Darum gehts
- Ein Feuerinferno in Crans-Montana fordert Todesopfer und erschüttert das Wallis
- Regierungspräsident Reynard zeigt sich im «Autopilot-Modus», kaum Schlaf möglich
- Im Mai begrub ein Bergsturz in Blatten grosse Teile des Dorfs
Das Wallis kommt nicht zur Ruhe. Schon wieder erschüttert eine Tragödie den Kanton. Das Feuerinferno in Crans-Montana gehört zu den verheerendsten Katastrophen der jüngeren Schweizer Geschichte. Unweigerlich werden Erinnerungen an den vergangenen Sommer wach – an ein anderes Ereignis im Wallis, das sich tief ins kollektive Gedächtnis eingebrannt hat: Ein Bergsturz begrub grosse Teile des Dorfs Blatten.
So unterschiedlich die Hintergründe sind, so sehr drängt sich die Frage auf: Was machen zwei derart schwere Katastrophen innerhalb weniger Monate mit einer Region? Es sind die gleichen Köpfe, die als oberste politische Verantwortliche gefordert sind – die Mitglieder des Staatsrats.
Die Walliser Regierung ist quasi im Dauer-Alarm-Modus. Ihre Mitglieder müssen die Krise managen, die richtigen Worte finden, den Betroffenen Gehör verschaffen – und einer verunsicherten Bevölkerung Orientierung geben.
«Wir müssen Stärke zeigen»
Der Staatsrat rief nach dem Feuerinferno in der Bar «Le Constellation» die «besondere Lage» aus. An vorderster Front stehen Regierungspräsident Mathias Reynard (38, SP) und Sicherheitsdirektor Stéphane Ganzer (50, FDP). «Der Unterschied zu Blatten ist, dass es diesmal Todesopfer gibt, junge Menschen – das ist schrecklich», sagte Reynard schon am Neujahrstag in Crans-Montana. Doch eines gelte ungebrochen: «Wir müssen Stärke zeigen, wir müssen Solidarität zeigen, wir müssen geschlossen auftreten.»
Am Freitag erklärte Reynard, er sei seit zwei Tagen im «Autopilot-Modus» und habe kaum geschlafen. Doch diesen Einsatz schulde man der Bevölkerung. Das grösste Leid trügen die Familien der Opfer.
Der Staatsrat wurde zusammengeschweisst
Als Ende Mai in Blatten der Berg ins Tal stürzte, war die neue Walliser Regierung erst wenige Wochen im Amt. Ganzer war neben der Mitte-Frau Franziska Biner (39) frisch in den Staatsrat gewählt worden, Reynard hatte seine zweite Legislatur begonnen. Die ersten drei Monate hätten sich wie zehn Jahre angefühlt, bilanzierte Ganzer später – so intensiv sei diese Anfangsphase gewesen.
Und dennoch: Der Krisenmodus schweisste die Regierung zusammen. Auf diesem Zusammenhalt kann sie nun nach dem Drama von Crans-Montana aufbauen.
Das ist keineswegs selbstverständlich. Das Wallis war traditionell stark politisiert, die Regierung lange ein Spiegel der Verhältnisse. Im sprachlich zweigeteilten Kanton mit seinen Partei-Doppelstrukturen wurde hart debattiert, der Machtkampf zwischen den dominierenden christlichen Parteien (heute im «Mitte-Verbund») und den Liberalen prägte die Politik. Umso auffälliger ist, wie geschlossen die Exekutive nun auftritt. Von «Friede, Freude, Einigkeit im Staatsrat» schrieb der «Walliser Bote» im Sommer.
Zuständiger Regierungsrat machte Karriere in der Feuerwehr
Auch in den Bilanzen zum Jahresende, mehr als ein halbes Jahr nach dem Bergsturz, zeigten sich die Regierungsmitglieder einig: Der Umgang mit der Naturkatastrophe hat das Gremium enger zusammengerückt.
«So viel Harmonie ist neu für das Wallis», sagt ein langjähriger Kenner der Walliser Politik zu Blick. Man habe deutlich gespürt, dass alle am gleichen Strick gezogen hätten. Das gelte selbst für ein Alphatier wie den früheren CVP-Präsidenten Christophe Darbellay (54), das dienstälteste Mitglied der Regierung – und ebenso für Franz Ruppen (54), den einzigen Vertreter der angriffigen Walliser SVP.
Stéphane Ganzer verglich die Katastrophe von Blatten rückblickend mit einem Sprung ins kalte Wasser. «Sie hat uns Mitglieder des Staatsrats gezwungen, sofort zusammenzuarbeiten. Wir mussten gemeinsam eine Antwort geben», sagte er gegenüber RTS. «Das hat uns, glaube ich, stark zusammengeschweisst.» Das sei das Positive, das er aus diesem tragischen Ereignis mitnehme.
Ganzer kann auf seine persönliche Erfahrung abstützen: Er ist ausgebildeter Feuerwehrinstruktor. Als Gemeindepräsident bewältigte er zudem mehrere Unwetter. Doch das Ausmass der Katastrophe von Blatten sei für ihn neu gewesen. Das Feuerinferno von Crans-Montana nannte er ein «nie dagewesenes Ereignis in unserem Kanton».
Die politische Aufarbeitung wird folgen
In Krisenzeiten halte man im Wallis zusammen und handle mit Entschlossenheit und Solidarität: Das sagte Regierungsrätin Biner, die in der Bewältigung des Bergsturzes ebenfalls eine zentrale Rolle spielte, kurz vor Weihnachten in einer Parlamentsdebatte über ein Notfalldekret für Blatten. Dass ihre Worte so rasch in einem anderen Zusammenhang wieder Aktualität erhalten würden, konnte sie damals nicht ahnen.
Noch sind die Gedanken vor allem bei den Opfern und ihren Angehörigen, noch sind die Untersuchungen erst am Anfang. Doch die Aufarbeitung wird folgen – auch die politische. Sie wird sich unter anderem mit der Frage befassen, ob in der Bar in Crans-Montana die geltenden Vorschriften eingehalten und ausreichend kontrolliert wurden.
Damit verknüpft sind grundsätzliche Fragen: Ist es weiterhin vertretbar, dass im Wallis jede Gemeinde selbst für den Brandschutz zuständig ist? Braucht es eine obligatorische Gebäudeversicherung als zentrale Behörde auf Kantonsebene? Just letztere Frage stellte sich bereits nach dem Bergsturz im vergangenen Sommer.