Prämienbelastung
Leak enthüllt Luxuslöhne in der Radiologie

Nach einem Cyberangriff offenbaren geleakte Gehaltslisten, wie stark die Spitzenlöhne radiologischer Fachärzte die Prämienzahlenden belasten.
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Geleakte Unterlagen einer Schweizer Radiologie-Gruppe offenbaren hohe Ärztesaläre.
Foto: Adobe Stock; Getty Images/iStock; Gemini/KI-generiert – Montage: Anne Seeger

Darum gehts

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Gian Signorell
Beobachter

Im Innern der Röhre kracht und klopft es, als fliege der ganze Apparat gleich auseinander. Wer schon einmal eine MRT-Untersuchung erlebt hat, weiss: So klingt ein Magnetresonanztomograf. Er liefert hochpräzise Schichtbilder aus dem Innern des menschlichen Körpers. Eine Untersuchung dauert etwas mehr als eine halbe Stunde. Sie ist schmerzfrei, schafft diagnostische Sicherheit – und ist eine der zuverlässigsten Gelddruckmaschinen im Schweizer Gesundheitssystem.

Das wissen wir aufgrund eines Cyberangriffs auf die Westschweizer Radiologiefirma 3R, deren Daten Hacker ins Netz stellten. Das Unternehmen erzielte gemäss den geleakten Unterlagen 2023 einen Betriebsgewinn vor Abschreibungen von 12,9 Millionen Franken bei einem Umsatz von 77,4 Millionen Franken.

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Radiologische Fachärztinnen und Fachärzte sichten die Bilder frisch gescannter Patienten, suchen nach Auffälligkeiten wie Tumoren, Brüchen oder Gefässverschlüssen und steuern dadurch die Therapiewege mit. In der Akutversorgung wie etwa bei Schlaganfällen kann das Leben der Patienten davon abhängen. Sie führen auch Eingriffe durch, wie etwa schmerztherapeutische Infiltrationen bei Bandscheibenvorfällen.

Standardlohn liegt bei 300’000 Franken

Die Gehaltstabellen und Budgetpläne von 3R zeigen: Die angestellten Fachärztinnen und Fachärzte beziehen Spitzenlöhne. Für ein Vollzeitpensum sind standardmässig 300’000 Franken Bruttolohn im Jahr budgetiert. Manche verdienen noch mehr. Ein Radiologe mit Standortleiter-Funktion verdient mit einem 60-Prozent-Pensum 285’000 Franken im Jahr, eine Kollegin mit einem 25-Prozent-Pensum 90’000 Franken.

Zum Vergleich: Der Schweizer Medianlohn für eine Vollzeitstelle liegt bei 84’300 Franken – das ist weniger, als die Radiologin verdient, die knapp 1,5 Tage die Woche arbeitet.

Boni sind umsatzabhängig

Bei 3R kommen zu den Spitzenlöhnen umsatzabhängige Boni dazu. Mitarbeitende erhalten 18 Prozent des zusätzlich erzielten Umsatzes, wenn sie ihre persönlichen Jahresziele übertreffen. Ein Radiologe kam so im Jahr 2025 auf einen Bonus von fast 200’000 Franken. Dazu erhielt er ein Grundgehalt von über 400’000 Franken. Macht zusammen über 600’000 Franken.

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Nach einem Cyberangriff bei 3R offenbaren geleakte Gehaltslisten, wie stark die Spitzenlöhne radiologischer Fachärzte die Prämienzahlenden belasten.
Foto: IMAGO/YAY Images

Finanziert werden Betriebsergebnis und Löhne von 3R zum grössten Teil mit Geldern aus der Grundversicherung. Geht man von der mittleren Monatsprämie des Jahres 2025 aus, also 379 Franken, braucht es die Monatsbeiträge von etwa 1630 Prämienzahlenden, um nur das Einkommen dieses einzelnen Radiologen zu finanzieren.

Bundesrätin Baume-Schneider: «Schwer akzeptabel»

Gesundheitsministerin Elisabeth Baume-Schneider nannte in der RTS-Sendung «Forum» die hohen Gehälter und besonders die umsatzgetriebenen Boni «schwer akzeptabel». Zuvor hatte das Westschweizer Fernsehen (RTS) darüber als erstes Medium berichtet. «Wenn es finanzielle Anreize gibt, mehr Untersuchungen durchzuführen, stehen wir im völligen Widerspruch zum Geist des Krankenversicherungsgesetzes und zur Kosteneindämmung. Man sieht, dass das nicht legal ist», sagt Bundesrätin Baume-Schneider.

Auch der Krankenkassenverband Prioswiss äussert sich kritisch. Umsatzabhängige Bonussysteme setzten problematische Fehlanreize. Wenn die persönliche Vergütung direkt an zusätzlichen Umsatz gekoppelt ist, bestehe das Risiko, dass eine aus Qualitätssicht nicht gerechtfertigte Ausweitung der Leistungsmenge belohnt werde. Selbst der Ärzteverband FMH lehnt solche Vergütungsmodelle ab.

3R bestreitet, dass ihr Vergütungsmodell dazu führe, mehr zu machen als medizinisch notwendig. Das sei schon systembedingt nicht möglich. «Radiologen führen Untersuchungen nur auf Verschreibung der zuweisenden Ärzte durch. Sie können nicht selber tätig werden», schreibt 3R dem «Beobachter». Die bezahlten Boni seien keine Boni im eigentlichen Sinn, sondern lediglich variable Lohnbestandteile. Sie würden die Radiologen entschädigen, die bereit seien, mehr zu arbeiten als andere. Bei der Höhe der Gehälter habe man sich am Niveau orientiert, das an den öffentlichen Spitälern der Romandie, insbesondere an Uni-Spitälern, üblich sei.

Tiefere Saläre an öffentlichen Spitälern

Der Beobachter hat bei den Spitälern nachgefragt. Im Wallis, wo 3R ihren Sitz hat, betragen die Löhne der Ärztinnen und Ärzte ohne Kaderfunktion am Kantonsspital rund 200’000 Franken, die Löhne der Kaderärzte rund 300’000 Franken, teilt die Medienstelle mit. Am Universitätsspital in Genf liegen sie grundsätzlich zwischen 131’000 Franken und 229’000 Franken. Der bestverdienende Radiologe habe vergangenes Jahr 255’000 Franken erhalten, teilt die Medienstelle mit. Das Kantonsspital Aargau und das Inselspital in Bern haben die Frage nicht beantwortet.

3R hat 20 Standorte, 18 davon in der Westschweiz. In der Deutschschweiz dominieren Anbieter wie Affidea, Unilabs, Rodiag und Aristra das profitable Geschäft. Um Klarheit über deren Lohnstrukturen und umsatzbasierte Boni zu schaffen, schickte der Beobachter sieben Unternehmen einen detaillierten Fragenkatalog. Nur zwei reagierten überhaupt – und baten im Antwortschreiben um Verständnis dafür, dass sie keine Auskunft geben.

Auch die Schweizerische Gesellschaft für Radiologie (SGR) wollte zum Fall 3R keine Stellung nehmen. Als medizinische Fachgesellschaft betreibe sie keine Lohnpolitik. Sie äussere sich nicht zum Geschäftsgang oder zur Geschäftspraxis einzelner Unternehmen.

Gäbe es da nicht enormes Sparpotenzial? Daten des Schweizer Versorgungsatlas deuten jedenfalls auf einen grossen Interpretationsspielraum hin, wann eine radiologische Untersuchung angezeigt ist und wann nicht. Die Untersuchungsraten streuen enorm.

Grosse regionale Unterschiede

In der Innerschweiz werden am wenigsten CT-Untersuchungen durchgeführt. Im ambulanten Sektor kommen im Kanton Uri 88 CT-Scans auf 1000 Einwohner, in Obwalden 92 und in Nidwalden 97. Am anderen Ende der Skala liegen drei Westschweizer Kantone: die Waadt mit 229 Scans pro 1000 Einwohner, Genf mit 241 und Neuenburg mit 260. Das entspricht ungefähr dem Dreifachen des Kantons Uri. Wie lässt sich das erklären? In der Vergangenheit seien Unterschiede immer wieder auch aufgrund der heterogenen Datengrundlage und deren Erhebung zu erklären gewesen. «Was die aktuell von Ihnen beobachteten Unterschiede angeht, können wir hier ohne tiefergehende Analyse keine konkreten Aussagen treffen», so Gustav Andreisek von der Schweizerischen Gesellschaft für Radiologie.

3R bestreitet, dass ihr Vergütungsmodell dazu führe, mehr zu machen als medizinisch notwendig.
Foto: Paul Seewer, Gemini/KI-generiert – Montage: Anne Seeger

Zu wenig Kontrolle

Die Eidgenössische Finanzkontrolle (EFK) kam vergangenes Jahr in einem Bericht zu anderen Schlüssen. Zum einen würden CT-, MRT- und Ultraschalluntersuchungen historisch bedingt zu hoch vergütet. Zum anderen werde zu wenig kontrolliert. Die Krankenkassen prüften nur im Einzelfall, ob CT- und MRT-Untersuchungen wirksam, zweckmässig und wirtschaftlich seien. Ultraschalluntersuchungen würden gar nicht kontrolliert.

Die Krankenkassen wiederum sagen, eine wirksame Kontrolle sei unmöglich, da ihnen wichtige Informationen wie die Diagnose oder der Name der zuweisenden Ärztin fehlten.

Spareffekt zunichtegemacht

Seit Anfang dieses Jahres gilt der neue Einzelleistungstarif Tardoc. In der Bildgebung wurden die Tarife gekürzt, um den Kostenanstieg im Gesundheitswesen zu bremsen. Der EFK-Bericht empfiehlt dem Bundesamt für Gesundheit, genau darauf zu achten, dass Radiologen diese Kürzungen nicht ausgleichen, indem sie mehr Untersuchungen durchführen.

Aus den 3R-Unterlagen geht hervor, dass diese Warnung berechtigt war. Darin heisst es, man habe 250 Optimierungsmassnahmen beschlossen, um den zu erwartenden Einnahmerückgang innert zweier Jahre abzufedern. Heisst: Der vom Bundesrat mit der Tarifkürzung beabsichtigte Spareffekt wird zunichtegemacht.

Die Einnahmen würden nur schon steigen, weil die Bevölkerung wachse und älter werde, schreibt 3R dazu. Der verbleibende zu erwartende Einnahmerückgang werde durch mehr Effizienz wettgemacht.

Im Jahr 2023 beliefen sich die Ausgaben für die medizinische Bildgebung in der Schweiz auf rund 2,1 Milliarden Franken. Sie sind gemäss den Krankenversicherern stetig gestiegen. Atupri beobachtet «eine deutliche Zunahme des Rechnungsvolumens», bei der Concordia haben sich die Kosten für radiologische Leistungen zwischen 2015 und 2025 «fast verdoppelt». Ob der neu eingeführte Tardoc mit den reduzierten Vergütungen diese Entwicklung zu stoppen vermag, bleibt abzuwarten.

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