Jans und seine Illusion, die Tiktok-Marokkaner zu stoppen
Warum unsere Asylpolitik scheitert – egal, wer regiert

Das Schengen-System funktioniere, sagt Bundesrat Beat Jans nach Ceuta. 33'000 Tote seit 2014 sagen etwas anderes. Was Europa und die Schweiz wirklich tun könnten – und warum sie es nicht tun. Der Wochenkommentar.
Kommentieren
1/11
Tausende von Migranten stürmten Ende Juli Ceuta.
Foto: AFP
THM_0348.jpg
Rolf CavalliChefredaktor Blick

«Das Schengen-System funktioniert», sagt Bundesrat Beat Jans in einem Interview bei CH Media. Gemeint ist: Europas Aussengrenze hat gehalten.

«Das neue Asylsystem ist so löchrig wie ein Sieb», sagt Migrationsforscher Ruud Koopmans im TV.

Beide haben die Bilder von Ceuta gesehen. Wer hat recht?

Mehr als 70'000 Menschen stürmten Ceuta, mindestens 75 starben im Meer. Ausgelöst hatte den Ansturm eine Falschmeldung in sozialen Medien: Die Grenze sei offen.

Jans sagt, was Politiker in solchen Momenten sagen: alles unter Kontrolle. Künftig sollen Behörden Tiktok und Co. stärker überwachen.

Es braucht viel Fantasie, um sich das vorzustellen.

Man kann den Asylminister für seine Beschwichtigungen kritisieren. Zur Wahrheit gehört: Wie viele Migranten kommen, kann ein Schweizer Justizminister kaum beeinflussen.

Unter SVP-Bundesrat Christoph Blocher halbierten sich die Asylgesuche. Sie sanken aber auch in ganz Europa. Unter FDP-Bundesrätin Karin Keller-Sutter fielen sie 2019 auf einen Tiefstand, dank des EU-Türkei-Abkommens. 2023 explodierten sie auf 30'000, wegen der türkischen Präsidentschaftswahlen. Unter SP-Bundesrat Jans gehen sie wieder zurück – weil sie in ganz Europa sinken.

Seit zehn Jahren entfallen gut zwei Prozent aller europäischen Asylgesuche auf die Schweiz. Egal, ob das Justizdepartement links oder rechts geführt wird. Entscheidend sind Kriege, zerfallende Staaten – und ob Länder wie Marokko oder die Türkei ihre Grenzen öffnen.

Asyl wurde als Schutz vor Kommunisten eingeführt

Das Asylrecht ist kein universales Erbe der Aufklärung. Die Genfer Flüchtlingskonvention von 1951 wurde für Europäer geschaffen, die vor Krieg und Kommunismus flohen. Zeitlich und geografisch begrenzt.

75 Jahre später verlassen Millionen ihre Heimat wegen Armut und fehlender Perspektiven. Das sind rechtlich keine Asylgründe, wenn auch menschlich nachvollziehbar.

Nach jahrelangen Verhandlungen hat die EU einen neuen Migrationspakt beschlossen. Am 12. Juni 2026 trat er in Kraft. Wenige Wochen später folgte der Sturm auf Ceuta.

Das Urteil von Migrationsforscher Koopmans ist hart: Spanien habe die Lage nur unter Kontrolle gebracht, weil es eigenes Recht missachtet habe. Der Migrationspakt drohe wie ein Kartenhaus zusammenzubrechen, weil entscheidende Bausteine fehlen. Die versprochenen Rückführungszentren ausserhalb Europas existieren noch nicht. Die Abkommen mit Drittstaaten, die Migranten zurücknehmen sollen, funktionieren kaum.

Warum Rechte und Linke eine Lösung blockieren

Der Migrationsexperte schlägt deshalb einen Systemwechsel vor: weg vom individuellen Asylrecht, hin zu humanitären Kontingenten. Menschen würden direkt aus Krisenregionen aufgenommen. Nicht unbedingt weniger Migration. Aber besser gesteuert, gerechter verteilt und mit weniger Toten.

Die Linke befürwortet Kontingente, lehnt aber ausgelagerte Asylverfahren ab. Die Rechte will Verfahren ausserhalb Europas, aber keine Kontingente. Beide wollen eine Hälfte der Lösung – und verhindern die andere. Solange der gemeinsame Wille fehlt, scheitert jede Asylpolitik.

Nicht integriert und ohne Perspektive

Also: Funktioniert Schengen? «Das europäische Asylsystem fordert mehr Menschenleben, als es rettet», sagt Koopmans. 75 Tote bei Ceuta. Mehr als 2000 im Mittelmeer allein 2025. Seit 2014 über 33'000 Menschen. Gleichzeitig Zehntausende, die es nach Europa schaffen, kein Bleiberecht haben und trotzdem bleiben – geduldet, nicht integriert, perspektivlos. Auch das ist Schengen.

Afrikas Bevölkerung wächst bis 2050 auf 2,5 Milliarden. Europa altert. Der Druck steigt. Das Sieb wird nicht besser.

Wunder erwartet niemand. Augenwischerei auch nicht.

Was sagst du dazu?
Heiss diskutiert
    Meistgelesen