«C'est pas la cause!» – «Darum geht es doch nicht!» Eine junge Frau steht vor einem Supermarkt in Paris. Um sie herum: Chaos, Scherben, vermummte Männer. Sie versucht, die Plünderer aufzuhalten. Vergeblich. Die Männer schubsen sie beiseite, stürmen weiter ins Geschäft. Die Frau bleibt fassungslos zurück. Die Fassungslosigkeit steht ihr ins Gesicht geschrieben.
Jetzt geht dieses Gesicht um die Welt. «Das Gesicht einer Liberalen, wenn sie sieht, wofür sie gestimmt hat», spottet etwa der ungarische Politiker Balázs Orbán (40). Andere behaupten, die Frau sei eine Migrationsaktivistin. Dann heisst es, sie wolle ihren eigenen Laden vor Plünderern retten. Ein entsprechender Beitrag wurde laut dem Faktencheck-Portal «Lakmusz» über tausendmal geteilt. Es werden sogar Deepfakes von der Frau erstellt, die sie als Gaza-Aktivistin darstellen.
Der Tenor in den Kommentarspalten: Junge, linke Frauen hätten mit ihrem Wahlverhalten den angeblich migrantischen Krawallmachern selbst Tür und Tor geöffnet. Nur: Nichts davon ist belegt. Selbst die Identität der Frau ist unbekannt. Trotzdem ist sie längst zum Sündenbock geworden.
Doch wer sind die Krawallmacher wirklich?
Von Schulbüchern zu Strassenschlachten
Alles beginnt mit einer Forderung: bessere Schulen. Seit Wochen protestieren Frankreichs Schüler gegen marode Klassenzimmer und fehlende Lehrer. Bald schliessen sich Eltern, Gewerkschaften und andere Unzufriedene an. Sie kämpfen gegen steigende Lebenshaltungskosten und den Abbau öffentlicher Leistungen.
Am Samstag gehen laut Innenministerium rund 550'000 Menschen auf die Strasse. Doch dann eskaliert die Lage. Rathäuser im ganzen Land brennen, Geschäfte werden geplündert, Polizisten angegriffen. Gemäss offiziellen Angaben werden landesweit 2397 Menschen festgenommen, 997 Sicherheitskräfte verletzt.
Die Täter sind keine Schüler
Allein in Paris werden laut Staatsanwaltschaft 855 Menschen festgenommen. 557 landen in Polizeigewahrsam. Gemäss einer vorläufigen Auswertung der Justiz sind rund 78 Prozent davon Erwachsene – an Protesten, die aus einer Jugendbewegung heraus entstanden.
Die Zahlen zeigen: Die Chaoten sind keine Schüler. Laut Pariser Staatsanwaltschaft geht es bei 244 Fällen um Eigentumsdelikte, bei 108 um die Beteiligung an gewaltbereiten Gruppen.
Linksextreme, Migranten oder Kriminelle?
Über die Schuldfrage ist Frankreich tief gespalten. Präsident Emmanuel Macron (48) und Premierminister Sébastien Lecornu (40) machen ultralinke Gruppen und Kriminelle verantwortlich. Tatsächlich gibt es laut BBC Hinweise auf organisierte Gruppen, die gezielt Polizeifahrzeuge und öffentliche Gebäude angriffen.
Marine Le Pen (58) sieht es anders. Die Rechtspopulistin bringt die Gewalt mit Einwanderung und Jugendlichen aus den sozial schwachen Vorstädten in Verbindung. Eine Perspektive, die auch US-Präsident Donald Trump (80) am Wochenende aufgreift: «Was in Frankreich passiert, hat mit Einwanderung zu tun, nicht mit Schulen. Wenn Europa seine Grenzen nicht schliesst und Kriminelle nicht ausweist, ist es verloren.»
Frankreichs Polizei verliert die Kontrolle
Doch wie konnte es so weit kommen? Laut «Le Monde» rechneten Frankreichs Sicherheitsbehörden mit höchstens 200'000 Demonstranten. Tatsächlich kamen fast dreimal so viele. Die Polizei war vielerorts überfordert. Auch in den Tagen danach war die Lage nicht unter Kontrolle zu bringen.
Frankreich ist politisch gelähmt, wirtschaftlich angeschlagen und gesellschaftlich gespalten.
Für Le Pen kommen die Krawalle zur rechten Zeit
Eine profitiert besonders von den Bildern brennender Städte: Marine Le Pen. Die Rechtspopulistin liegt laut aktuellen Umfragen vor der Präsidentschaftswahl 2027 in Umfragen vorn. Nun inszeniert sie sich vor der französischen Flagge als Garantin für Recht und Ordnung. Ihr Versprechen: Mit ihr wäre Frankreich sicherer.