Darum gehts
- Zwei Drittel der Berechtigten beziehen keine Ergänzungsleistungen, Millionen bleiben ungenutzt
- 23 Prozent der AHV-Neurentner kennen EL nicht, viele scheitern an Bürokratie
- App «We+» soll Anträge erleichtern und pflegende Angehörige unterstützen, teils kostenpflichtig
Tausende haben Anspruch auf Ergänzungsleistungen (EL) – wissen aber nichts davon. Der finanzielle Zustupf hilft AHV- und IV-Rentnerinnen und -Rentnern, ihre Lebenskosten zu decken. Trotzdem beziehen viele die Leistungen nicht. So bleiben jedes Jahr Millionenbeträge liegen.
Für Patrick Hofer (51) ist klar: Das geht nicht! «Die betroffenen Personen sind auf die zusätzlichen Leistungen angewiesen, um über die Runden zu kommen.» Deshalb hat der Zürcher die App «We+» entwickelt, die Antragstellenden den Zugang zu den Ergänzungsleistungen erleichtert. Die App hilft beim Zusammentragen der nötigen Unterlagen, füllt das Antragsformular automatisch aus und zeigt am Schluss, an welche Stelle es geschickt werden muss.
Laut einem Bericht des Schweizerischen Gesundheitsobservatoriums (Obsan) bezieht rund ein Drittel der EL-Berechtigten die Leistungen nicht. Pro Senectute spricht von 30'000 bis 200'000 Personen. Dafür gibt es verschiedene Gründe. Zum einen wissen viele nichts oder nur wenig über die EL. In einer Online-Befragung gaben 23 Prozent der AHV-Neurentnerinnen und -Neurentner in finanziell angespannter Lage an, noch nie von den Ergänzungsleistungen gehört zu haben. Weitere 57 Prozent sagten, sie wüssten eher wenig oder gar nichts über die EL.
Zum anderen scheitern viele an den administrativen Hürden. Von den Befragten, die bereits EL beziehen, gaben 93 Prozent – und damit praktisch alle – an, bei der Anmeldung Unterstützung erhalten zu haben. Diese erhalten Betroffene in ihrem persönlichen Umfeld, bei den kantonalen Ausgleichskassen oder bei Organisationen wie Pro Infirmis oder Pro Senectute.
Basel-Stadt ist Vorreiterin
Pro Senectute bietet neben einem EL-Rechner auch persönliche Beratungsgespräche an. Sprecher Peter Burri Follath sagt zu Blick: «Wir begrüssen es, dass es neue Angebote gibt, die auf das Thema aufmerksam machen.» Burri gibt jedoch zu bedenken, dass die Bedienung einer App für ältere Menschen eine Herausforderung sein könne. Zudem könne ein digitales Angebot eine persönliche Beratung nicht ersetzen.
Auch vom Bundesamt für Sozialversicherungen (BSV) heisst es, dass es wichtig sei, dass darüber informiert wird, dass ein Anspruch auf EL bestehe. «EL sind keine Almosen. Potenziell Berechtigte sollten zu ihrem Recht kommen», schreibt eine Sprecherin. Das Amt weist aber auch darauf hin, dass gewisse Personen bewusst auf eine Anmeldung verzichten, weil sie der Gesellschaft nicht zur Last fallen wollen.
Dass so viele Personen ihre Leistungen nicht beziehen, ist für Hofer «ein Versagen des Systems». Eigentlich wäre es Aufgabe des Staates, berechtigte Personen auf ihren Anspruch aufmerksam zu machen und die Anmeldung zugänglicher zu gestalten, sagt er.
«Basel-Stadt ist Vorreiterin auf dem Gebiet», betont der Zürcher. Der Stadtkanton verschickte Anfang Jahr erstmals proaktiv Infobriefe an potenziell Anspruchsberechtigte. Auf Bundesebene setzte sich der Kanton Jura mit einer Standesinitiative dafür ein, den Zugang für Anspruchsberechtigte zu vereinfachen. Das Parlament stimmte jedoch gegen den Vorschlag.
Leistungen für pflegende Angehörige
«We+» beschränkt sich aber nicht auf die Unterstützung bei Ergänzungsleistungen. Mit der App können auch Ansprüche für pflegende Angehörige geltend gemacht werden. In der Schweiz betreuen zwischen 1,4 und 1,7 Millionen Menschen ihre Angehörigen. Aufgrund des demografischen Wandels sinkt dieser Anteil laut Obsan in den nächsten 15 Jahren jedoch um 19 Prozent.
«Diese Zahlen sind alarmierend», so Hofer. Denn die Pflege habe bereits heute mit einem Fachkräftemangel zu kämpfen. Deshalb sei es wichtig, darüber aufzuklären, wie pflegende Angehörige für ihre Care-Arbeit entschädigt werden könnten. Die Arbeit betreuender Angehöriger sei immer noch deutlich günstiger, als wenn jemand ins Spital oder in ein Pflegeheim müsse.
Hofer hat «We+» im Alleingang entwickelt. Unterstützung erhielt er lediglich von der Künstlichen Intelligenz (KI). Mithilfe von KI konnte der Unternehmensberater die App innerhalb von drei Monaten programmieren. Die Angebote sind kostenpflichtig – ausser die Unterstützung beim EL-Antrag. Hofer sagt: «Wer Ergänzungsleistungen beantragt, hat ohnehin wenig Geld.»