Hinter den Kulissen liegen die Nerven blank
Machtkampf um Pharma in Bundesbern

Schweizer Pharmakonzerne stehen unter Druck von US-Präsident Donald Trump. Im Gegenzug fordert die Branche höhere Medikamentenpreise in der Schweiz – trotz Rekordgewinnen. Ein Dilemma für den Bundesrat, wie sich hinter den Kulissen zeigt.
Publiziert: 00:26 Uhr
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Nach dem Zollhammer hat US-Präsident Donald Trump auch die Schweizer Pharmabranche ins Visier genommen.
Foto: keystone-sda.ch

Darum gehts

  • Pharmabranche fordert höhere Preise trotz Rekordgewinnen und Millionenboni
  • Interpharma warnt vor Abwanderung von Forschung und Produktion aus der Schweiz
  • Prämienzahler könnten um rund 400 Millionen Franken entlastet werden
Die künstliche Intelligenz von Blick lernt noch und macht vielleicht Fehler.
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Daniel BallmerRedaktor Politik

Die Schweizer Pharmabranche steht gehörig unter Druck. Präsident Donald Trump (79) will tiefere Medikamentenpreise für die USA und droht mit Zöllen bis zu 250 Prozent. Kampflos aber will sich die Branche ihrem Schicksal nicht ergeben. Im Gegenzug will sie höhere Preise andernorts, auch in der Schweiz – und das trotz Rekordgewinnen und Millionenboni.

In Bundesbern sollen Roche, Novartis und Co. dieser Tage alle Hebel in Bewegung setzen, um staatlich festgelegte Preise erhöhen lassen zu können. «Sinken die Margen, steigt das Risiko, dass weniger in die Forschung investiert wird», betonte Interpharma-Geschäftsführer René Buholzer etwa in der «Samstagsrundschau» von Radio SRF. Letztlich drohten Forschung und Produktion abzuwandern – und damit wichtige Steuerzahler.

Als Beispiel nannte Buholzer das Kostenfolgemodell, mit dem der Bund Medikamente über Mengenrabatte verbilligen will. Der Prämienzahler würde um rund 400 Millionen Franken entlastet. Die Pharmabranche aber würde das Modell gerne aussetzen lassen.

«Machtkampf» zwischen Baume-Schneider und Parmelin?

Lieber als die Preise stellt der Interessenverband denn auch die Versorgungssicherheit in den Vordergrund. Bereits würden Firmen hierzulande immer weniger Produkte lancieren. Roche zog sogar ein Krebsmedikament zurück, weil das Bundesamt für Gesundheit (BAG) einen zu hohen Preisnachlass verlangt hätte. Der Bundesrat sei daher aufgefordert, die Wettbewerbsfähigkeit zu verbessern. Notfalls auch auf Kosten der Prämienzahler.

Um auf ihre Anliegen aufmerksam zu machen, trafen sich Pharmavertreter Mitte August mit Gesundheitsministerin Elisabeth Baume-Schneider (61, SP) und Wirtschaftsminister Guy Parmelin (65, SVP). Das Powerplay soll den Bund ins Dilemma stürzen, wie mit dem Thema betraute Personen erzählen. Die beiden Departemente würden unterschiedliche Strategien verfolgen. Gar von einem «Machtkampf» ist die Rede.

Auf konkrete Anfragen geht das Wirtschaftsdepartement nicht ein. Es belässt es bei der Floskel, eine Verbesserung allgemeiner Standortbedingungen sei der zielführendste Weg, um die Wettbewerbsfähigkeit der Schweizer Wirtschaft zu erhalten. Der Bundesrat hat denn auch bereits entschieden, die Anstrengungen zur Stärkung des Wirtschaftsstandorts Schweiz zu intensivieren. Aus der Verwaltung hingegen ist zu hören, Parmelins Staatssekretariat für Wirtschaft (Seco) mache bereits Druck im Sinne der Pharmabranche.

Das BAG wehrt sich

Das BAG aber scheint sich dagegenzustemmen. Es zeigt sich nur bereit, Abläufe bei Forschung oder bei der Einführung neuer Medikamente zu vereinfachen. Preiserhöhungen aber wolle es auf jeden Fall vermeiden. Schliesslich habe die Schweiz bereits die höchsten Preise und Kosten in Europa, betont das Amt gegenüber Blick. «Pauschale Preiserhöhungen aufgrund des Preisdrucks aus den USA würden unmittelbar zu höheren Prämien führen.»

Solche Standortpolitik bedeute letztlich, dass Schweizer Prämienzahler die Pharma subventionieren würden, heisst es aus dem Innendepartement hinter vorgehaltener Hand. «Dabei sind die Prämien schon heute die Nummer 1 auf dem Sorgenbarometer der Bevölkerung.» Dass Interpharma drohe, dass neue Medikamente hier nicht lanciert werden könnten, scheint bei den Gesundheitsbeamten daher gar nicht gut anzukommen.

Branche sieht Standort Schweiz in Gefahr

Auch im Parlament wird das Lobbying wahrgenommen. Kritiker bemängeln, die Pharmabranche versuche den Zollstreit mit Trump zu nutzen, um alte Forderungen nach weniger Regulierung doch noch durchzubringen: «Leidtragende sind wir Versicherten.» Mehr Unterstützung zeigt sich im Parlament auf bürgerlicher Seite. Das BAG rechne für die anstehende Herbstsession denn auch bereits mit Vorstössen im Sinne der Pharmabranche, ist zu hören.

Die Branche sieht das anders: Die Hälfte der Gesundheitskosten werde über Steuermittel finanziert. «Und die Pharma ist mit Abstand grösster Steuerzahler», so Interpharma-Chef Buholzer. Es sei entscheidend, die Konzerne im Land halten zu können. Das BAG dürfe sich nicht auf Medikamentenpreise fixieren. Die Produktion verlagere sich sonst zunehmend. «Der Standort Schweiz erodiert weiter», warnt Buholzer. «Wir müssen jetzt handeln.»

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