Darum gehts
- Swissuniversities kritisiert «Keine 10‑Millionen‑Schweiz»-Initiative als gefährlich und schädlich
- Forschungsprogramme wie Horizon Europe und internationale Zusammenarbeit stehen auf dem Spiel
- Rund 50 % der Schweizer Professoren kommen aus dem Ausland, sagt Vaccaro
Frau Vaccaro, Sie sind Präsidentin von Swissuniversities, dem Dachverband der Schweizer Hochschulen. Sie halten die «Keine 10‑Millionen‑Schweiz»-Initiative für gefährlich – aus welchem Grund?
Luciana Vaccaro: Die Initiative will eine starre Bevölkerungsgrenze in die Verfassung schreiben. Sie löst damit kein einziges Problem, sondern schafft enorme Unsicherheit und Chaos. Ab 9,5 Millionen müsste der Bundesrat die Zuwanderung massiv drosseln, ab 10 Millionen sogar internationale Verträge kündigen. Das ist ein radikaler Eingriff und würde nicht nur die Schweizer Wirtschaft, sondern auch die Wissenschaft enorm schädigen. Zu diesem Schluss kommt ein Rechtsgutachten, das wir in Auftrag gegeben haben. Auf Grundlage dieser Risikoanalyse nehmen wir zu einer spezifischen Volksinitiative Stellung – was für uns aussergewöhnlich ist.
Das Rechtsgutachten stammt von einer Freiburger Professorin, die als EU-Turbo gilt. Weshalb haben Sie sich nicht für eine andere Juristin entschieden?
Wir wollten die beste Europarechtlerin der Schweiz – und das ist Professorin Astrid Epiney. Ob sie privat für oder gegen die EU ist, ist hier nicht relevant. Ich bin Physikerin und entscheide nicht, ob die Erde flach ist oder nicht – ich arbeite im Einklang mit der Wissenschaft. Dasselbe gilt für dieses Rechtsgutachten. Es legt mit bewährten juristischen Methoden dar, welche Konsequenzen die Initiative für Bildung, Forschung und Innovation der Schweiz hätte.
Wie würde die Forschung leiden, wenn der SVP-Text angenommen wird?
Die Initiative droht die sogenannte Guillotine‑Klausel auszulösen – damit stünden unsere Abkommen mit der EU zur Disposition. Erreichen wir die 10‑Millionen‑Grenze und müssten Verträge mit Personenbezug künden, riskieren wir erneut den Ausschluss aus Horizon Europe, Erasmus+, Digital Europe oder Euratom – also aus den weltweit führenden Forschungsprogrammen. Das wäre verheerend.
Inwiefern?
Die Schweizer Hochschulen gehören zu den besten der Welt. Das schaffen wir nur, weil wir die besten Forschenden anziehen und internationale Partnerschaften aufbauen. Rund die Hälfte der Professorinnen und Professoren unserer Universitäten und ein Drittel unserer Fachhochschulen stammen aus dem Ausland. Zwei Drittel der Projekte der Schweizer Spitzenforschung sind international verankert.
Israel ist bei Horizon Europe assoziiert, obwohl Israel keine bilateralen Verträge wie die Schweiz ausgehandelt hat. Die EU profitiert von der Zusammenarbeit mit Schweizer Unis. Weshalb malen Sie da den Teufel an die Wand?
Als die EU uns aus dem Forschungsprogramm Horizon ausgeschlossen hat, war das für die Schweizer Wissenschaft sehr schwierig. Wir konnten plötzlich bestimmte Professorinnen und Professoren nicht mehr anwerben. Karrieren von Spitzenforschern wurden gebremst, und wir haben rund ein Drittel unserer Forschungsprojekte verloren. Gemäss mehrerer Studien hat unsere Attraktivität stark gelitten. Diese Volksinitiative riskiert das Ende einer Erfolgsgeschichte.
Klingt nach Fussball: Never change a winning team!
Als Neapolitanerin liebe ich Fussball. Erst mit Diego Maradona aus Argentinien wurde Neapel italienischer Meister und gewann den Europapokal. In der Wissenschaft ist es ähnlich. Wir brauchen die Besten aus aller Welt, um Spitzenforschung zu betreiben. Harvard versteht das, Oxford versteht das – und die Schweizer Unis verstehen das.
Die SVP will die Migration drosseln und die Rekrutierung von hiesigen Fachkräften stärken. Die Universitäten würden darunter doch gar nicht leiden.
Die Realität ist komplexer. Wir haben in der Schweiz nicht nur Fachkräftemangel, sondern ganz allgemein einen Arbeitskräftemangel. Alle Schweizer Spitäler sind auf Pflege- und Reinigungspersonal mit Migrationshintergrund angewiesen. Ohne Ausländerinnen und Ausländer würde dieses Land keine Woche funktionieren. Eine Politik, die suggeriert, man könne nur Spezialisten holen und alle anderen aussperren, ist schlicht unrealistisch.
Die SVP würde Ihnen widersprechen und behaupten: Ohne Ausländer funktioniert die Schweiz viel besser – mehr Wohnraum, mehr Platz in den Zügen, weniger Konkurrenz auf dem Arbeitsmarkt.
Man müsste dann aber auch zugeben: weniger Spitzenforschung, weniger Innovation, weniger Dienstleistungen, weniger Pflegepersonal, weniger Jobs. Der Schweizer Wohlstand und das Schweizer Wirtschaftswachstum hängen stark mit Migration zusammen. Das wissen Unternehmer genau.
Was erwarten Sie von SVP-Unternehmern wie Peter Spuhler und Magdalena Martullo-Blocher, die in ihren Unternehmen viele EU-Bürger beschäftigen?
Ich erwarte in dieser Debatte mehr Kohärenz (Stimmigkeit; Red.).
Migration heizt die Wohnungsnot an.
Ich verstehe die Sorgen um den Wohnungsmarkt – meine Tochter sucht wie viele andere eine Wohnung. Hier geht es um Wohnpolitik und bezahlbare Mieten. Der städtische Wohnungsbau in Wien ist ein Beispiel, das wir uns näher anschauen sollten.
Die SVP behauptet, die Schweiz könne mit der EU einen ganz anderen Deal aushandeln. Sie halten das für naiv.
Schauen wir uns die Geschichte der US-Zölle an: Genau deshalb brauchen wir verlässliche Partner, die unsere Werte teilen. Die Welt ändert sich radikal, und wir sollten Interesse an guten und stabilen Beziehungen zu unseren Nachbarn haben. Andere Länder versuchen, ihre Fachkräfte zu halten, etwa mit Rückzahlungspflichten oder steuerlichen Regeln für den Fall, dass jemand in die Schweiz zieht. Auch der Wettbewerb nimmt zu. Fachkräfte kommen nicht nur wegen der Löhne hierher, sondern auch wegen der Netzwerke oder der Infrastruktur des Landes. Wenn wir gleichzeitig ein Signal der Abschottung senden, riskieren wir, dass diese Talente irgendwann schlicht wegbleiben – zu unserem Schaden.
In Europa erstarkt der Rechtspopulismus allgemein. Sehen Sie da als Doppelbürgerin Parallelen zwischen der Schweiz und Italien?
Populistische Bewegungen arbeiten mit Emotionen. Sie versprechen einfache Lösungen für komplexe Probleme: eine Zahl, eine Grenze, ein Schuldiger. Das ist menschlich verständlich – aber politisch gefährlich. Die Erfolgsgeschichte der Schweiz beruht gerade nicht auf Vereinfachung, sondern auf Kompromissen, internationaler Einbettung und der Fähigkeit, Komplexität und Widersprüche auszuhalten.
Die meisten Schweizer Schulabgänger studieren nicht, sondern machen eine Lehre. Warum sollten die sich für Ihre Anliegen einsetzen?
Von Forschung und Wissenschaft profitieren alle, nicht nur Akademiker. Rund die Hälfte der Start‑up‑Gründerinnen und -Gründer in der Schweiz hat keinen Schweizer Pass, und ein grosser Teil der Patente wird von Ausländerinnen und Ausländern mitentwickelt – wir profitieren enorm von diesen Talenten. Es bedeutet neue Jobs und Opportunitäten. Die Initiative schafft Chaos in der Gesetzgebung, verunsichert unsere Partner und schwächt unsere Wirtschaft und Hochschulen. Am Ende gibt es nur Verlierer.