Darum gehts
- Lotteriegelder in St. Gallen finanzieren UBS-Immobilienfonds, Kritik an Vergabepraxis
- 2024 flossen über 660 Millionen CHF aus Lotteriefonds an Kantone
- Kritiker bemängeln Intransparenz, Zweckentfremdung und Interessenkonflikte bei Fondsvergabe
Ein Fall aus St. Gallen zeigt, wie heikel die Vergabe von Lotteriegeldern sein kann. Dort erhielt ausgerechnet ein UBS-Immobilienfonds einen Beitrag aus dem Lotteriefonds für die Sanierung einer denkmalgeschützten Liegenschaft. Der Fall ritzt gleich an zwei Tabus: die Finanzierung der Denkmalpflege – an sich eine Staatsaufgabe – mit Lotteriegeldern sowie Beiträge an einen gewinnorientierten Akteur.
Die Lottogelder stammen aus dem Glücksspielgewinn von Swisslos. Laut Bundesverfassung dürfen sie nur für gemeinnützige Zwecke eingesetzt werden. Doch was genau als gemeinnützig gilt, lässt viel Spielraum.
Kassen sind prall gefüllt
Was haben Festivals, die Renaturierung eines Weihers und Gastauftritte am Sechseläuten in Zürich gemeinsam? Auf den ersten Blick: wenig. Aber sie erhielten alle Gelder aus dem Wohltätigkeits-Topf.
Finanziert wurden damit auch schon Wahlfeiern, Werke lokaler Künstlerinnen, Amateur-Schwingfeste – und zahllose Auftritte von Sportvereinen und Musikgesellschaften. Ein bunter Mix, verbunden durch das Label «gemeinnützig».
Die Lotteriefonds sind üppig gefüllt. Vergeben werden die Mittel häufig direkt von den Kantonsregierungen. Ohne die Lotteriefonds würden viele Projekte in Kultur und Sport kaum existieren. Jedes Jahr fliessen Hunderte Millionen Franken an die Kantone.
Doch manche Kantone scheinen die Lotteriefonds eher als Honigtöpfe zu betrachten. Bereits vor 15 Jahren enthüllte eine vom Bund beauftragte Studie, wie intransparent die Vergabe manchmal abläuft. Im Klartext: Häufig sei «nicht nachvollziehbar, wieso eine Institution etwas bekommt und eine andere nicht».
Heikle Konflikte, scharfe Kritik
Als «eine Art legale schwarze Kassen» bezeichnete der Staatsrechtler Etienne Grisel die Lotteriefonds einst – der Begriff prägt die Debatte noch immer. In einer juristischen Analyse warnte Grisel vor Interessenkonflikten – weil Kantonsregierungen oft über eigene Anliegen mitentscheiden.
Die Denkfabrik Avenir Suisse kritisiert seit Jahren, dass Kantone Lottogelder zweckentfremden würden. Besonders heikel sei es, wenn sie damit eigene Vorhaben finanzieren oder Löcher im Budget stopfen. Allein in den drei vergangenen Jahren gaben mehrere Fälle zu reden:
- So unterstützten einige Kantone etwa den Bau der Schweizergarde-Kaserne in Rom mit Lotteriegeldern – mancherorts wurde dies gestoppt.
- Politisch oder ideologisch geprägte Projekte sind ausgeschlossen. Dennoch machte der Kanton Zug 5000 Franken für die Jubiläumsfeier einer politisch gefärbten Organisation locker – verbucht als «gemeinnützig», wie Blick 2025 thematisierte. Zuständig für die Vergabe an die «Aktion für vernünftige Energiepolitik Schweiz» (Aves) war SVP-Regierungsrat Heinz Tännler (66). Die Grünen bezeichneten den Fall als «erschreckend». Zumal andere Lotteriefonds-Gesuche für Jubiläumsanlässe von Parteien oder für überparteiliche Podien abgewiesen worden seien.
- In Solothurn finanzierte die Regierung mit dem Fonds die frühe Sprachförderung – obwohl es sich um eine künftige Staatsaufgabe handelt, wie die «Solothurner Zeitung» schrieb.
- Die Fälle sind ähnlich wie jener aus St. Gallen: Im Thurgau flossen laut «SonntagsZeitung» Lotteriegelder in die Restaurierung einer denkmalgeschützten Villa der PCS-Holding von Unternehmer Peter Spuhler (67), in Nidwalden in ähnliche Arbeiten an Gebäuden der Bürgenstock-Hotels.
- In weiteren Kantonen griffen die Behörden beim Denkmalschutz – eine vermeintlich klassische Staatsaufgabe – auf Lotteriegelder zurück. So überwies der Kanton Thurgau über 125'200 Franken an die Gemeinde Sirnach – zur Renovation des Gemeindehauses.
- Die Hotelfachschule Luzern kassierte Lottomillionen für ein Bauprojekt. Das sorgte für Kritik, weil es sich um eine privatrechtlich geführte Institution handelt.
Nur selten wird eingegriffen
Eingriffe der Aufseher sind die Ausnahme, wie eine Blick-Recherche von 2024 zeigt. Nachfragen in den Kantonen zeigten. In Uri wurde beispielsweise ein ausserkantonales Wirtschaftsforum zu Unrecht aus dem Lotteriefonds unterstützt. Und in Zug flossen über Jahre mehr als 160'000 Franken an eine Kinderkrippe – obwohl diese Beiträge eigentlich vom Kanton hätten übernommen werden müssen. Die Behörden korrigierten den Fehler.
Eine erste Version dieses Artikels erschien am 21. Juli 2025. Er wurde umfassend aktualisiert.