Darum gehts
- Lehrerin wegen «Schwarzer Peter»-Spiel in Zürich angezeigt, Verfahren eingestellt
- Assistent forderte 8000 Franken Schadenersatz für angebliche Diskriminierung durch Kartenspiel
- Norwegische Studie zeigt: Sicherere Spielplätze senken Unfallquote nicht
Als Carla C.* bei Franz Carl Weber ein «Schwarzer Peter»-Spielset kauft, ahnt sie nicht, dass sie deswegen auf dem Polizeiposten landen wird. Der Vorwurf: «Diskriminierung und Aufruf zu Hass». Ihr dunkelhäutiger Klassenassistent fühlte sich durch ein Kartenspiel diskriminiert und zeigte sie an. Zudem forderte er 8000 Franken Schadenersatz.
Das Strafverfahren wurde eingestellt. Zurück bleiben Tausende Franken Verfahrenskosten, eine konsternierte Lehrerin und die Frage: Was sagt es über eine Gesellschaft aus, wenn ein harmloses Kartenspiel den Justizapparat in Bewegung setzt und eine Lehrerin zur Beschuldigten macht?
Der Schwarze Peter ist ein besonders absurdes Beispiel für falschen Rassismusverdacht. Figur und Spiel gehen auf einen Köhler mit verrusstem Gesicht aus dem frühen 19. Jahrhundert zurück – nicht auf eine dunkelhäutige Person. Auch das Fangspiel «Wer hat Angst vor dem schwarzen Mann» geriet schon unter Beschuss. Dabei steht die Figur nach gängiger Deutung für eine mittelalterliche Schreckgestalt – nicht für eine Hautfarbe.
Die Angst, etwas falsch zu machen
Andere Schulspiele werden nicht nur wegen ihres Namens, sondern wegen ihres Inhalts infrage gestellt. Völkerball, kurz Völk, zum Beispiel. In einigen deutschen Schulen wurde das Spiel aus dem Lehrplan genommen. Es begünstige Mobbing und sei kriegsverherrlichend, wenn sich Kinder gegenseitig mit einem Ball abschiessen.
Doch es geht nicht darum, was man heute noch sagen darf und was nicht. Es geht darum, dass wir versuchen, jedes Risiko einer Verletzung auszuschalten. Alles, was verletzen könnte, soll verschwinden. Das falsche Wort. Der harte Ball.
Dahinter steckt die Angst, etwas falsch zu machen. Kinder sollen vor vermeintlichen Gefahren geschützt werden, Erwachsene vor Kritik, Beschwerden oder gar rechtlichen Schritten.
Kinder in der Gummizelle
Sichtbar wird das auch auf Spielplätzen. Immer öfter gleichen sie Gummizellen, damit sich bloss kein Kind an einer Ecke stösst. Natürlich will niemand, dass sein Kind von einer Baumhütte fällt oder sich an einem rostigen Nagel verletzt. Doch gemäss einer Langzeituntersuchung der norwegischen Forscherin Ellen Sandseter sinkt die Zahl der Unfälle nicht, obwohl Spielplätze immer risikoärmer gebaut werden.
Das Paradoxe: Kinder lernen schlechter, Gefahren einzuschätzen, wenn sie ihnen kaum noch begegnen. Der amerikanische Sozialpsychologe Jonathan Haidt beschreibt eine Gesellschaft, die Kinder systematisch vor jedem Unbehagen schützt – körperlich wie emotional. Sicherheit werde zum höchsten Wert, Risiko zum Feind. «Kinder sollen wieder auf die Nase fallen dürfen», bringt es der Schweizer Kinderpsychologe Allan Guggenbühl auf den Punkt.
Doch Überbehütung und Risikovermeidung machen beim Kind nicht halt. Sie erfassen auch die Erwachsenen. Eine Lehrerin wird künftig auf ein Kartenspiel verzichten, wenn sie damit rechnen muss, angezeigt zu werden. Wer jederzeit eine Beschwerde fürchten muss, wagt weniger im Klassenzimmer.
Echter Rassismus und ernste Gefahren
Was für den Spielplatz und fürs Klassenzimmer gilt, gilt auch für die Gesellschaft insgesamt. Wer nur noch Fehler vermeiden will, verliert an Widerstandskraft. Und an der Fähigkeit, zu unterscheiden: zwischen echtem Rassismus und einem Kaminfeger auf einer Spielkarte. Zwischen Gewalt und einem Ball, der beim Spielen auch mal wehtut.
Eine robuste Gesellschaft muss echten Rassismus bekämpfen und Kinder vor ernsten Gefahren schützen. Aber sie muss aushalten, dass ein Wort missverstanden wird, ein Ball trifft und ein Kind hinfällt.
Am Ende liegt der Schwarze Peter bei uns. Weil wir verlernt haben, Risiken auszuhalten.
* Name geändert