Darum gehts
- Neuenburger Kirche verhängt Berufsverbot gegen mutmassliche Missbrauchs-Pfarrerin
- Kein Umdenken im Nachbarkanton Waadt
- Waadtländer Kirche mauert und will mutmassliches Opfer loswerden
Erst schützte die reformierte Kirche der Waadt eine mutmassliche Missbrauchstäterin und liess zu, dass diese in einem weiteren Fall übergriffig wurde. Jetzt wollen die Kirchenverantwortlichen das Opfer, das die Pfarrerin angezeigt hat, anscheinend loswerden. Am Telefon konfrontiert, reagiert der Synodalratspräsident und Waadtländer alt Staatsrat (FDP) Philippe Leuba aufbrausend und spricht von Lügen.
Der Reihe nach. Caroline T.* soll in ihrer über zwanzigjährigen Tätigkeit als reformierte Pfarrerin in Neuenburg und der Waadt mehrere Frauen sexuell, spirituell und finanziell ausgebeutet haben. Eines der mutmasslichen Opfer, Noémi L.*, brachte den Fall letzten Sommer zur Anzeige. Zunächst bei den kirchlichen Stellen, später auch bei der Staatsanwaltschaft Neuenburg, die ermittelt. Für die Geistliche gilt die Unschuldsvermutung.
Neuenburg erteilt Pfarrerin Berufsverbot
Von Anfang an gingen die beiden Kantonalkirchen unterschiedlich mit dem Fall um. Die Neuenburger Kirche setzte eine Disziplinarkommission ein und hörte mehrere Opfer an. In einem 40-seitigen Bericht kam die Kommission zu dem Urteil: Die Vorwürfe sind glaubwürdig. Das zuständige Kirchenparlament zog daraus die Konsequenzen. Am Mittwoch entschieden die Abgeordneten mit ⅔-Mehrheit: Die beschuldigte Pfarrerin erhält per sofort ein striktes Berufsverbot im Kanton Neuenburg. Weiter prüft das Parlament, ob den Opfern eine Genugtuungszahlung geleistet werden kann. Es ist das erste Mal in der Geschichte der reformierten Kirche, dass ein solcher Schritt gemacht wird. Er zeigt, wie klar der Fall für die Neuenburger Kirchenvertreter ist.
Vor diesem Hintergrund irritiert der Umgang der Waadtländer Kantonalkirche mit dem gleichen Fall umso mehr. Die beschuldigte Pfarrerin war dort seit 2024 in Vollzeit tätig. Nach Eingang der Anzeige im Sommer geschah zunächst nichts. Eine Suspendierung der Beschuldigten folgte erst im April 2026 und erst, nachdem es zu einem weiteren Übergriff durch die Pfarrerin gekommen sein soll. Brisant: Wie Noémi L. arbeitet auch das jüngste Opfer für die Kantonalkirche. Als der Druck im Mai schliesslich zu gross wurde, kündigte die Kantonalkirche der Pfarrerin heimlich. Die Kündigung räumten die Verantwortlichen erst auf Anfrage von Blick ein.
Waadt bestraft das Opfer
Allerdings scheinen die Verantwortlichen nicht nur die mutmassliche Täterin loswerden zu wollen, sondern auch das Opfer, das den Fall ins Rollen brachte. Die Sprecherin des Synodalratspräsidenten Philippe Leuba bestätigt auf Anfrage indirekt: Der befristete Arbeitsvertrag von Noémi L. wurde nicht – wie vorgesehen – diese Woche entfristet. Die Frage nach den Gründen liessen die Verantwortlichen unbeantwortet.
Dies ist ein Bruch mit den Anstellungsgepflogenheiten der Kantonalkirche, wie mehrere fest angestellte Kirchenmitarbeiter bestätigen. «Der Synodalrat steht unter grossem Druck. Er will Noémi loswerden, um sich mit dem Thema nicht mehr beschäftigen zu müssen», sagt ein Insider. Weder Noémi L. noch ihre Anwältin wollten sich zu den Vorgängen äussern. Anwältin Christine Sattiva verwies auf die laufenden Gespräche in dieser Angelegenheit.
Dass es den Waadtländer Kirchenverantwortlichen noch immer an Problembewusstsein mangelt, wird auch an anderer Stelle deutlich. Nächste Woche findet die Sommersession der Evangelisch-reformierten Kirche Schweiz (EKS) statt. Dort wird ein Vorstoss der Waadtländer Kirche diskutiert werden. Diese verbittet sich jegliche Einmischung durch den nationalen Dachverband in die Missbrauchsprävention und -bekämpfung der Kantonalkirchen. Man möchte weiter alleine die Kontrolle behalten.
* Namen geändert