Darum gehts
- Brienz ist langfristig bewohnbar, trotz anhaltender Diskussionen über die Umsiedlung
- An Umsiedlungsprojekt wird festgehalten, trotz geringer Gefahrenlage
- Entwässerungsstollen reduzierte Rutschung um das Zehnfache seit Bau 2024
- Rutschbewegungen sanken auf 10-25 cm/Jahr, niedrigster Wert seit 15 Jahren
Ein Leben im von einem Bergsturz bedrohten Bündner Dorf Brienz scheint wieder langfristig möglich. Experten zufolge veränderte sich die Gefahrenlage so stark, dass in den nächsten Jahren wohl keine langen Evakuierungen mehr folgen. Am Umsiedlungsprojekt halten die Behörden dennoch fest – und ernten Kritik.
Gleich mehrere Fronten prallten beim Thema Umsiedlung an der Informationsveranstaltung am Donnerstagabend in Tiefencastel GR aufeinander. Einige forderten die Sistierung des gesamten Projekts, weil nun eine langfristige Rückkehr ins Dorf gesichert scheint. Andere wollen trotzdem schnellstmöglich weg und kritisierten die Behörden, die bürokratischen Hürden hierfür zu kompliziert zu gestalten.
Generell seien Bund, Kanton und Gemeinde nach wie vor der Meinung, dass das Angebot der freiwilligen und präventiven Umsiedlung aus Brienz möglich sein soll, sagten die Verantwortlichen. Sie wollen den Betroffenen gar ein neues Anmeldefenster bis zum 9. März für Verfügung stellen. Rund ein Drittel der Gesamtbevölkerung hatte sich bereits angemeldet. Diese hätten nun die Möglichkeit, aufgrund der neuen Gefahrenlage das Verfahren abzubrechen, betonte Roland Tremp von der Projektgruppe für die Umsiedlung.
Hohe Kosten
Denn eine Umsiedlung hat ihren Preis: Die Betroffenen müssen ihre alten Häuser in Brienz abreissen lassen. So will es das Waldgesetz, auf dessen Grundlage die Umsiedlungsfinanzierung aufgebaut ist. Es regelt den Umgang mit Naturgefahren. Bei einer Gefährdung sind Massnahmen möglich – unter anderem Schutzbauten. Dazu gehören auch Umsiedlungen, weil dabei das Schadenspotenzial aufgelöst werden kann und somit kein Risiko mehr besteht. Dies ist entscheidend für die finanzielle Unterstützung. 90 Prozent der Kosten würden so den Betroffenen gedeckt.
Doch wer abreissen will, braucht dafür ein Baugesuch. Ausserdem ist ein Schadstoffscreening nötig - dieses ist aufwändig und teuer. Grundsätzlich ist alles abhängig von der Genehmigung des Projektes durch den Bund. Diese werde voraussichtlich im November erfolgen, schätzten die Gemeindevertreter. Bis dahin müssen die Betroffenen die Unterhaltskosten ihrer teils schwer durch die Rutschung beschädigen Häuser selber tragen.
Kritik hagelte es denn auch für die finanziellen Bedingungen für die Umsiedlung. Ein Betroffener fühlte sich ungerecht behandelt, weil ihm an einem neuen Standort nicht gleich viel Land angeboten werden kann. Er forderte, es wie die Walliser beim Bergsturz von Blatten VS zu machen, und einfach alle fair auszuzahlen.
40-Millionen-Franken-Stollen
Weitere Fragen warfen Schäden an der Infrastruktur im Dorf auf. Im Hochplateau, auf dem das Dorf liegt, ist Wasser eingelagert. Dieses sorgte und sorgt für die Rutschung im gesamten Gebiet. So sind während der letzten, 62-wöchigen Evakuierung auch Schäden an Leitungen und Strassen entstanden, deren Sanierungskosten vorerst noch nicht gedeckt sind.
Wenn auch die Kritik an der Umsiedlung die Stimmung im Saal etwas drückte, so betonten die Behörden auch immer wieder, welch grosses Glück Brienz gehabt habe. «Heute können wir wieder zuversichtlich in die Zukunft blicken», sagte Gemeindepräsident Daniel Albertin (Mitte).
Zwei Gründe hätten dazu geführt, dass Brienz wohl wieder langfristig bewohnt werden könne, sagte der Geologe Reto Thöny. Einerseits liege es am Erfolg des Entwässerungsstollens und andererseits an den Felsstürzen vom vergangenen November. Seit 2024 bauen die Behörden am 2,3 Kilometer langen Tunnel unterhalb des Bergdorfes. Der 40-Millionen-Franken-Stollen soll die Rutschungen verlangsamen.
«Berg hatte es sich anders überlegt»
Messungen zeigten bereits im letzten Sommer die Wirkung der Entwässerung. Im Dezember lagen die Rutschbewegungen schliesslich bei 10 bis 25 Zentimetern pro Jahr – dem tiefsten Wert seit 15 Jahren. Teilweise seien aus den Bohrungen 1500 Liter Wasser pro Minute herausgeströmt, so Thöny. Insgesamt habe die Rutschung um das Zehnfache reduziert werden können, und dies, obwohl erst 25 Prozent der angedachten Bohrungen ausgeführt seien.
Lange fürchteten die Behörden einen schnellen Absturz der instabilen Felsmassen. Eine Steinlawine hätte das ganze Dorf unter sich begraben können. «Doch der Berg hatte es sich anders überlegt», sagte Thöny.
Schliesslich fielen die absturzgefährdeten Massen Ende November vergangenen Jahres in sich zusammen und landeten auf dem darunterliegenden Schutthaufen. Dieser bewegte sich folglich zwar etwas, bremste aber schon am nächsten Morgen stark ab.
Damit seien die Gefahren weitestgehend gebannt. Die Geschwindigkeiten am Berg gingen nach diesem Ereignis so stark zurück, dass für das Dorf keine Gefahr mehr besteht. Sogar für die nächsten Jahre gehen die Experten nicht mehr von langen Evakuierungsphasen aus.