Darum gehts
- Hitzesommer 2026: Schweiz erlebt heissesten Sommer seit Beginn der Messungen
- Nur 12,5 % der Hotels haben Klimaanlagen, viele rüsten nach
- Logiernächte 2026: Rückgang um 1 %, Schweizer Gästeanteil gestiegen
Herr Nydegger, der Hitzesommer 2026 ist der heisseste seit Messbeginn. Schiffe konnten teilweise nicht mehr fahren, Gletscher schmelzen schneller als bisher. Ist die Bilderbuch-Schweiz in Gefahr?
Martin Nydegger: Der Klimawandel wird den Tourismus verändern. Tourismus findet meist draussen statt. Manche tiefer liegende Skigebiete werden umdisponieren oder gar schliessen, und auch der Sommertourismus wird sich verändern. Ein schöner, warmer Sommer ist grossartig, aber zu heiss und trocken ist für niemanden gut. Die Schweiz bietet immerhin viele natürliche Klimaanlagen: Sommerfrische in den Bergen und Abkühlung in Flüssen und Seen.
Zum Teil gibts auch in den Bergen keine Sommerfrische mehr. Das Hotel Palace in Gstaad muss Klimaanlagen einbauen, weil es im Berner Oberland zu heiss wird.
Niemand will nachts im heissen Zimmer schlafen. Heute hat in der Schweiz jedes achte Hotel eine Klimaanlage, in den Städten ist es sogar jedes zweite. Viele Hotels werden nachrüsten.
Für die Schweizer Klimabilanz wären weniger Touristen, die mit dem Flugzeug kommen, perfekt.
Ja – und vollkommen unrealistisch, denn Amerikaner, Chinesen, Inder und Japaner wollen auch künftig die Schweiz besuchen, so wie wir im Winter auch gerne nach Asien oder in die Karibik fliegen. Es geht doch darum, was wir konkret in der Schweiz ändern können.
Was können Sie ändern?
Es geht um Vermeidungs- und Anpassungsstrategien. Bei der Vermeidungsstrategie steht das Verhalten der Gäste vor Ort im Fokus. Sobald die Gäste in der Schweiz landen, sollen sie den ökologischen Fussabdruck am Boden minimal halten. Mit dem ÖV gelingt uns das ganz gut – so vermeiden wir zusätzliches CO2. Die Anpassungsstrategie bedeutet, wie wir auf den Klimawandel reagieren. Beispiel: Einige der niedrig gelegenen Skigebiete stellen auf Ganzjahresangebote um und setzen verstärkt auf Wanderer und E-Bikes. In warmen Sommer verlagert sich ein Teil des Geschäfts in den Herbst.
Wie war die Sommersaison 2026 in Zahlen? Trumps Krieg gegen den Iran hat den Flugverkehr im Mittleren Osten lahmgelegt.
Wir waren im Frühling sehr nervös. Heute zeigt die Prognose für 2026: Wir landen bei einem leichten Minus von rund –1 Prozent bei den Logiernächten. Europa, Amerika und der Binnenmarkt haben die Verluste gut abgefedert. Der Anteil der Schweizer Gäste nimmt sogar wieder zu. Deutlich eingebrochen sind die Zahlen aus dem arabischen Raum und Teilen Asiens – bei den Indern etwa geht jede zweite Buchung über ein Drehkreuz im Mittleren Osten. Wenn da die Flüge fehlen, spürt man das sofort.
Über weniger Touristen werden sich viele in der Schweiz freuen, Stichwort: Dichtestress!
Sich über weniger wirtschaftlichen Erfolg zu freuen, halte ich für gefährlich. Klar: Wenn Sie nach Interlaken im Sommer gehen, ist es recht voll. Aber gehen Sie ins Glarnerland oder ins Unterengadin – da ist die Schweiz nicht voll! Ein paar wenige Hotspots sind extrem frequentiert, aber das Gros der Schweiz sucht nach Gästen. Graubünden hat eine Hotelauslastung von unter 40 Prozent. Wir haben über das ganze Jahr gesehen schweizweit eine durchschnittliche Hotelauslastung von 50 Prozent.
Trotzdem sind viele Schweizer genervt, wenn die Postautos voll sind und Inder mit grossen Koffern im Zug nach Interlaken die Gänge blockieren.
Dichtestress ist ein persönliches Empfinden. Und das Empfinden ist anders, wenn jemand aus einem fremden Kulturkreis kommt. Die meisten Touristen in der Schweiz sind Schweizer. Danach kommen Deutsche und Amerikaner. Fallen uns die im Zug auf? Nein. Wenn die SBB voll sind und im falschen Moment ein Tourist aus Fernost mit seinem Koffer den Sitzplatz belegt, ist er nicht der Auslöser der Überlastung – aber er ist der Tropfen, der das Fass bei einer ohnehin gereizten Person zum Überlaufen bringt.
Müssen die Reiseführer besser werden? Ich informiere mich doch auch, wie man sich in einem japanischen Zug benimmt.
Wir haben eine «Travel mit Care»-Kampagne lanciert, denn für gesunden Tourismus braucht es einen Lebensraum, der für die einheimische Bevölkerung attraktiv ist. Sie richtet sich primär an Touristen aus den Fernmärkten. Es geht etwa darum, dass man im Zug nicht mit Lautsprecher telefoniert, sondern die Kopfhörer benutzt. Dass wir Müll nicht einfach wegschmeissen, sondern auf einer Wanderung mitnehmen. Die allerwenigsten benehmen sich absichtlich daneben, oft fehlt es an Wissen. Wenn Sie jemanden höflich bitten, Kopfhörer zu benutzen, funktioniert das problemlos.
Mallorca steuert um: Die Insel will weniger Masse, mehr zahlungsfreudige Klasse. Hat die Schweiz wirklich etwas davon, wenn chinesische Touristen über die Luzerner Kapellbrücke geschubst werden?
Wir wollen keine Busgäste, die nur durchrauschen und nichts ausgeben. Wir fördern das auch nicht mit unserem Werbebudget. Wir können es nicht verbieten, lenken aber aktiv dagegen. Unsere Partner in Luzern machen einen super Job und haben mit der Haltegebühr für Reisebusse erreicht, dass sich die Situation entspannt. Am Schwanenplatz hat sich die Zahl der Busbewegungen seit Einführung der Massnahmen halbiert.
Warum lehnen Sie Eintrittsgelder wie in Venedig ab?
Die Massnahmen in Venedig bringen nichts. Es gibt deswegen nicht weniger Touristen. Geld zu verlangen ohne Gegenleistung, ist Blödsinn. Die Schweiz macht das besser. Schauen Sie nach Iseltwald. Wegen einer südkoreanischen TV-Serie strömten dort viele Touristen hin. Dann kam ein Drehkreuz, und es wurde klar kommuniziert: Mit den 5 Franken pro Besucher halten wir den Steg sauber und bauen Toiletten und Parkplätze. Der Oeschinensee machts auch klug: Hier wird der Besucherstrom mit einem topmodernen System digital reguliert.
Das Jahr 2026 brachte für den Schweizer Tourismus Negativ-Schlagzeilen, Stichwort: Crans-Montana mit 44 Toten, der Postauto-Vorfall in Kerzers mit sechs Toten und das Seilbahnunglück in Engelberg mit einer Toten. Ist das Vertrauen in die sichere Schweiz beschädigt?
Nein. Das sind furchtbare Tragödien, die uns tief treffen. Aber das Image der Schweiz ist über Jahrzehnte so stark auf Verlässlichkeit aufgebaut, dass wir diesen Image-Schaden aushalten. Wir lernen aus solchen Katastrophen. Die Touristen wissen, dass es schreckliche Ausnahmen sind und die Schweiz ansonsten sehr sicher ist.
Sie erhalten jedes Jahr 58 Millionen Franken Subventionen vom Steuerzahler …
Bald nicht mehr, wir müssen 7 Millionen Franken einsparen.
Trotzdem: Von Ihrer Arbeit profitieren auch katarische und US-amerikanische Investoren. Warum soll der Schweizer Steuerzahler, der ohnehin weniger Touristen will, das bezahlen?
Tourismus ist ein sehr gutes Investment in der Schweiz. 1 Franken Investment in Schweiz Tourismus bringt der Schweizer Volkswirtschaft am Ende 28 Franken Wertschöpfung. Wenn Sie jetzt auf den Bürgenstock anspielen, der Katar gehört: Natürlich hätte ich es gut gefunden, wenn ein Schweizer Investor den Bürgenstock gekauft hätte. Ohne ausländisches Investment gäbe es aber vielerorts weniger Angebotsvielfalt, Infrastruktur und Arbeitsplätze. Übrigens gibt es durchaus Schweizer, die in Tourismus investieren – etwa Stefano Artioli in San Bernardino, Jan Schoch in Appenzell, Peter Spuhler beim Hotel Florhof in Zürich oder die Gemeinde Laax, die ihre Seilbahnen übernommen hat.
Braucht der Schweizer Tourismus mehr Patriotismus?
Unbedingt! Es ist schön, wenn einheimisches Kapital in Heimatliebe investiert wird und dem Land so etwas zurückgegeben wird. Es heisst immer, in Gastronomie und Tourismus seien die Gewinnmargen zu klein. Das stimmt vielleicht im Vergleich mit anderen Investments – aber so klein sind sie dann auch nicht, dass es sich nicht lohnt.
Verstehen Sie Herr und Frau Schweizer, die sich ärgern, wenn sie nur noch auf Hochdeutsch oder Englisch bedient werden?
Natürlich verstehe ich das. Aber wir schicken unseren eigenen Nachwuchs eben immer seltener in die Tourismus- oder Hospitality-Branche. Und viele ausländische Arbeitskräfte machen einen super Job, sind freundlich und fachkundig. Ohne Saisonniers und Migranten müssten viele Hotels und Restaurants in der Schweiz schliessen. Das ist die Realität, und ich bin allen dankbar, die von morgens bis abends secklen, damit wir zufriedenstellende Gastfreundschaft bieten können.
Hand aufs Herz: Braucht es Schweiz Tourismus überhaupt? Die Touristen würden doch auch ohne Sie nach Zermatt kommen.
Und nach Grindelwald und zu den Instagram-Hotspots (lacht). Im Ernst: Wir sorgen aktiv dafür, dass Influencer, die wir ins Land holen, eben nicht das hundertste Foto vom Matterhorn machen, sondern zum Beispiel auch in die Ostschweiz reisen. Erst kürzlich hatten wir Inder in St. Gallen. Die haben die Stiftsbibliothek und den Appenzeller Käse in die Welt hinausgetragen. Die Bilderbuchschweiz gibts überall, nicht nur am Matterhorn.
Werden Sie wegen des Sparprogramms des Bundes Leute entlassen?
Bislang nicht. Wir haben seit zwei Jahren faktisch einen Einstellungsstopp und ersetzen Abgänge nur in seltenen Fällen. Wir prüfen aber unser Portfolio an Auslandsvertretungen sowie die Preise unserer Dienstleistungen für Partner.
Aussenminister Cassis hat früher gesagt, Roger Feder sei der beste Botschafter der Schweiz. Können Sie sich ihn auch künftig für Ihre Kampagne leisten?
Roger Federer hat fantastische Arbeit geleistet, wir sind ihm extrem dankbar. Er selbst hat übrigens kein Honorar kassiert – dieses ging direkt an seine Stiftung. Für die globale Ausspielung und Produktion der anstehenden Leuchtturmkampagne arbeiten wir aber nicht mit Roger Federer. Das hat nichts mit der Finanzierung zu tun, sondern mit einer Neuausrichtung unserer Kampagnen. In Kürze startet die neue Herbstkampagne.
Wenn Geld nicht das Problem ist: Warum verzichten Sie auf den Sympathieträger Roger Federer?
Wie gesagt, es handelt sich um eine Neuausrichtung. Nach fünf Jahren mit Roger Federer in unserer Hauptkampagne wollen wir dieses Jahr etwas Neues und Überraschendes machen. Das bedeutet nicht, dass wir gar nicht mehr mit Roger Federer arbeiten werden.
Zum Schluss: Wird der Herbst der neue Sommer?
Ich bin sicher, dass die Herbstnachfrage massiv zunehmen wird. Der Herbst wird klimatisch bedingt trockener, sonniger, wärmer und länger. Ich persönlich liebe den Herbst. Im Sommer kann man nur Salat essen. Den echten Soulfood – Kürbissuppe, Wild, Ernteküche – gibts nur im Herbst.