Frankreich im Ausnahmezustand – die Reportage aus Paris
«Revolutionen waren noch nie friedlich»

In Paris gehen Schülerinnen, Studierende und Gelbwesten auf die Strasse. Wieder kommt es zu Gewalt. Was als Protest gegen Missstände im Bildungswesen begann, hat sich zu einer Bewegung gegen die Regierung entwickelt. Reportage aus einer Stadt zwischen Wut, Solidarität – und Angst vor neuen Krawallen.
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Laut Angaben der Polizei demonstrierten rund 100'000 Menschen auf den Strassen von Paris.
Foto: Linda Käsbohrer

Darum gehts

  • Schülerproteste weiten sich aus
  • Demonstrierende kritisierten Lehrermangel, Teuerung und den Abbau öffentlicher Dienste
  • Nach Gewaltausbrüchen vom 17. Oktober galt in Paris eine verkürzte Route mit Auflagen und Polizei

Schon um 11 Uhr stehen auf der Place de la Bastille zahlreiche Polizisten. Der Himmel über Paris ist an diesem Samstagmorgen grau. Gelbwesten, Gewerkschaften und Schülerorganisationen haben erneut zur Demonstration aufgerufen. Es geht um Lehrermangel und überfüllte Klassenzimmer, aber auch um die Teuerung und den Abbau öffentlicher Dienstleistungen – denn Frankreich muss sparen, der Staat ist hoch verschuldet.

Nach den gewaltsamen Ausschreitungen vom 17. Oktober gelten strenge Auflagen. In der Hauptstadt haben die Behörden nur einen Protestmarsch auf verkürzter Route genehmigt.

Immer wieder ertönen Polizeidurchsagen. Die Demonstrierenden sollen sich an die vorgeschriebene Route halten. Wer davon abweiche, riskiere eine Busse.

Friedliche Stimmung

Bei der Porte d’Italie, am anderen Ufer der Seine, trudeln ab dem Mittag Menschen für die bewilligte Demonstration ein. Überall schrillen Trillerpfeifen. «Soutien aux lycéens» – Unterstützung für die Schülerinnen und Schüler – steht auf zahlreichen Schildern. Dazwischen wehen palästinensische Flaggen und violette Fahnen der Linkspartei La France insoumise. «Macron démission», skandieren Demonstrierende. Jemand lässt die französische Nationalhymne über Lautsprecher laufen.

Die Menschen eint die Überzeugung, dass in Frankreich etwas grundlegend schiefläuft.

Jawad (19) demonstriert zum ersten Mal. Er studiert Bauingenieurwesen und will die Schülerinnen und Schüler unterstützen. Während seiner eigenen Schulzeit habe er kaum Deutschunterricht gehabt, erzählt er. Es habe schlicht keine Lehrperson gegeben.

Auch Candido (20) kennt solche Zustände. Der junge Koch gehört der Gelbwestenbewegung an. In seiner Schulklasse seien teilweise mehr als 40 Jugendliche gesessen. Im Abschlussjahr habe er acht Monate lang keinen Mathematikunterricht gehabt. «C’est une blague», sagt er – ein Witz sei das.

Candido ist nicht nur wegen der Schulen hier. Auch die steigenden Lebenshaltungskosten machen ihm zu schaffen. Schon am 17. Oktober war er auf der Strasse. Die Ausschreitungen verurteilt er. Besonders schlimm findet er, dass kleine Geschäfte zerstört wurden. Doch bei den Plünderungen seien auch Lebensmittel und Toilettenpapier gestohlen worden, erzählt er. Die Regierung müsse sich fragen, weshalb Menschen überhaupt so weit gingen.

Eine Universität für alle

Am Vortag wirkt Paris noch vergleichsweise ruhig. Nur vereinzelt erinnern Parolen an den Aufruhr vor einer Woche, der das Land schockierte und weltweit für Schlagzeilen sorgte. «Solidarité avec les lycéens» steht auf Hauswänden, manche Geschäfte sind verbarrikadiert.

Im Quartier Latin, dem traditionellen Studentenviertel, hat der Protest eine andere Form angenommen. Die École normale supérieure (ENS) war wie zahlreiche andere Universitäten von Studierenden aus Protest blockiert worden. Nun stehen die Türen offen. Im Eingangsbereich tummeln sich junge Menschen, in den Unterrichtsräumen werden Vorträge gehalten.

Die Studierenden haben eine «université populaire» organisiert, eine Universität für alle. Statt regulärer Vorlesungen gibt es ein frei zugängliches Programm: mathematische Theoreme, Yogakurse, politische Diskussionen. Auch Schülerinnen und Schüler, die wegen der Proteste Unterricht verpasst haben, können hier Lektionen nachholen.

In einem Klassenzimmer bereitet sich Anna* (23) auf ihren Vortrag vor. Die Studentin will erklären, weshalb sie die Wohnungspolitik des rechtspopulistischen Rassemblement National kritisiert. «Es ist toll, dass ich Wissen vermitteln kann, zu dem andere keinen Zugang haben», sagt sie.

Anna unterstützt die Schülerproteste und geht selbst an die Demonstrationen. Für sie geht es längst um mehr als fehlende Lehrpersonen. Frankreich stecke in einer tiefen Krise, sagt sie. Das Bildungs- und Gesundheitswesen seien marode, öffentliche Dienstleistungen würden immer weiter abgebaut. Verantwortlich macht sie auch die Politik von Präsident Emmanuel Macron (48). Statt Lösungen zu präsentieren, reagiere der Staat mit Repression.

Die Spuren der Gewalt

Nach Angaben von Handelsminister Serge Papin (71) wurden am 17. Oktober mindestens 3000 Geschäfte beschädigt oder geplündert. Das ist besonders entlang des Boulevard de Magenta im zehnten Arrondissement ersichtlich. Viele Schaufenster sind eingeschlagen.

Vanessa Ea (45) steht vor in ihrem Coiffeursalon vor den Folgen der Ausschreitungen. Auf ihrem Handy zeigt sie Fotos der Verwüstung. Produkte wurden gestohlen, Gegenstände durch den Raum geworfen, die Einrichtung beschädigt. «Es gibt das Recht, zu demonstrieren, aber nicht, alles kaputt zu machen», sagt sie.

Ähnlich sieht es Rida (31), der in Paris Uber fährt. Wenn Demonstrationen Strassen blockieren, kann er kaum arbeiten. «Ich verstehe die Schüler, aber nicht die Gewalt», sagt er. Besonders empört ihn, dass kleine Geschäfte zerstört wurden. «Das sind kleine Leute. Das sind welche von uns.»

Gleichzeitig versteht er die Wut. In Frankreich funktioniere vieles nicht mehr. Und die Regierung höre nicht zu. Dass Proteste in Frankreich gewaltsam werden, überrasche ihn nicht. «Revolutionen waren in Frankreich noch nie friedlich. Schaut nur, was bei der Französischen Revolution passiert ist.»

Geschäfte geschlossen

100'000 Menschen sind an diesem Samstag laut Polizeiangaben auf den Pariser Strassen. Landesweit sollen es laut französischem Innenministerium über 400'000 sein. In mehreren französischen Städten kommt es erneut zu teils schweren Zusammenstössen. Auch über die Landesgrenzen hinaus wird an diesem Tag protestiert: in Mailand, Brüssel, Tirana. Europa ist in Aufruhr.

Auf dem Demonstrationszug durch Paris bleibt die Atmosphäre zunächst friedlich. Trillerpfeifen schrillen, eine Blaskapelle spielt «Dancing Queen». «Siamo tutti antifascisti» – wir sind alle Antifaschisten –, rufen Demonstrierende. Viele Geschäfte entlang der Route sind geschlossen.

Anne Favier (50) ist guter Dinge. Sie und ihre Freundinnen sind Mütter und haben Kinder im Schulalter. Der Lehrermangel betreffe nicht nur die Jugendlichen, sagt Anne. «Wir leiden auch.» Sie arbeitet selbst im Spital. Auch dort fehle Personal, die Zustände seien schlimm. Deshalb demonstriere sie ebenso gegen den Abbau des Service public.

Auch Kamel (29), Kontrolleur bei der französischen Bahngesellschaft SNCF, ist gekommen. Er protestiert gegen die Teuerung und die Massnahmen der Regierung. Sein eigener Berufsalltag sei hart. Er arbeite viel im Schichtdienst, manchmal dauerten seine Einsätze bis zu 24 Stunden.

Die Stimmung kippt

Als der Demonstrationszug die Porte de Vincennes erreicht, stehen überall Polizisten. Die Demonstrierenden sind von Sicherheitskräften umgeben, die Stimmung wird zunehmend angespannt, Vermummte treten auf den Plan. Die Polizei setzt Wasserwerfer und Tränengas ein.

Auf den Strassen von Paris wird schon für die nächsten Proteste mobilisiert. Überall kleben Aufrufe zur Demonstration am 28. Oktober. Für den 5. November ist ein Generalstreik angekündigt.

*Name geändert

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