«Bin hier, um zu zeigen, dass wir bereit sind, das anzustossen»
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Walliser Grossrätin:«Bin hier, um zu zeigen, dass wir bereit sind, das anzustossen»

Risse in der Mauer des Schweigens
Walliser Parteien wollten TV-Auftritt von Kritikerin verhindern

Nach der Brandtragödie von Crans-Montana herrscht im Wallis politische Funkstille. Bei einem TV-Auftritt hat sich eine Grossrätin nun ausführlich geäussert. Die Parteien versuchten in einer Absprache, die Politikerin zurückzuhalten.
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Die frühere Neo-Parteipräsidentin Marie-Claude Schöpfer im SRF-«Club».
Foto: zVg

Darum gehts

KI-generiert, redaktionell geprüft
  • Walliser Parteien einigten sich nach der Tragödie auf einen politischen Stillstand
  • Grossrätin Schöpfer trat im SRF-«Club» auf
  • Nervosität um öffentlichen Auftritt vor der März-Session
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Céline ZahnoRedaktorin Politik

Nach der Brandtragödie in Crans-Montana steht das Wallis im Kreuzfeuer der Kritik. Die Anwälte der Opferfamilien attackieren Kanton und Gemeinde. Italien tobt über die Walliser Justiz – und zog sogar seinen Botschafter aus der Schweiz ab. Und auch aus Frankreich werden Stimmen laut, die die Ermittlungen kritisieren.

Nur aus dem Bergkanton selbst ist wenig zu hören. Seine sonst so streitlustigen Parlamentarier üben sich in Zurückhaltung. Auf Anfrage wollte sich in den letzten Wochen kaum jemand öffentlich äussern. Die französischsprachigen Parteien im Wallis haben sich gar auf eine Art politischen Waffenstillstand geeinigt.

Nun bilden sich allerdings Risse in der Mauer des Schweigens – und das sorgt für ordentlich Nervosität hinter den Kulissen, wie Blick weiss.

Auftritt mit Opferfamilien

Was ist passiert? Vergangene Woche nahm die Walliser Grossrätin Marie-Claude Schöpfer (48) von der Mittepartei Neo an der SRF-Sendung «Club» zur Brandkatastrophe teil. In der Runde trat unter anderem auch Laetitia Brodard-Sitre (42) auf, die ihren 16-jährigen Sohn in Crans-Montana verloren hat.

Bis das SRF auf der Suche nach einem Politgast endlich fündig wurde, musste der Sender verschiedenste Politiker und Politikerinnen kontaktieren. Blick weiss: Schon für die erste «Club»-Sendung zu Crans-Montana im Januar hat es unter den Fraktionschefs der Parteien eine Absprache gegeben, dass sie nicht an der Sendung teilnehmen.

Unter den Walliser Parteien löste nun auch die zweite SRF-Anfrage Nervosität aus. Gemäss Blick-Informationen wurde sie wieder auf Ebene der Fraktionschefs thematisiert. Dem Vernehmen nach war man sich einig, dass es besser wäre, wenn niemand an der Sendung teilnehmen würde. Lieber schweigen, lautet die Devise im Wallis!

Die Argumente für die Zurückhaltung verlaufen entlang der bekannten Walliser Linien: Die politische Aufarbeitung könne erst beginnen, wenn alle Fakten auf dem Tisch liegen. Weiter wurde die Situation mit zwei anwesenden Opferfamilien offenbar als zu heikel befunden.

Neo-Fraktionspräsident Martin Kalbermatter (63) bat schliesslich die frühere Parteipräsidentin Marie-Claude Schöpfer darum, ihren Auftritt zu überdenken. Er teilte ihr mit, dass sich der SP-Politiker Sebastian Werlen (33), der ursprünglich ebenfalls für die Sendung eingeladen war, zurückziehen werde, wenn sie es auch täte.

«Sebastian Werlen und ich traten in der Folge in Kontakt und befanden, dass wir die Haltung der Fraktionspräsidien nicht teilen», so Schöpfer zu Blick. Die Begründungen für eine Nichtteilnahme hätten sie nicht überzeugt, «weshalb ich mich entschied, wie geplant ins Leutschenbach zu fahren». Letztlich habe sie die Meinung vertreten, dass eine fehlende Repräsentation der Walliser Politik in der Sendung «sehr negativ für unseren Kanton wäre». Unabhängig davon hatte sich das SRF währenddessen entschieden, nur Schöpfer in den «Club» einzuladen.

Und Fraktionschef Kalbermatter, der am Auftritt wenig Freude hatte? «Zum Zeitpunkt der Anfrage waren Mitglieder des Büros zufällig zusammen», sagt er auf Anfrage. Im Büro des Grossrats sind neben den Fraktionsspitzen auch die Ratspräsidenten vertreten. Die Mitglieder seien nicht vollzählig gewesen. Er bestätigt: «Ich habe Frau Schöpfer mitgeteilt, dass ich finde, sie soll die Teilnahme an der Sendung überdenken.»

Es habe allerdings kein Verbot gegeben. Es sei an jeder Person selbst, zu entscheiden. Nach ihrer Antwort mit den Gründen für eine Teilnahme – und dem Hinweis, dass diese mit dem Parteipräsidenten ad interim abgesprochen sei – sei das Thema für ihn beendet gewesen, und er habe ihr schriftlich viel Erfolg für die Sendung gewünscht.

Was ist im Parlament zu erwarten?

Kurz vor der anstehenden Parlamentssession im März – der ersten nach der Brandtragödie – sind die Parteien nervös über ihren Auftritt. Unklar ist, wie weit sie sich während der Session aus dem Fenster lehnen werden. Vor allem im Ausland sind die Erwartungen an eine politische Reaktion gross. Gerade die Unterwalliser Sektionen vertraten bislang allerdings die Position, dass es erst Forderungen geben soll, wenn die Fakten auf dem Tisch liegen.

Weiter bleibt abzuwarten, welche Möglichkeiten es für eine ausführliche Debatte während der Session gibt. Um einen Vorstoss zu diskutieren, muss er vom Büro als dringlich erklärt werden. «Unter dem Argument, dass zuerst die Untersuchung der Staatsanwaltschaft abgeschlossen sein muss, kann man theoretisch jedes Dringlichkeitsgesuch abschmettern», sagt eine mit der Angelegenheit vertraute Person.

Dabei rückt der Kanton nun immer stärker in den Fokus der Ermittlungen – denn auch beim Kanton wusste man offenbar, dass die Kontrollen nicht vollständig umgesetzt wurden. Das Thema sei wiederholt an Kursen des kantonalen Amts für Brandschutz diskutiert worden. Der ehemalige Sicherheitschef sagte in seiner Einvernahme: «Alle wussten Bescheid.»

Auch gesellschaftlicher Prozess sei nötig

Auch die Oberwalliser Parteien hätten ursprünglich am Schweige-Abkommen der Unterwalliser teilnehmen sollen, wie Martin Kalbermatter auf Anfrage bestätigt. Man habe allerdings befunden, dass das Ereignis eine politische Aufarbeitung benötige, so Kalbermatter. «Einfach erst aufgrund von Fakten und nicht vorher.»

Anderer Ansicht war offenbar Schöpfer: Parallel zum Gerichtsprozess müsse auch ein gesellschaftlicher Prozess stattfinden, um die Tragödie aufzuarbeiten, wie sie im «Club» sagte. «Ich bin heute Abend hier, um zu zeigen, dass ich bereit bin, das anzustossen», so Schöpfer.

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