Missbrauch im Namen Gottes
Wie die reformierte Kirche eine übergriffige Pfarrerin schützte

Mehrere Frauen werfen einer Pfarrerin spirituellen und sexuellen Missbrauch vor. Monatelang ignorierte die Waadtländer Kantonalkirche den Skandal. Dann entliess sie die Beschuldigte – heimlich.
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Die Kathedrale von Lausanne ist die Hauptkirche der reformierten Hochburg.
Foto: Wikipedia / Dmitry A. Mottl

Darum gehts

KI-generiert, redaktionell geprüft
  • Eine Westschweizer Pfarrerin soll mehrere Frauen zu sexuellen Gefälligkeiten gedrängt haben
  • Obschon die Waadtländer Kantonalkirche von dem Fall wusste, schützte sie die Pfarrerin lang
  • Kirchliche Opfervertretung beklagt: Reformierte Kirche ist auf Missbrauchsfälle schlecht vorbereitet
Annalena Müller
Annalena MüllerPolitredaktorin SonntagsBlick

Ein Skandal erschüttert die reformierte Kirche in der Waadt und Neuenburg. Die Pfarrerin Caroline T.* soll im Rahmen ihrer Arbeit mindestens zwei Frauen unter Druck gesetzt, finanziell übervorteilt und zu sexuellen Gefälligkeiten gedrängt haben. Den kirchlichen Institutionen ist der Fall seit einem Jahr bekannt. Doch jede Kantonalkirche kocht in solchen Fällen ihr eigenes Süppchen. Manchmal mit verheerenden Folgen.

Recherchen von Blick zeigen: Obschon die Waadtländer Kantonalkirche seit Juli 2025 über die Vorwürfe informiert war, schützte sie die Pfarrerin. Erst Anfang April, nachdem eine weitere Anzeige eingegangen war, suspendierte die grösste reformierte Kirche der Romandie die Geistliche. Nicht weniger brisant: Die Anzeige stammt von einer Person, die in einem von der Kantonalkirche geschaffenen Abhängigkeitsverhältnis zur Pfarrerin stand. Dies bestätigen mehrere mit den Vorgängen vertraute Personen gegenüber Blick. Für die Pfarrerin gilt die Unschuldsvermutung.

Liebe als Befehl Gottes

Intern ins Rollen brachte den Fall Noémi L.*. Die Waadtländerin hatte die Pfarrerin im Sommer 2022 kennengelernt. Nach einer schmerzhaften Trennung brauchte die gläubige Christin seelsorgerische und therapeutische Begleitung und stiess über eine Google-Suche auf Caroline T.: Die Neuenburger Pfarrerin bot im Nebenverdienst Paartherapien und Sexualberatung an. Für 120 Franken pro Stunde wurde sie zu L.s Therapeutin. Auf Betreiben der Pfarrerin werden aus einer Stunde bald drei. Allein für November 2022 belaufen sich die Kosten bereits auf 1200 Franken.

In den Sitzungen habe die Pfarrerin, so L., die Grenzen zwischen Therapie und Privatleben verwischt. Sie habe ihr zuerst ihre Homosexualität, dann ihre Liebe gestanden. Eine sich anbahnende Beziehung bezeichnete sie als Befehl Gottes. Die Sitzungen rechnete T. bis Anfang Dezember weiter ab. Danach beginnt eine turbulente Beziehung, aus der sich Noémi immer wieder zu befreien sucht. Das gelingt ihr aber erst Ende 2023. An eine Anzeige dachte sie damals noch nicht. Das habe sich laut Noémi L. erst geändert, als Caroline T. 2024 auf eine Stelle im Kanton Waadt wechselt und eine Rufmordkampagne gegen L. startet – sie wendet sie sich im Sommer an die zuständigen Stellen. Mittlerweile hat auch die Staatsanwaltschaft Neuenburg Ermittlungen aufgenommen – unter anderem wegen Nötigung und finanzieller Vorteilnahme.

Wie sich nun zeigt, ist Noémi L. nicht Caroline T.s erstes mutmassliches Opfer. Vor 15 Jahren hat Julie F.* gemäss eigenen Aussagen Ähnliches erlebt.

Nach dem Tod von F.s Grossmutter habe die damalige Ortspfarrerin sie und ihren Mann zunächst gegen Bezahlung seelsorgerisch begleitet, später dann Julie F. allein. T. habe ihre Krise nach dem Verlust der Grossmutter genutzt, um eine emotionale Abhängigkeit aufzubauen, sagt Julie F. heute. Als die Pfarrerin sie eines Tages vor die Wahl stellt, den Kontakt abzubrechen oder eine intime Beziehung einzugehen, habe sie sich darauf eingelassen. Julie F.: «Aus Angst, dass sie mich fallen lassen würde.» Dabei habe sie zuvor nie homosexuelle Neigungen verspürt. Erst nach einigen Jahren sei es ihr mithilfe ihres Mannes gelungen, sich aus der Beziehung zu lösen, zu der auch emotionale und körperliche Gewalt gehört hätten. Der Kirche gemeldet hat F. den Fall erst in diesem Frühjahr, nachdem sie von Noémi L.s Geschichte erfahren hat. «Vor 15 Jahren hätte mir niemand geglaubt.»

Waadtländer Kantonalkirche schützte Pfarrerin

Der Umgang der Waadtländer Kantonalkirche mit den aktuellen Fällen zeigt, dass Betroffene auch heute noch Schwierigkeiten haben, gehört zu werden. Obschon Noémi L. im Juli 2025 die Pfarrerin bei der Kirche anzeigte, liessen die Verantwortlichen zu, dass eine Person in einem von der Landeskirche geschaffenen Abhängigkeitsverhältnis zu Caroline T. bleibt. Diese Person wurde Anfang 2026 selbst zum mutmasslichen Opfer, wie Recherchen von Blick zeigen – und wie die Kirche auf Nachfrage einräumt. Von einer Verletzung ihrer Fürsorgepflicht will die Landeskirche jedoch nichts wissen. Man habe die Pfarrerin Ende Mai entlassen. Damit scheint der Fall für die in der Waadt mächtige Institution erledigt.

So einfach ist es aber nicht: Die Westschweizer Betroffenenorganisation Groupe Sapec unterstützt seit 15 Jahren Opfer von kirchlichem Missbrauch. Neuerdings verzeichne man, wie es dort heisst, vermehrt Meldungen aus der reformierten Kirche. Seit 2025 begleitet die Organisation sieben Fälle, darunter auch die beiden aktuellen Fälle aus dem Kanton Waadt.

Im Jahresbericht 2025 stellt die Sapec der reformierten Kirche ein zweifelhaftes Zeugnis aus: Zwar bekenne man sich dort zur Missbrauchsbekämpfung. Wenn es aber konkret werde, stosse man auf die gleichen Widerstände wie früher in der katholischen Kirche. Im Zweifelsfall werde der Ruf der Institution geschützt. Wenn die Opfer auf mauernde statt helfende Institutionen träfen, bedeute dies für sie zusätzliches Leid, sagt Sapec-Vertreterin Gabriella Loser Friedli. Die von den christlichen Kirchen entwickelten Verhaltenskodexe seien sicher gut gemeint. «In Krisenfällen erweisen sie sich aber oft als zahnlose Papiertiger. Wie man im aktuellen Fall im Kanton Waadt sieht», so Loser Friedli.

Die Neuenburger Kantonalkirche macht es besser

Einen kleinen Lichtblick gibt es in dieser Geschichte dennoch: Die Neuenburger Kantonalkirche ist zwar viel kleiner als ihr Waadtländer Pendant, hat jedoch nach Eingang von Noémi L.s Anzeige eine Fachkommission eingesetzt und den Fall untersucht. Die Kommission empfiehlt nun, Caroline T. die Zulassung zu entziehen. Nächste Woche entscheidet darüber das Kirchenparlament. T. darf, wenn die Empfehlung angenommen wird, im Kanton Neuenburg nicht mehr als Pfarrerin tätig sein. Allerdings wäre der Entscheid für andere Kantone nicht bindend. Theoretisch könnte sich Caroline T. also auch in Zukunft auf Pfarrstellen bewerben, wie der Sprecher der Neuenburger Kirche auf Anfrage bestätigt: «Aktuell gibt es keine Möglichkeit, einem Seelsorger oder einer Seelsorgerin pastorale Aktivitäten auf nationaler Ebene zu untersagen», sagt auch Stephan Jütte von der Evangelisch-reformierten Kirche Schweiz. Die reformierten Kirchen seien föderal organisiert. «Die nationale Kirche kann nur koordinieren und auf verbindlichere Verfahren hinwirken, verfügt aber über keine schweizweite Berufsaufsicht über Pfarrpersonen.»

Ob Caroline T. plant, in einem anderen Kanton tätig zu werden, ist unbekannt. Sie liess die Frage unbeantwortet und bestreitet die Vorwürfe.

* Namen geändert 

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