Eine heikle Operation
Ärzte streiten über Vergütungsdeckel

Das neue Tarifmodell für ambulante Behandlungen bringt die Ärzteschaft in Rage. Die Wut richtet sich auch gegen den eigenen Dachverband FMH. Dieser beschwichtigt.
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Ärztinnen und Ärzte laufen gegen das neue Modell Sturm.
Foto: Getty Images

Darum gehts

KI-generiert, redaktionell geprüft
  • Ab 2027 soll ein Vergütungsdeckel für ambulante Behandlungen in Kraft treten
  • Ärzte kritisieren das Modell als untauglich, 25'000 Unterschriften gegen Reform gesammelt
  • Maximale Vergütung: 1577 Taxpunkte, was etwa 1400 Franken für 12 Arbeitsstunden entspricht
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Andreas SchmidInlandredaktor

Yvonne Gilli (69) erlebt die angestaute Frustration der Ärztinnen und Ärzte. «Jetzt bricht die Wut über die Summe aller Verschlechterungen in den letzten Jahren heraus», sagt die Präsidentin der Verbindung der Schweizer Ärztinnen und Ärzte (FMH). Sie spricht den neuen Vergütungsdeckel für ambulante Behandlungen an, der ab nächstem Jahr gelten soll.

Maximal sollen künftig im Tagesdurchschnitt über die Grundversicherung noch 1577 Taxpunkte verrechnet werden können, so der Vorschlag. Das entspricht zwölf Arbeitsstunden und bringt je nach Tätigkeitsort rund 1400 Franken ein – Infrastruktur- und Personalkosten müssen die Ärztinnen und Ärzte bezahlen.

Mit der Deckelung will die Politik den steigenden Gesundheitskosten begegnen, die Mengenausweitung der medizinischen Leistungen bremsen, die Kosten kontrollieren, Missbräuche verhindern sowie die Leistungen einheitlich vergüten lassen.

Praxis am Mittag schliessen

Weil Taxpunkte nicht mit der Behandlungsdauer gleichzusetzen sind und gewisse medizinische Leistungen, die zum Beispiel eine halbe Stunde beanspruchen, nach Taxpunkten 90 Minuten Arbeit ergeben, beurteilen Kritiker das Modell als untauglich. Sie könnten nach wenigen Patientinnen und Patienten mittags die Praxis schliessen, dann sei der Höchstwert erreicht, führen Ärztinnen und Ärzte an.

Der Ärger richtet sich auch gegen FMH-Präsidentin Gilli selbst, ein guter Teil der 46’000 Verbandsmitglieder wirft der Präsidentin vor, gegen das Interesse der Ärzteschaft einer Deckelung der ambulanten Leistungen zugestimmt zu haben. Eine Petition gegen das Modell ans nationale Parlament unterschrieben innert weniger Tage 25’000 Unzufriedene.

«Nicht alles antun lassen»

Einer der erbosten Ärzte ist Georg Fischer (70), der seit vielen Jahren in Stäfa ZH eine Praxis betreibt. Mit der Zustimmung zur Deckelung habe sich die FMH allen juristischen Handlungsspielraum gegen den Beschluss genommen, sagt Fischer. «Ganz sicher werden Patientinnen und Patienten so künftig schlechter versorgt, es ist eine Bankrotterklärung des gesamten Gesundheitswesens.»

Dieses Tarifmodell werde zu Praxisschliessungen und Entlassungen von Personal führen, ist Fischer überzeugt. Für sich selbst sehe er zwei Möglichkeiten: Entweder er kündige allen Mitarbeitenden ausser einer Helferin, arbeite den halben Tag und mache nach zehn Patienten am Mittag die Praxis zu – oder er schliesse diese komplett. Fischer konstatiert: «Man muss sich nicht alles antun lassen, was unbedarfte Bürokraten aushecken.»

«Meilenweit von einer Lösung entfernt»

Die FMH bekämpfte nach eigenen Beteuerungen die vom Parlament entworfene gesetzliche Vorgabe, trug dann aber das Umsetzungskonzept mit. Dies um zu verhindern, dass der Bundesrat eine starre, staatliche Tarifpraxis erlasse, so die Begründung. FMH-Präsidentin Gilli sagt: «Die Überbringerin der schlechten Botschaft wird nun geprügelt.» Dabei hätten Bundesrat und Parlament den Schlamassel verursacht.

Die FMH habe an der Seite der Ärztinnen und Ärzte gekämpft. Gilli gibt zu bedenken, dass das vorgeschlagene Modell die Mehrheit der Ärztinnen und Ärzte nicht betreffe und zudem «noch meilenweit von einer Lösung entfernt» sei. Es sei erst ein halbes Jahr nach der Einführung des neuen Tarifsystems Tardoc die Datenlage vorhanden, die eine zuverlässige Bewertung der Leistungen zulasse.

«Auf den ersten Januar 2027 ist das neue Tarifmodell nicht bereit», es werde eine Übergangslösung brauchen, sagt Gilli. In einem demokratischen Prozess werde die FMH nun zusammen mit den Mitgliedsorganisationen die Details erarbeiten und diese mit den Tarifpartnern verhandeln. Das vorliegende Modell sei «eine Fehlleistung». Die FMH wolle keine Mikroregulierung, betont Gilli. «Wir werden uns für Korrekturen einsetzen.»

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