Darum gehts
- Neue Tarifstruktur bedroht Physiotherapie in der Schweiz, sagt CEO Helbling
- Geplante 5-Minuten-Tarife könnten Bruttoumsatz auf unter 100 CHF senken
- Petition Faire Physiotarife hat über 19'000 Unterschriften gegen die neue Regelung gesammelt
Längere Wartezeiten für eine Physiotherapie, Versorgungslücken in ländlichen Gegenden und verstärkter Fachkräftemangel: Alexandra Helbling (55), CEO von Physiozentrum, sieht schwarz für die Zukunft ihrer Branche. «Es geht hier um die Versorgungssicherheit für die Schweizer Bevölkerung», sagt sie. Das Physiozentrum ist mit 32 Standorten und 400 Mitarbeitenden der grösste Physio-Anbieter in der Schweiz.
Grund für Helblings Warnungen ist die neue Tarifstruktur, die der Verband Physioswiss mit den Tarifpartnern kürzlich beim Bundesamt für Gesundheit (BAG) eingereicht hat. Das Grundgerüst des heutigen Tarifvertrags ist seit rund 30 Jahren unverändert – nach langem Ringen haben sich Physioswiss, der Spitalverband H+ und Prio Swiss, der Verband der Schweizer Krankenversicherer, nun auf ein komplett neues System geeinigt.
Vom Pauschaltarif zum Fünf-Minuten-Takt
Die Tarifstruktur definiert, wie zeitaufwendig und anspruchsvoll eine Leistung ist. Dies wird dann in sogenannten Taxpunkten pro Leistung festgehalten – damit ist vorgegeben, wie hoch eine Leistung vergütet wird. Geplant ist der Wechsel von pauschalen Therapietarifen zu einem zeitbasierten Einzelleistungstarif. Der Kern der neuen Struktur: Bisher gab es für eine 30-minütige Sitzung im Schnitt eine Pauschale – neu soll die Abrechnung in 5-Minuten-Einheiten erfolgen.
Für Helbling ist klar: «Die eingereichte Struktur ist für einen Grossteil der Branche eine absolute Katastrophe.» Der Bruttoumsatz pro Stunde würde unter 100 Franken sinken – zu solchen Tarifen könne keine qualitative Physiotherapie betrieben werden. «Die neue Struktur ist existenzgefährdend für fast die Hälfte der Physiobehandlungen. Das ist nicht im Interesse der Patientinnen und Patienten.»
Die Branche begehrt auf
Kurz nachdem Physioswiss die neue Struktur präsentiert hatte, regte sich denn auch Widerstand in der Branche. Die Petition Faire Physiotarife hat bereits über 19'000 Unterschriften gesammelt. Sie fordert einen Bruttoumsatz von 140 Franken pro Stunde. «Während eine längst überfällige Tariferhöhung in der Schwebe hängt, bringt die soeben bekannt gewordene neue Tarifstruktur zusätzlichen Kostendruck», heisst es auf der Website.
Das Problem an der neuen Struktur: Der Tarif bestrafe sogenannte Organisationen der Physiotherapie (OPD), die heute fast die Hälfte des Umsatzes machen. Die OPD sind oftmals grössere Praxen, die für ihre Therapien eigene Infrastruktur haben und evidenzbasierte Therapien durchführen. «Der Markt der grossen Praxen ist in den letzten Jahren stark gewachsen», so Helbling. Die Qualität sei hoch, es werde nicht übermässig lange therapiert. Künftig werde man für diese Effizienz bestraft, weil es keinen Pauschal-, sondern einen Zeittarif gebe.
Für eine klassische halbstündige Behandlung erhalte man heute 48 Taxpunkte, künftig seien es nur noch 44. «Der Anreiz ist vollkommen verkehrt: Künftig würde man belohnt, wenn man die Behandlung in die Länge zieht», sagt Helbling.
Verband startet eigene Kampagne
«Wir verstehen, dass einzelne Mitglieder die Auswirkungen auf ihre Praxis kritisch beurteilen», schreibt der Verband Physioswiss auf Anfrage. Entscheidend sei jedoch, dass man für die gesamte Branche mit der neuen Tarifstruktur eine datenbasierte und sachgerechte Grundlage geschaffen habe. «Ein Grossteil der Physiotherapeutinnen und Physiotherapeuten fährt mit der neuen Struktur gleich oder besser. Gleichzeitig musste sie die gesetzlichen Vorgaben erfüllen, insbesondere die politische Vorgabe der Kostenneutralität.»
Der Verband betont: Das Beispiel der halbstündigen Behandlung sei unvollständig. Die heutige Pauschale decke nicht nur die Behandlungszeit, sondern die gesamte Zeit ab, die für einen Patienten anfalle – also zum Beispiel auch die Büroarbeit. Mit der neuen Struktur würden die Leistungen über zwei unterschiedliche Positionen finanziert.
Laut Helbling hilft dies aber nicht. «Im Sinne einer gesicherten Versorgung der Bevölkerung mit Physiotherapie-Leistungen dürfen wir den Fachkräftemangel nicht noch weiter verschärfen, indem wir hoch qualifizierte Physiotherapeutinnen mit administrativen Aufgaben binden.» Die therapeutische Kompetenz gehöre an den Patienten. Administrative Tätigkeiten könnten und sollten gezielt durch Praxisassistentinnen übernommen werden.
Kommt es zur Verbandsabspaltung?
Dass es in der Branche finanziell eng ist, bestreitet aber auch der Verband nicht, im Gegenteil. Physioswiss hat kürzlich eine eigene Kampagne gestartet, mit der auf die «Diskrepanz zwischen den Leistungen unserer Branche und der dafür bezahlten Tarife» aufmerksam gemacht werden soll.
Derzeit läuft zur neuen Tarifstruktur das Verfahren beim BAG. Falls dieses die Tarifstruktur genehmigt, könnte sie frühstens per Anfang 2027 eingeführt werden. Doch die Nerven bei vielen Praxen liegen blank, der Ärger ist gross. Mithilfe der Petition hofft man, dass die Perspektive der OPD doch noch erhört und in die Verhandlungen involviert wird.
In der Branche kursiert das Gerücht, dass es bald zu einer Abspaltung der grossen Praxen vom Physioverband kommen könnte – sie würden sich zu einem eigenen Verband zusammenschliessen und einen eigenen Tarifvertrag fordern. «Wir behalten uns alle Möglichkeiten offen und klären derzeit mit einer Umfrage die Bedürfnisse der Physiotherapeuten und Physiotherapeutinnen ab», sagt Helbling dazu.