Es drohen Nutzungseinschränkungen
Nach der Munitions-Räumung wirds schlimmer als vorher

Trotz Milliarden-Sanierung des ehemaligen Munitionslagers Mitholz könnten nach der Räumung sogar mehr Einschränkungen für die Bodennutzung gelten als heute, warnt die Eidgenössische Finanzkontrolle. Im Parlament löst der Bericht der Bundesprüfstelle Kopfschütteln aus.
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In der Gemeinde Mitholz im Berner Oberland befand sich ein Munitionsdepot der Armee.
Foto: AFP

Darum gehts

KI-generiert, redaktionell geprüft
  • Munitionsräumung in Mitholz kostet 2,59 Milliarden Franken, dauert zehn Jahre
  • Trotz Räumung könnte es nachher mehr Einschränkungen geben als vorher
  • Munition ist tiefer begraben als gedacht und weiter verbreitet
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Daniel BallmerRedaktor Politik

So hat sich die Eidgenössische Finanzkontrolle (EFK) das nicht vorgestellt. Eigentlich ging sie davon aus, dass nach der Milliarden-Sanierung des ehemaligen Munitionslagers Mitholz im Berner Oberland die Gefahr grösstenteils gebannt ist. Damit sollten Einschränkungen der Bodennutzung wegfallen. Nun aber halten die obersten Kontrolleure des Bundes fest: Das Gegenteil ist der Fall!

Die Gefahr aus der Tiefe soll weg. Im Dezember 1947 war es im ehemaligen Armee-Munitionslager im Kandertal zu grossen Explosionen gekommen. Das Depot stürzte teilweise ein, mehrere Menschen starben, Dutzende Häuser wurden zerstört. Bis zu 3500 Tonnen Munition und einige 100 Tonnen Sprengstoff sollen begraben sein.

2018 zeigte eine Studie im Auftrag des Verteidigungsdepartements (VBS), dass die Risiken für Bevölkerung und Umwelt grösser sind als bisher angenommen. Satte 2,59 Milliarden Franken hat das Parlament bewilligt, um das Mitholz-Lager endgültig zu räumen. Das halbe Berner Dorf wird für zehn Jahre evakuiert.

Einschränkungen möglich, die es bisher nicht gab

Alt Bundesrätin Viola Amherd (63, Mitte) habe 2021 klare Projektziele festgelegt: Nach der Sanierung sollen Wohnen und Arbeiten wieder möglich sein, Landwirtschaft und Gewerbe wieder normal betrieben werden können. Diese Ziele seien im 2023 vom Parlament genehmigten Projektkredit ausgewiesen, betont die EFK in ihrem neuen Bericht.

Nur: Diese Ziele gelten so nicht mehr. Neue Bodenuntersuchungen hätten gezeigt, dass die Munition teilweise deutlich tiefer und weiter verteilt liege als angenommen. Sie soll so weit geräumt werden, dass die landwirtschaftliche Nutzung mit Gras- und Weidewirtschaft gefahrlos möglich ist. Eine vollständige Räumung erfolge nur, wo Bauten errichtet werden.

Heute könne die Munition bis rund 30 Zentimeter Tiefe zuverlässig erkannt und geräumt werden. Was tiefer liegt, bleibt. Denn für eine vollständige Räumung müsste das gesamte Gebiet teilweise mehrere Meter abgetragen, die schadstoffbelastete Erde ersetzt werden. So seien die Räumziele ein Kompromiss zwischen Kosten und Sicherheit, schreibt die EFK. Im Sinn der Sparsamkeit sei das grundsätzlich nachvollziehbar.

Die Sache hat allerdings einen Haken: Weil das Ausmass der Munitionsstreuung und des Schadenpotenzials vor dem Räumungsprojekt nicht bekannt war, gab es in Mitholz bisher auch keine formellen Nutzungseinschränkungen. Unglaublich aber wahr: Die Finanzkontrolle weist darauf hin, «dass nach der Räumung teilweise Einschränkungen möglich sind, welche es bisher nicht gab».

«Dies könnte für Unverständnis sorgen»

Das heisse etwa für den Bund, dass er extra für die Sanierung gekaufte Flächen später teilweise mit Nutzungseinschränkungen verkaufen muss – also wegen Wertminderung wohl zu einem tieferen Preis. Gleiches blüht jenen, die dem Bund Flächen im Baurecht abgegeben haben. Auch in nahen Waldstücken könnten nach der Räumung nicht mehr alle Flächen uneingeschränkt nutzbar sein.

Der EFK ist bewusst: «Dies könnte für Unverständnis sorgen, da man erwartungsgemäss davon ausgeht, dass eine Sanierung im Umfang von 2,59 Milliarden dazu führt, dass Einschränkungen ab- und nicht zunehmen», schreibt sie. In dem neu veröffentlichten Prüfbericht lässt das VBS die Bedenken unkommentiert.

Die Milliarden-Sanierung ist umstritten. Erst kürzlich forderte die SVP, diese gleich ganz zu stoppen und eine deutlich günstigere Alternative zu prüfen. Das VBS solle das Geld besser in die Verteidigungsfähigkeit stecken.

«Reine Schaumschlägerei»

Anders sieht das SVP-Nationalrat Ernst Wandfluh (49, BE), der selber im Kandertal lebt. Für ihn sind die Warnungen der EFK «reine Schaumschlägerei». Es sei schon lange klar, dass weggeräumt wird, «was mit vernünftigem Aufwand entfernt werden kann». So werde etwa im Siedlungsgebiet oder entlang von Strassen und Wanderwegen alles entfernt. Auch wenn jemand einen Stall bauen wolle, werde das auch künftig möglich sein.

GLP-Präsident Jürg Grossen (56, BE), auch er aus der Region, sieht das Mitholz-Projekt im Clinch zwischen jenen, die auch das letzte Gramm Sprengstoff entfernt sehen wollen, und jenen, die die Kosten so weit kürzen möchten, dass es einer Nicht-Räumung der 3500 Tonnen Munition gleichkäme: «Der pragmatische Weg des VBS dünkt mich hier vernünftig.»

Das Mitholz-Milliarden-Projekt dürfte noch jahrelang zu reden geben.

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