Das Toggenburg zeigt sich am Tag eins nach dem Parmelin-Rücktritt von seiner schönsten Seite: Sonne, Blick auf die Churfirsten, Poskarten-Idylle. Im Landgasthof «Haus der Freiheit», den Ex-SVP-Chef Toni Brunner (52) und Ständerätin Esther Friedli (49) in Ebnat-Kappel SG zusammen betreiben, warten rund 100 Leute auf den Sessionsrückblick. 60 Männer, 40 Frauen, die meisten im Pensionsalter. Es ist kurz nach 10 Uhr, nur wenige trinken Bier, die meisten Wasser, Saft oder Kaffee.
Esther Friedli trägt Turnschuhe aus den USA
Esther Friedli gibt sich betont unaufgeregt. Sie trägt Jeans, Brooks-Turnschuhe aus den USA und ein blaues Langarmshirt mit Lochstrickmuster. Innerrhoder Sänger geben dem Morgen den nötigen Pathos. Friedli steht auf der Bühne, Ehemann Brunner steht hinten an der Kaffeemaschine, klatscht laut, heizt ein. Später verschwindet er mit dem Chörli.
Wer sich im Gasthof umschaut, sieht nicht nur Gemütlichkeit. «Schützet die Heimat!» steht auf einem historischen Plakat von 1936, das für Wehranleihen wirbt – Teil der Landesverteidigung gegen die Bedrohung durch Hitler. Später schimpft Friedli mehrmals auf Berlin. Syrer, die mittlerweile einen deutschen Pass besitzen, könnten «mit der halben Verwandtschaft» in die Schweiz kommen, behauptet sie.
Christoph Blochers Favoritin
Offiziell handelt es sich bei dem Anlass um einen schlichten Sessionsrückblick. Der Rücktritt von Bundespräsident Guy Parmelin (66) auf Ende Jahr hingegen hat das Kandidaten-Orakel eröffnet. Friedli gilt als Favoritin der Deutschschweizer SVP. Sie wäre für die SVP berechenbarer als ihre Genfer Konkurrentin Céline Amaudruz (47), die – entgegen der Parteilinie – für die 13. AHV stimmte und öfter vom SVP-Kurs abweicht. Und gmögiger als die Zürcher Regierungsrätin Natalie Rickli (49), die weiter weg von Bern und der dortigen Bundeshausfraktion ist.
In Bern erzählt man sich schon länger, dass Friedli die Favoritin von Christoph Blocher (85) sei. Die Bande ins Toggenburg sind historisch gewachsen: Als der Toggenburger Bauernsohn Toni Brunner 1995 im Alter von nur 21 Jahren als damals jüngster Nationalrat nach Bern gewählt wurde, nahm ihn Blocher unter seine Fittiche, später wurde Brunner Parteichef.
Sie vermeidet den Begriff «Kolonialvertrag»
Nun ist es Friedli, die im Zentrum der Machtfantasien steht. Aber die Methode Friedli passt nicht allen. Manche in der Partei nehmen ihr übel, dass sie sich nicht für die gescheiterte Neutralitätsinitiative ins Zeug gelegt hat. Andere finden, ihr Auftreten sei zu konziliant. Am Samstagmorgen kritisiert sie die Bilateralen III, vermeidet aber den Begriff «Kolonialvertrag». Vielleicht, weil die Politologin, die unter anderem in Dänemark studiert hat, weiss, dass sie damit in EU-freundlichen Kreisen punkten kann.
Für andere wiederum bleibt Friedli eine politische Konvertitin. Die Berner Katholikin begann bei der jungen CVP. Sie arbeitete beim damaligen SRG-Gewächs «Radio Schweiz International». Später war sie für die Agenturen Farner und Mediapolis in Bern tätig, bevor sie Generalsekretärin im Bildungsdepartement von St. Gallen wurde. Friedlis Verteidiger verweisen auf ihren politischen Erfolg: 2019 zog sie in den Nationalrat ein, ehe sie als erste Frau in der Geschichte der SVP den Sprung in den Ständerat schaffte – und der Partei damit erstmals überhaupt einen Ständeratssitz im Kanton St. Gallen bescherte.
«Esther ist kein Poltergeist»
Unter den Anwesenden ist ein bekennender GLP-Wähler. Er sagt, er habe wegen Esther Friedli zum ersten Mal SVP gewählt: «Esther ist kein Poltergeist. Sie ist nicht populistisch. Sie kann zuhören, auf die Menschen eingehen.»
Esther Friedli steht auf der Bühne und sagt, wie sie als Ständerätin arbeite. Sie wolle etwas bewegen, verändern, lote Mehrheiten aus. Was sie nicht sagt: Genau das sind Fähigkeiten, die als Bundesrätin gefragt sind. Und dann fällt dieser eine Satz, auf den alle gewartet haben: «Ich bin parat.» Wieder macht Friedli eine Kunstpause – und fügt später hinzu: «als Ständerätin». Ein Raunen geht durch den Raum. Sie blickt ins Publikum, lächelt verschmitzt und ergänzt: Es seien schliesslich Journalisten anwesend, nicht dass noch etwas falsch verstanden werde.
Erst mal gehts an die Olma
Will sie die Gasthaus-Idylle für das Bundesratszimmer aufgeben? Und wie gehts nun weiter? Friedli lässt sich nicht in die Karten schauen und verweist auf die Olma in St. Gallen, die am Donnerstag beginnt. Dort ist ihr Gasthof in der Halle 4 präsent.
Auch Ehemann Toni Brunner will kein Interview geben. Gut gelaunt plaudert er über die Schönheit der Heimat: «Hier haben wir sieben Churfirsten mit Rückgrat – in Bern hats oft Nebel und kein Rückgrat.» Eine Spitze gegen den siebenköpfigen Gesamtbundesrat. Auf die Frage, ob er glaube, das Bundesratsamt mache glücklich, sagt Brunner vielsagend: «Das Toggenburg macht glücklich.»