Darum gehts
- Behörden erklären Brienz GR für sicher, Umsiedlungsprojekt bleibt
- SVP-Lokalpolitiker kritisiert das Vorgehen der Behörden als «befremdlich»
- Rutschbewegungen auf 10–25 cm pro Jahr gesunken, niedrigster Wert seit 15 Jahren
Das Bergdorf ist offiziell nicht mehr evakuiert. Experten sehen keine Gefahr mehr für einen Bergsturz, die Rutschbewegungen sanken auf 10 bis 25 Zentimeter pro Jahr – den niedrigsten Wert seit 15 Jahren. Trotzdem halten die Behörden am Umsiedlungsprojekt fest. Der Bündner SVP-Grossrat Ronny Krättli (46) hat sich vor Ort ein Bild gemacht – und prangert diese Widersprüchlichkeit in einer Medienmitteilung öffentlich an.
Die Behörden sagen: Brienz ist sicher. Gleichzeitig bieten sie Geld für den Wegzug. Diese widersprüchliche Botschaft zerreisse das Dorf, so der Lokalpolitiker. «Menschen werden krank», klagt Krättli an. «Existenzen geraten ins Wanken.»
Druck zum Umzug
Für die nächsten Jahre gehen die Experten nicht mehr von langen Evakuierungsphasen aus. Gleichzeitig bieten die Behörden ein neues Anmeldefenster für die «präventive Umsiedlung» bis zum 9. März.
«Obwohl Brienz GR gemäss Geologen derzeit als sicher gilt», schreibt Krättli, sollen Unentschlossene innert vier Wochen eine neue Umsiedlungsvereinbarung unterzeichnen. Hauseigentümer, schreibt Krättli, würden «unter erheblichem Zeitdruck zu einer präventiven Umsiedlung gedrängt».
Gemeinde widerspricht
«Das Leben im Dorf ist sicher», betont Christian Gartmann, Medienverantwortlicher der Gemeinde Albula GR, zu der Brienz gehört, auf Anfrage. Die Evakuierung wäre sonst nicht aufgehoben worden. Denn: Es bestünden im Moment «keine» Hinweise für eine weitere Evakuierung, betont Gartmann.
Dass der auswärtige Lokalpolitiker – Krättli wohnt in Domat/Ems – scharfe Vorwürfe in die Öffentlichkeit trage, sorgt in der Gemeinde für Stirnrunzeln. «Wir verstehen nicht, warum der Politiker sich nicht mit der Gemeinde austauschte», sagt Gartmann.
Die Gemeinde Albula strebe nicht nach einfachen Lösungen, so Gartmann. Sondern: «Wir wollen für alle Bewohnerinnen und Bewohner eine möglichst gute Lösung – auf ihre Bedürfnisse zugeschnitten.» Wer sich nicht mehr sicher fühle, könne umziehen. Wer bleiben möchte, könne bleiben.
Von einem «erheblichen Zeitdruck» oder «Drängung» könne nicht die Rede sein, findet Gartmann. Wer sich für die «präventive» Umsiedlung anmelden wollte, hätte das bis im Herbst 2025 tun können. Weil nicht alle fristgerecht ihre Ambitionen meldeten, verlängerte die Gemeinde die Anmeldefrist bis März 2026. Auch in Anbetracht, dass sich die Situation im Dorf Brienz mit der Aufhebung der Evakuierung verbesserte.
«Die Brienzerinnen und Brienzer hatten genügend Zeit, sich mit der Umsiedlung zu befassen», findet Gartmann. Eine Frist sei nötig, weil die Behörden des Kantons und Bundes das gesamte Projekt behandeln müssten – und nicht tröpfchenweise.
Entschädigung «nicht transparent»?
Im Rundumschlag gegen die Gemeinde kritisiert der Bündner SVP-Politiker, dass die Entschädigung bei einer Umsiedlung «nicht transparent» sei. 90 Prozent der Kosten übernehmen Bund und Kanton, die restlichen zehn Prozent bezahlen die Betroffenen. So will es das Waldgesetz. Dieses definiert die Entschädigung von Umsiedlungen gefährdeter Bauten und Anlagen zum Schutz vor Naturereignissen – wie in Brienz.
Dem Vorwurf der «Intransparenz» widerspricht Gemeindesprecher Gartmann: «Wie die Leute entschädigt werden, ist klar definiert.» Auf der Website der Gemeinde sei klar ersichtlich, unter welchen Bedingungen eine Umsiedlung wie hoch entschädigt werde. Dass eine unabhängige, ausserkantonale Bewertung nötig sei, wie es SVP-Krättli fordert, sei nicht nachzuvollziehen. «Wir halten uns an die gesetzlichen Vorgaben», betont Gartmann.
Lösung als Teufelskreis?
Seit Juni 2024 baut die Gemeinde westlich des Dorfes einen Entwässerungsstollen. Dieser soll den Druck am Berg reduzieren. Das Wasser soll dadurch abfliessen, die Rutschungen reduziert werden, so das Ziel. Bis jetzt mit Erfolg: Die Rutschungen reduzierten sich um das 10- bis 20-Fache, erklären die Behörden.
Der SVP-Politiker zeigt sich damit nicht zufrieden. Er spricht von einem Teufelskreis und behauptet: «Die Massnahme, die Brienz retten soll, macht es unbewohnbar.» Sein Argument: Seit den Sprengarbeiten im Entwässerungsstollen häuften sich die Schäden am Dorf selbst. Risse in den Wänden, schiefe Häuser, kaputte Leitungen.
Deren Sanierungskosten sind vorerst nicht gedeckt. Krättli: «Der Alltag im Dorf ist von baulichen Schäden und permanenter Unsicherheit geprägt.» Schäden an der Infrastruktur oder auf dem Land stellt die Gemeinde nicht in Abrede.
Doch Krättlis Erklärung dafür sei falsch. Gartmann: «Der Stollen liegt nicht unter dem Dorf – er umfährt es in einem grossen Bogen. Die Bohrungen führten zu keinen Schäden im Dorf.» Diese kämen von der Rutschung des Bergs, auf dem das Dorf steht. Die Schadenskosten übernehmen die Versicherungen teilweise. «Leider übernehmen die Versicherungen nicht alle Kosten», sagt Gartmann. Das sei «nicht optimal», aber die Gemeinde versuche, zu helfen, wo sie könne, erklärt der Sprecher.
Die Situation in Brienz stellt viele Bewohner vor wirtschaftliche Herausforderungen und existenzielle Fragen. Die Medienmitteilung des SVP-Politikers zeigt, dass es dabei durchaus kontroverse Meinungen gibt.