Mineral-Branche empört über Empfehlung
Der Bund will uns das Fläschliwasser verderben!

Eine Empfehlung für Kulturhäuser bringt die Mineralwasser-Branche auf die Barrikaden. Betriebe sollen Leitungswasser anbieten und Fläschli verbannen, finden die Behörden. Nicht zum ersten Mal nimmt man in Bern das Mineral ins Visier.
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Leitungswasser statt Fläschli: Eine Empfehlung sorgt für Diskussionen.
Foto: keystone-sda.ch

Darum gehts

  • Bund empfiehlt Leitungswasser statt Mineralwasser zur CO2-Reduktion in Kulturinstitutionen
  • Mineralwasser-Branche kritisiert Eingriff in Konsumentscheidung und verweist auf Umweltstudien
  • Bund empfiehlt 9 Liter Wasser als Notvorrat, entspricht einem Sixpack
Die künstliche Intelligenz von Blick lernt noch und macht vielleicht Fehler.
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Sven AltermattCo-Ressortleiter Politik

Schluss mit Fläschliwasser – jetzt soll es nur noch Leitungswasser sein! Eine Empfehlung aus hochoffizieller Quelle sorgt für Ärger in der Mineralwasser-Branche. Auslöser ist ein Leitfaden des Nationalen Kulturdialogs. Darin stehen mögliche Massnahmen «zur Reduktion der CO2-Emissionen von Kulturinstitutionen». Für Aufregung sorgt dieser Satz: «Anbieten von Leitungswasser anstelle von Mineralwasser in Flaschen oder Plastikflaschen.»

Der Nationale Kulturdialog ist ein Spitzengremium der Kulturbranche. Vertreten sind die Verantwortlichen von Bund, Kantonen, Städten und Gemeinden. Nach umfangreichen Vorarbeiten verabschiedete eine Arbeitsgruppe – unter Federführung der Stadt Zürich – den Ökologie-Bericht inklusive Leitfaden. 

Was sagt der Bund dazu?

Der Hintergrund: Wenn Orchester auf Tournee gehen, sich Tausende von Menschen an grossen Festivals treffen oder Filme und Theaterstücke produziert werden, entstehen CO2-Emissionen. Der Leitfaden richtet sich an Kulturförderstellen – sie geben in der von Subventionen geprägten Branche den Takt an. 

«Die Empfehlung, Leitungswasser anstelle von Mineralwasser in Flaschen anzubieten, zielt auf die Reduktion von CO2-Emissionen, Ressourcenverbrauch und Abfall ab», erklärt das in Bern zuständige Bundesamt für Kultur auf Blick-Anfrage. Flaschenwasser verursache «durch Verpackungsherstellung, Transport und Entsorgung einen deutlich höheren ökologischen Fussabdruck als Leitungswasser». 

Man wisse um die Qualität und die gesetzlich geregelte Reinheit von Mineralwasser, so ein Sprecher. «Der Leitfaden nimmt jedoch keine Produktbewertung vor, sondern fokussiert auf Massnahmen mit möglichst grosser und direkt beeinflussbarer Klimawirkung. In dieser Betrachtung überwiegen beim Flaschenwasser die Umweltwirkungen der Verpackung und Logistik.» 

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Die Empfehlung gehört zum Handlungsfeld «Geschirr und Verpackung». Eine weitere lautet etwa: «Fingerfood anbieten, damit möglichst wenig Geschirr eingesetzt werden muss.» Ziel sei es, Mehrweg zu fördern und Einwegverpackungen zu vermeiden. Die Empfehlungen seien nicht verbindlich, beschwichtigt das Bundesamt, es gebe «Raum für situationsabhängige Lösungen».

«Greift unnötig in Konsumentscheidung ein»

So oder so: Für die Mineralwasser-Branche ist die Anti-Fläschli-Empfehlung ein Affront. Zumal Bern nicht zum ersten Mal das Mineral ins Visier nimmt: Das Bundesamt für Umwelt veröffentlichte vor einiger Zeit einen Fachartikel, der zum Schluss kam, dass Mineralwasser die Umwelt stärker belastet als Leitungswasser – und aus ökologischer Sicht schlechter abschneidet.

«Empfehlungen, Mineralwasser zu verdrängen, greifen unnötig in die Konsumentscheidung ein», sagt David Arnold vom Verband Schweizerischer Mineralquellen und Soft-Drink-Produzenten zu Blick. «Ein hochwertiges Naturprodukt wie Mineralwasser soll den Menschen nicht vorenthalten werden.» Es wirke sich nur geringfügig auf die Umwelt aus. Die Empfehlung, den Konsum von Mineralwasser einzuschränken, habe «kaum messbare Umweltwirkung».

Der Verband verweist auf eine Studie, die der Schweizerische Verein des Gas- und Wasserfachs in Auftrag gegeben hat. Diese kommt zum Schluss, dass der Beitrag von Trink- und Mineralwasser zur Umweltbelastung insgesamt sehr gering sei, gerade «im Vergleich zum Gesamtkonsum». 

Branchenvertreter Arnold betont zudem: «Natürliches Mineralwasser lässt sich nicht pauschal mit Leitungswasser vergleichen.» Mineralwasser müsse gemäss Gesetz «unbehandelt am Ort der Quelle in Behältnisse abgefüllt werden, um seine ursprünglichen Eigenschaften zu erhalten». Konsumentinnen und Konsumenten wüssten dadurch jederzeit, was sie trinken. Für Veranstalter sei zudem der sichere Ausschank ein Vorteil: Abgefüllte Getränke gewährleisteten «eine stabile Qualität und hohe Hygienestandards».

Leitungswasser hingegen könne «aus Seen und Flüssen gewonnen werden und muss je nach Herkunft aufbereitet werden». Es kommt via Leitungen, Armaturen oder Karaffen zu den Konsumentinnen und Konsumenten – dadurch werde die Qualität beeinflusst. 

Branche kritisiert verzerrtes Bild

Auch bei der Umweltbilanz der Verpackungen sieht die Branche ein verzerrtes Bild. Die Getränkehersteller hätten ihre Umweltauswirkungen in den letzten Jahren laufend reduziert – etwa dank erneuerbarer Energie, Recyclingmaterial und leichterer Verpackungen. David Arnold verweist auf eine vom Bund publizierte Studie. Demnach zählen PET-Flaschen «zu den Getränkeverpackungen mit den geringsten Umweltauswirkungen, weil sie leicht sind und gut recycelt werden können».

Schliesslich gibt Arnold zu bedenken: Der Bund selbst empfehle zur Bewältigung von Mangellagen einen Notvorrat von 9 Litern Wasser pro Person, was einem Sixpack entspricht. «Auch dies zeigt, dass Mineralwasser unverzichtbar ist.»

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