Fertig Freiräume?
In den Kleinstädten fehlt es im Sommer an Platz für alle

Im Sommer werden die öffentlichen Freiräume zu Spannungsfeldern auf engstem Raum. Gleichzeitig buhlen Kleinstädte mit City-Managern und Standortförderung um Attraktivität. Verschwinden konsumfreie Orte dadurch still von der Bildfläche?
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Die Schweizer Kleinstädte wollen attraktiver werden. Was macht das mit dem öffentlichen Raum?
Foto: Keystone

Darum gehts

KI-generiert, redaktionell geprüft
  • Kleinstädte wie Olten und Aarau kämpfen um Attraktivität und Freiräume im Sommer
  • Spannungen wachsen durch Verdichtung, Drogenprobleme und begrenzte Mittel für Entwicklung
  • Aargau plant ab 2027 neue Drogenpolitik, Olten setzt auf Gassenarbeit
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Joschka SchaffnerRedaktor Politik

Sommer, Sonne, Sonnenschein – und ganz viele Menschen. In keiner anderen Jahreszeit ist der Freiraum so präsent wie in der wärmsten. Wenn die Temperaturen steigen, füllen sich die Innenstädte. Buvetten, Märkte und Festivals verlocken zum Konsum.

Besonders in den Kleinstädten wird dies zum Brennpunkt: Je attraktiver sie werden und der öffentliche Raum gestaltet wird, desto stärker stellt sich eine unbequeme Frage: Wem gehört dieser Raum eigentlich noch? Und wird der Platz für alle immer enger?

Der Kampf um die Attraktivität

Laut Christian Reutlinger (55), Experte für Stadt- und Sozialraumentwicklung, birgt der öffentliche Raum in den Kleinstädten gehörig Konfliktpotenzial. «Die Freiräume gibt es zwar weiterhin, aber sie sind oft weniger offen als früher», so der Professor der Fachhochschule Nordwestschweiz (FHNW). Das führt zu Spannungen – und unter Umständen auch dazu, dass besonders Randständige aus dem öffentlichen Raum verdrängt werden.

Im Mittelland – zwischen Bern, Basel und Zürich – zeigen sich diese Spannungen beispielhaft. So etwa in Olten SO: Die Kleinstadt im Mittelland ist vor allem bekannt als Ort für Pendlerinnen und Pendler – und Ziel für schlechte Witze. Die grösste Gemeinde des Kantons Solothurn kämpft seit Jahren an verschiedenen Fronten: schleppende Stadtentwicklung, hohe Kriminalität, schwindendes Gewerbe.

Zugleich hat die Stadt grosse Pläne: Aufgrund ihrer attraktiven Lage setzt Olten darauf, zu den Profiteuren der Wohnungsnot in den urbanen Zentren zu werden. Bereits 2013 wurde ein Teil der Innenstadt autofrei, vor vier Jahren wurde auch der Gehweg am Flussufer zwischen dem Bahnhof und der historischen Holzbrücke generalüberholt.

Die Kleinen haben nur beschränkte Mittel

Kaum zehn Kilometer weiter: Aarau. Die Städte verbindet mehr als nur die Aare. Auch die Aargauer Kantonshauptstadt will sich für die Pendlerinnen und Pendler attraktiv zeigen – und wurde letztes Jahr in einer UBS-Studie gar zur attraktivsten Wohngemeinde im Grossraum Zürich gekürt.

Im Sommer zeigt sich an beiden Orten ein ähnliches Bild: An den öffentlichen Orten und am Flussufer reiht sich die Saison-Gastronomie auf. Und regelmässig werden die freien Flächen etwa durch Streetfood-Festivals oder Spezialmärkte aufgewertet.

In den aufstrebenden Kleinstädten ist das die Regel – sie stecken alle im selben Dilemma: Das Lädeli-Sterben schreitet fort, die Konkurrenz ist gross. Während die Grossen ihre Innenstädte mit viel Geld, Personal und politischem Willen zurechtplanen, müssen die Kleinen mit beschränkten Mitteln wachsen.

Wohin mit den Randständigen?

Das Zauberwort: Standortattraktivität. Nicht überraschend setzen sowohl Aarau als auch Olten mittlerweile auf das sogenannte City-Management. Damit soll die Lebensqualität – und besonders das Gewerbe – in den Innenstädten wieder angekurbelt werden.

Mit dem Wachstum und der Standortförderung kommen jedoch auch die Probleme: Zum einen treffen durch die Verdichtung die Bedürfnisse der Bevölkerung auf engerem Raum zusammen. Zum anderen sorgt die zunehmende Zentrumsfunktion auch dazu, dass sich der steigende Drogenkonsum in die Agglomeration verlegt.

Die Kleinstädte landen dadurch laut Reutlinger in einem Dauerkonflikt zwischen öffentlicher Sicherheit, Lebensqualität und Platz für alle: «Die Gemeinden reagieren darauf oftmals mit mehr Regeln.» Die Freiräume würden dadurch stärker gestaltet – und seien nicht mehr für alle gleich nutzbar, so Reutlinger. «Diese Verdrängung löst das Problem nicht. Es verschiebt sich einfach an einen anderen Ort – oft weniger sichtbar.»

Der Aargau hat Lücken in der Drogenpolitik

Der Umgang mit den Randständigen ist in Olten und Aarau politischer Dauerbrenner. Nicht selten macht sich dabei auch das Gewerbe stark, den «Störfaktor» zu beheben. In der Innenstadt sei das Thema jedoch aktuell nicht relevant, teilt die Aarauer City-Managerin Romana Waller (44) auf Anfrage mit. «Visuell ist es insbesondere am Bahnhof präsent.»

Bisher setzten der Aargau und seine Hauptstadt dabei vor allem auf Repressionen und Aufwertungen. Denn im Kanton fehlt eine gesetzliche Grundlage für eine sogenannte Schadensminderung in der Drogenpolitik – also um etwa Aufenthaltsräume für Suchtkranke nachhaltig zu finanzieren. Erst letztes Jahr teilte der Aargauer Regierungsrat mit, dies ab 2027 endlich ändern zu wollen.

Gassenarbeit statt Sicherheit um jeden Preis

Ganz anders zeigt es sich auf der anderen Seite der Kantonsgrenze: Statt auf Sicherheit setzt Olten mittlerweile auf Gassenarbeit und Konsumationsräume. «Dadurch können soziale Spannungen zwischen unterschiedlichen Nutzerinnen- und Nutzergruppen reduziert werden», teilt die zuständige Suchthilfe Ost auf Anfrage mit. Und: Man stehe auch Gewerbebetreibenden als Ansprechpartnerin zur Verfügung, wenn diese Herausforderungen im öffentlichen Raum zu bewältigen hätten.

Dem Oltner Weg pflichtet auch Experte Reutlinger bei: «Wenn man stärker sozial arbeitet, versucht man eher, Spannungen zu entschärfen und Wege zu finden, wie verschiedene Nutzungen nebeneinander möglich sind.» Dennoch: Ganz ohne Nebenwirkungen gehe es selten.

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