem ist sie ein Zeichen der Solidarität und kann andere Beteiligte motivieren, die Betroffenen ebenfalls finanziell zu unterstützen. Wir sprechen von einer Schadenssumme von mehreren Hundert Millionen Franken. Die 20 Millionen Franken vom Bund wären ein sehr kleiner Teil. 

Das Wallis erhält jedes Jahr Millionen von der Nationalbank. Warum soll Schaffhausen oder St. Gallen dafür geradestehen, wenn das Wallis gepfuscht hat?
Die Schweiz ist ein solidarisches Land. Sie wendet sich nicht einfach ab, wenn eine Katastrophe dieser Grössenordnung passiert. Das hat eine lange Tradition.

Kann man vom Wallis nicht erwarten, dass es für den Schaden haftet?
Über Schuld und Unschuld urteilt einzig die Justiz. Das ist nicht meine Aufgabe und auch nicht die des runden Tischs. Aber: Wenn das Wallis mit dem Matterhorn Touristen in die Schweiz lockt und diese dann noch andere Kantone besuchen, sagt auch niemand Nein. Es wäre sehr unschweizerisch und ein Verlust für die Schweiz, wenn wir das Wallis im Stich lassen würden. 

SVP-Nationalrat Jean-Luc Addor fordert ein Schiedsgericht statt eines runden Tischs.
Ein Schiedsgericht setzt auf Konfrontation und auf eine Entscheidung von oben. Der runde Tisch ist das Gegenteil: Die Parteien sollen gemeinsam eine Lösung erarbeiten. Eine Lösung, die für alle stimmt. 

Es gibt laute und leise Betroffene, manche sind Milliardäre. Wie stellen Sie sicher, dass nicht nur die Lauten und Reichen gehört werden?
Genau deshalb soll die Zusammensetzung des runden Tisches ausgewogen sein. Es braucht laute und leise Stimmen – jede Art, sich einzubringen, bringt ihre ganz eigenen Vorteile – zugunsten des Ganzen. Das Parlament hat klar gesagt, dass die Vergleichslösung ausgewogen sein muss.

Was sagen Sie zur Kritik, dass es Opfer erster und zweiter Klasse gibt? Für die Opfer der Postauto-Tragödie gibt es keinen runden Tisch.
Für die Opfer und ihre Angehörigen ist das Ereignis in beiden Fällen tragisch. Aufgrund der hohen Opferzahl in Crans-Montana stösst das System der Unterstützungsleistung an seine Grenzen. Das ist der Grund für die Hilfe des Bundes im Fall Crans-Montana. Eine derartige Lücke wurde meines Wissens im Fall von Kerzers nicht festgestellt.

Die Lex Crans-Montana schafft eine Ungerechtigkeit.
Die Spezialgesetzgebung will verhindern, dass die Opfer von Crans-Montana deutlich schlechter behandelt werden als Opfer in einem anderen Kontext. Gerecht ist, unterschiedliche Sachverhalte auch unterschiedlich zu behandeln. Das Gegenteil wäre ungerecht. Die Versicherungsleistungen haben immer eine Obergrenze. Je höher die Anzahl der Opfer, desto kleiner wird das Kuchenstück, das das einzelne Opfer erhält. 

Mütter kritisieren, sie hätten noch immer nichts von alt Bundesrätin Doris Leuthard gehört, der Präsidentin der Stiftung Beloved.
Ich stehe mit der Stiftung in Kontakt. Sie ist ein wichtiger Akteur. Das Ziel ist in jedem Fall, dass sich die Stiftung und der runde Tisch ergänzen.

Was erhalten Sie für Ihr Mandat?
150 Franken pro Stunde inklusive Spesen, Sozialversicherungen und Mehrwertsteuer. Ich rechne damit, dass ich eineinhalb Tage pro Woche für den runden Tisch arbeite.

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