Einsprachen gegen Umsiedlungsprojekt
Es rumort in Brienz

Für die Umsiedlung des rutschgefährdeten Brienz im Bündner Albulatal stehen 82,5 Millionen Franken bereit. Doch zehn Betroffene wehren sich beim Kanton. Sie wollen höher entschädigt werden.
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Wegen des drohenden Bergsturzes wollen 42 Bewohner aus Brienz wegziehen.
Foto: Keystone

Darum gehts

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Andreas SchmidInlandredaktor

Die Situation hat sich entspannt. Dank eines 40 Millionen Franken teuren, gut zwei Kilometer langen Entwässerungstunnels scheint Brienz GR nicht mehr akut bedroht wie im Frühling 2023, als Geröllmassen nahe ans Dorf rutschten und die Bevölkerung evakuiert werden musste. Noch einmal geschah dies Ende 2024. Seit Anfang dieses Jahres sind ein Teil der rund 90 Bewohnerinnen und Bewohner zurück.

Trotz gebannter Gefahr wollen etwa die Hälfte wegziehen, die Ungewissheit und die Spannungen im Dorf zehren an den Nerven. 42 Betroffene haben ein Gesuch gestellt, um am Projekt «präventive Umsiedlung» teilzuhaben. Dieses sieht vor, wegzugswillige Bewohner von Brienz für Land und Liegenschaften zu entschädigen. 82,5 Millionen Franken hat die Gemeindeversammlung von Albula – Brienz ist Teil dieser Gemeinde – dafür gesprochen. 90 Prozent dieses Betrags übernehmen Bund und Kanton Graubünden. Der Rest wird nicht vergütet und geht zulasten der Eigentümer.

Freiwillige Beteiligung

Die Umsiedlung ist freiwillig, die Entschädigungen sollen den Wegziehenden ermöglichen, anderswo eine Wohnung zu mieten oder zu kaufen und neu anzufangen. Von den 42 Gesuchstellern haben nun aber zehn beim zuständigen kantonalen Departement für Infrastruktur, Energie und Mobilität von Regierungsrätin Carmelia Maissen (47, Mitte) Einsprache gegen das Projekt erhoben. Damit droht es zu scheitern.

Die Unzufriedenen verlangen, dass dem Vorhaben «die Bewilligung zu verweigern sei», weil der Entschädigungsschlüssel in verschiedener Hinsicht unzulässig sei. Blick liegt eine Einsprache vor. Diese moniert zum Beispiel, dass die Entschädigungen pauschal berechnet worden seien, was unzulässig sei. Denn im Einzelfall gebe es grosse Unterschiede in Bezug auf die Lage der Grundstücke und den Zustand der Liegenschaften.

Weiter sei die Beschränkung auf 90 Prozent Ausgleich für die anrechenbaren Kosten rechtlich nicht haltbar; und die Höhe der Entschädigungen sei aufgrund eines Gutachtens des kantonalen Amts für Immobilienbewirtschaftung statt anhand von neutralen Experten-Schätzungen festgelegt worden, so der Einwand.

Kritik an Verteilung

Diese Aspekte führten dazu, dass gewisse Grundstücke über dem Marktwert entschädigt würden und andere deutlich darunter, steht in der Eingabe. Deshalb könnten einige Betroffene keinen gleichwertigen Ersatz für die jetzige Liegenschaft beschaffen, während andere finanziell bessergestellt würden als heute.

Dies widerspreche den rechtlichen Grundsätzen, begründet die Anwaltskanzlei in der Einsprache. Sie macht einen mehrfachen Betrag des amtlich errechneten als angemessene Entschädigung für ihren Klienten geltend.

Das Projekt «präventive Umsiedlung» verfolge die Absicht, den Wegzugswilligen «innert nützlicher Frist Hilfe und Unterstützung» anzubieten, sagt Nadin Schnider, Sekretärin im Departement für Infrastruktur, Energie und Mobilität Graubünden. Die Umsiedlung sei fakultativ und nicht behördlich verfügt.

Stopp oder Neubeurteilung

Schnider bestätigt den Eingang von zehn Einsprachen beim Departement. Die Betroffenen beantragten, das Projekt nicht zu bewilligen oder zur Überarbeitung zurückzuweisen. Die Regierung entscheide über die Einsprachen. Zu den darin vorgebrachten Argumenten äussert sich Schnider nicht. Weil das Verfahren noch laufe, könne das Departement «aus rechtlichen Gründen keine Einschätzung abgeben».

Die beabsichtigte schnelle Unterstützung verhindern die Einsprachen bereits jetzt. Die Gemeinde Albula hat für die Stellungnahme dazu, die das kantonale Departement einfordert, um eine Fristerstreckung ersucht. Diese hat der Kanton bewilligt, sodass frühestens Mitte August eine erste Auslegeordnung erfolgt.

Belastung für Betroffene

Die Gemeindeversammlung von Albula – fast 1000 wären stimmberechtigt – hatte dem Kredit von 82,5 Millionen Franken für das Umsiedlungsprojekt äusserst deutlich zugestimmt: 41 Ja-Stimmen standen lediglich 3 Nein gegenüber. 5 Anwesende enthielten sich.

Dieses Verdikt zeigt für den Gemeindepräsidenten Daniel Albertin (55, Mitte), dass die Bevölkerung der gesamten, aus sieben Fraktionen bestehenden Gemeinde hinter der Bevölkerung in Brienz stehe. «Den Betroffenen bedeutet das sehr viel», sagt Albertin.

Doch die Gemeinde sieht sich nun mit den zehn Einsprachen konfrontiert. Den zentralen Einwänden, die durchschnittlich errechneten Entschädigungen führten zu unzulässigen Pauschalisierungen und das beauftragte kantonale Amt sei nicht neutral, widerspricht Albertin: «Sämtliche Grundlagen für das Projekt erarbeiteten unabhängige, anerkannte Experten.»

Viel Fachkenntnis erforderlich

Der Gemeindepräsident hält fest: Gutachten zu Werten von Liegenschaften erforderten Fachwissen, präzise Kenntnisse des lokalen Markts sowie Unabhängigkeit. «Diese Kriterien erfüllen die Fachleute des kantonalen Amts für Immobilienbewertung am besten, weshalb wir sie mit dem Gutachten beauftragten.» Nun werde aber die Bündner Regierung die Vorhalte prüfen und über die Einsprachen entscheiden, sagt Albertin.

Brienz profitiere vom Umzug von Bewohnerinnen und Bewohnern, indem die Gemeinde Albula den Boden als Landwirtschaftsland übernehmen könne, kritisieren Betroffene. Dieser Aussage widerspricht Albertin vehement: Das Gegenteil treffe zu, denn das komplexe Projekt binde in der Gemeinde seit Jahren viele Kapazitäten. Zudem gingen der Gemeinde Persönlichkeiten, Schülerinnen und Schüler und nicht zuletzt auch Steuerzahlende verloren.

Die Stimmung in Brienz ist seit der Rückkehr der Bewohnerinnen und Bewohner im vergangenen Februar gekippt. Da erfuhren sie, dass Evakuierungen in näherer und weiterer Zukunft nicht mehr wahrscheinlich würden. Dies, nachdem in den Monaten und Jahren zuvor stets im Raum gestanden hatte, ein Leben im Dorf sei nie mehr gefahrlos möglich.

Jetzt gibt es zwei Lager in Brienz. Die einen wollen, von der psychischen Belastung zermürbt, möglichst schnell weg. Die anderen möchten bleiben, wo sie sich zu Hause fühlen.

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