«Jeder, der einen Führerschein hat, muss einspringen»
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CEO von Lastwagenfirma:«Jeder, der einen Führerschein hat, muss einspringen»

Lastwagen-CEO wehrt sich gegen Gefälligkeits-Zeugnisse von Ärzten
«Ein Mitarbeiter, der ausfällt, kostet uns 1000 Franken pro Tag»

Die Arztzeugnisse geraten bei bürgerlichen Politikern in Verruf: Die Ärzte würden sie zu rasch und für zu lange Zeit ausstellen, so die Kritik. Das kostet die Betriebe viel Geld. Martin Lörtscher, CEO des Lastwagenunternehmens Hugelshofer Logistik, spricht Klartext.
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Martin Lörtscher ärgert sich über Arztzeugnisse, die zu lasch ausgestellt sind.
Foto: Philippe Rossier

Darum gehts

KI-generiert, redaktionell geprüft
  • Nationalrat will strengere Regeln für Arztzeugnisse, Lörtscher unterstützt Vorstoss
  • Seine Firma verlor durch 26'000 Absenzstunden über drei Millionen Franken
  • Arbeitnehmende fehlen in der Schweiz durchschnittlich 8,2 Tage jährlich laut Statistik

Das Arztzeugnis, das CEO Martin Lörtscher in Rage bringt, umfasst zwei Zeilen. Arbeitsunfähig, 100 Prozent, provisorisch für eine Woche. Eingetroffen ist es vier Stunden, bevor der Chauffeur seinen Lastwagen hätte fahren sollen. 

«Solch ein Zeugnis bringt mir gar nichts», ärgert sich Lörtscher, der den Logistiker Hugelshofer in Frauenfeld führt. Er wittert ein System dahinter. Der Angestellte sei etwas mehr als drei Jahre angestellt gewesen. «170 Tage davon war er krank.» 

Kein Einzelfall: In der Schweiz haben Krankheits- und Unfallabsenzen seit Corona zugenommen; das zeigen Zahlen des Bundesamts für Statistik. Rund 8,2 Tage fehlen Arbeitnehmende im Schnitt. Eine grosse Belastung für die Unternehmen.

«Lieferwagen mit verderblichen Lebensmitteln steht still»

Die Krankentage sind für Lörtscher ein ernstes Problem. Seine 320 Chauffeure transportieren Pakete, Milch oder Lebensmittel in die ganze Schweiz – rund um die Uhr. «In anderen Branchen kann man Aufträge verschieben. Bei uns steht ein beladener Lieferwagen mit verderblichen Lebensmitteln still», erklärt er. Einen Ersatzfahrer zu finden, sei oft schwierig. «Im schlimmsten Fall muss der Disponent selbst hinters Steuer.»

Die Gesundheitskommission im Nationalrat will deshalb gegen missbräuchliche Arztzeugnisse vorgehen. Im Fokus der Kritik: die Ärzte.

«Ich verstehe nicht, warum wir bei einer Grippe 14-tägige Zeugnisse bekommen», sagt CEO Lörtscher.
Foto: Philippe Rossier

Lörtscher unterstützt den Vorstoss. «Ein Mitarbeiter, der ausfällt, kostet uns 1000 Franken pro Tag», rechnet er vor. Im vergangenen Jahr verzeichnete seine Firma rund 26'000 Absenzstunden. «Bei einem Stundensatz von 40 Franken macht das eine Million Franken. Zählt man Überstunden der Kollegen und andere Aufwände dazu, sind es schnell über drei Millionen.»

Die meisten Mitarbeiter seien fleissig und zuverlässig, betont Lörtscher. «Einige kommen fast mit dem Kopf unter dem Arm noch zur Arbeit. Aber es gibt schwarze Schafe.»

Lörtscher kritisiert die Ärzte. «Ich verstehe nicht, warum wir bei einer Grippe 14-tägige Zeugnisse bekommen.» Viele Mediziner würde die Lage der Unternehmer nicht verstehen.

Genaue Analyse

Die Firma analysiert die Absenzen genau. «Auffällig viele Krankmeldungen kommen freitags und montags.» Auch im Sommer häufen sie sich. «Wir haben 400 Mitarbeiter, viele wollen im Juli und August in die Ferien. Das geht aber nicht bei allen. Da kommt es vor, dass wir genau für diese Zeit ein Arztzeugnis erhalten.» Und auch nach Kündigungen sei es «üblich», dass kurz danach ein Attest reinflattert.

Lörtscher hat Massnahmen ergriffen. «Wir führen Rückkehrgespräche, um die Fahrtauglichkeit zu prüfen, aber auch um Muster zu erkennen.» So fällt es auf, wenn jemand immer am Freitag fehlt. Auch in den Personalnachrichten sind die Absenzen Thema. «Wir wollen damit auch jene schützen, die jeweils einspringen, wenn jemand erkrankt ist.» 

Die ärztliche Schweigepflicht will Lörtscher nicht antasten. «Es würde uns schon helfen, wenn wir Ärzte unkompliziert anrufen und fragen könnten, ob eine andere Tätigkeit, etwa im Büro, möglich ist. Ein Nein akzeptieren wir natürlich.»

Gilli verteidigt Ärzte

Yvonne Gilli (69), Präsidentin des Ärzteverbands, hält den Vorstoss im Parlament für überflüssig. «Ärztliche Zeugnisse sind schon heute Urkunden. Wer sie falsch ausstellt, kann bestraft werden.»

Firmen könnten bereits detailliertere Zeugnisse anfordern. «Tun sie das, bringen Patienten schon heute Formulare mit, auf denen Ärzte ankreuzen, welche Tätigkeiten möglich sind.» Gilli versteht die Belastung der Unternehmen, betont aber: «Alles, was der Vorstoss fordert, ist schon heute möglich.» Auch Vertrauensärzte könnten hinzugezogen werden.

Gilli warnt vor mehr Bürokratie in Zeiten des Ärztemangels. «Schon jetzt müssen wir viele Zeugnisse für einen Tag Absenz ausstellen, nicht nur für Unternehmen, sondern auch für Schüler. Dann sind akute Beschwerden oft abgeklungen, wenn der Patient beim Arzt ist.»

Lörtscher kontert: «Unserer Branche fehlen 6000 Lastwagenchauffeure. Sie sind essenziell für die Grundversorgung! Mit moderner IT könnte man auch die Ärzte entlasten.». Von den Vertrauensärzten hält er wenig. «Die Ärzte halten zusammen.» Er fordert eine einfache Lösung. «Keine Formulare, ich will einfach zum Telefon greifen können.»

Der Nationalrat hat dem Vorstoss bereits zugestimmt. Gegen den Willen der Linken. Grünen-Nationalrätin Léonore Porchet (36) wurde im Rat deutlich. Die Ursachen seien die Arbeitsbedingungen, der Vorstoss «unnötig, gefährlich und heuchlerisch». Auch der Bundesrat um Gesundheitsminister Elisabeth Baume-Schneider (62) lehnt den Vorstoss ab. Doch vergeblich, der Nationalrat stimmt zu. Demnächst wird der Ständerat entscheiden.

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