Darum gehts
- Tausende Arbeitslose in der Schweiz warten wegen Seco-IT-Problemen auf Zahlungen
- Cortis S. seit 9 Monaten ohne Unterstützung, trotz 20 Jahren Einzahlungen
- Neue IT-Plattform seit Januar 2026 mit Problemen: Tausende Dossiers stauen sich
Cortis S.* (51) ist sauer. Seit neun Monaten wartet er darauf, dass die Arbeitslosenkasse ihm Geld überweist. «Ich habe immer gearbeitet», sagt S. Dass er die Leistungen aus der Arbeitslosenversicherung, in die er über 20 Jahre eingezahlt hat, nicht bekommt, ist für ihn frustrierend. Und es ist existenzbedrohend. Seine Rücklagen sind lange aufgebraucht. Im März drohte dem dreifachen Familienvater der Verlust der Wohnung. Abwenden konnte er ihn nur, weil die Sozialberatung der Heilsarmee in Basel ihm eine Monatsmiete bezahlte.
Cortis S. gehört zu den Tausenden Arbeitslosen in der Schweiz, die vom IT-Debakel des Seco direkt betroffen sind. Im Dezember 2025 ging die alte Plattform aus den 1980er-Jahren offline, Anfang Januar 2026 wurde das neue IT-System aufgeschaltet. Und stürzte über Wochen hinweg ab. Als es dem Staatssekretariat für Wirtschaft (Seco) ab April endlich gelang, das System zu stabilisieren, hatten sich bei den Kassen Tausende Dossiers angestaut, die Sachbearbeiter in Wochenend- und Nachtschichten seither abzuarbeiten suchen. Eine Sisyphusarbeit, denn das System arbeitet noch immer langsam, und jeden Monat kommen immer neue Dossiers von Arbeitssuchenden hinzu. Kassenleiter schlagen deswegen seit Monaten Alarm.
Dass es vielen anderen geht wie ihm, ändert für Cortis S. nichts. Er verlor seine Arbeit als Betriebsmitarbeiter bei einem Basler Pharmakonzern im Oktober. Laut eigenen Angaben hat er alle Dokumente rechtzeitig eingereicht, obwohl im Dezember kürzere Fristen galten als sonst, wegen der anstehenden IT-Umstellung. Doch es kommt kein Geld, weder im Januar noch im Februar noch in den Monaten danach.
Bestraft, weil er arbeitet
Claudia Samateh, Leiterin der Heilsarmee-Sozialberatung, begleitet seinen Fall seit Februar. Sie sagt: «Cortis' Problem ist, dass er immer wieder Zwischenverdienste hatte. Er jobbt mal hier und mal da, um etwas zu verdienen.» Das sei zwar eigentlich gewollt, weil die Kassen dann weniger Hilfe auszahlen müssten, aber es verkompliziere auch das Dossier. «Jeden Monat müssen zusätzliche Dokumente eingereicht werden, die den Zwischenverdienst dokumentieren.»
Samateh, die seit Anfang Jahr vier Seco-IT-Debakel-Opfer betreut, weiss: «Je komplizierter das Dossier, desto länger dauert die Bearbeitung.» Nur bei der Sanktionierung von Arbeitslosen, also der Streichung von Taggeldern, seien die RAV weiterhin schnell. Cortis S. wurde in den letzten Monaten mehrfach gerügt, weil er nicht genügend Bewerbungen geschrieben habe. Ihm ringt diese Ironie nur ein bitteres Lachen ab.
Bürokratendeutsch als Hürde
Auch Bihon C.* (47) musste fast vier Monate auf die erste Zahlung seiner Kasse warten. C. verlor seinen Job als Lagerist bei Ikea Ende November 2025. Weil er an Long Covid leidet, ist er teilweise krankgeschrieben. Das hat Einfluss auf die Berechnung der Taggelder und darauf, wer sie leisten muss. Hinzu kommt, dass Bihon C. Fehler beim Ausfüllen der Dokumente unterlaufen sind, was zu Sanktionen durch das RAV führt. «Ich habe mich versehentlich als 100 Prozent arbeitsfähig eingetragen und hatte dann zu wenige Bewerbungen.» C. stammt ursprünglich aus Eritrea und lebt seit 20 Jahren in der Schweiz. Er spricht sieben Sprachen und engagiert sich in der Flüchtlingshilfe und als Dolmetscher für Heks. Aber das Bürokratendeutsch der Formulare bleibt eine Hürde für ihn.
Wie Cortis S. stand auch Bihon C. im März vor dem Nichts. Die Rücklagen waren aufgebraucht, C. war mit der Miete im Rückstand, und der Vermieter drohte mit der Kündigung. Nur durch einen Zufall habe er von der Sozialberatung der Heilsarmee erfahren, sagt er. Es war seine letzte Hoffnung, weil er beim RAV nicht weiterkam und seine Arbeitslosenkasse wegen der IT-Probleme keine kurzfristigen Vorleistungen auszahlen konnte. Claudia Samateh rief zunächst den Vermieter an und überwies eine Monatsmiete, gab C. einen Nahrungsmittelgutschein. «Eigentlich übernehmen wir keine Mieten, dafür ist unser Budget zu klein.» Aber in beiden Fällen drohte den Familien die Obdachlosigkeit. «Jemanden aus der Obdachlosigkeit wieder ins System zu integrieren, ist viel schwieriger und teurer, als ihn drin zu behalten», sagt Samateh.
«Versicherungsleistung, keine Almosen!»
Sie versteht die Überlastung der Kassen- und RAV-Mitarbeiter. Und sie spüre diese auch in den Gesprächen, die sie führt, um Fällen wie C. und S. zu helfen. Oftmals hilft es, wenn Samateh anruft statt ihrer Klienten. Einfach weil sie ruhiger bleibt. «Wenn man seit Monaten um seine Existenz fürchtet, ist das ein riesiger Stress.» Und der landet mitunter bei den Sachbearbeitern der Ämter, auch wenn es nicht deren Schuld ist. «Im Bundeshaus können die Betroffenen ja schlecht anrufen.»
Bei aller nachvollziehbaren Überlastung der Beamten stört sich die Sozialarbeiterin daran, wie herablassend manche mit den Klienten umgehen. Arbeitslosengeld sei keine Sozialhilfe: «Es handelt sich nicht um Almosen, sondern um Versicherungsleistungen, die vorher eingezahlt wurden!» Und sie weist darauf hin, dass nicht nur Menschen am unteren Rand der Gesellschaft betroffen seien. Einer ihrer Fälle sei eine Schweizerin aus der Mittelschicht. «Wenn Sie mehr Geld verdienen, haben Sie meist auch höhere Fixkosten – eine grössere Wohnung oder ein Auto.» Das Ersparte reiche auch dann meist nur für ein paar Monate.
Über den politischen Skandal, nämlich dass das Seco die Probleme nach über einem halben Jahr noch immer nicht gelöst hat, denken Cortis C. und Bihon C. nicht nach. Sie sind zu sehr damit beschäftigt, sich und ihre Familien durchzubringen.
* Namen geändert