Darum gehts
Ignazio Cassis (64) war der Prügelknabe der Schweizer Aussenpolitik: zu blass, zu willkürlich, zu einseitig. Nun steht ausgerechnet dieser Mann auf einmal im Scheinwerferlicht. Als Architekt des EU-Deals, als Vorsitzender der OSZE – und als Gastgeber in Genf für heikle Gespräche über die Ukraine und den Iran. Ausgerechnet der, über den sich halb Bern den Mund zerriss, hat derzeit einen Lauf.
Beim Gazakrieg hatte Cassis noch komplett versagt. Während andere Länder fürs Völkerrecht einstanden, interessierte sich Cassis zeitweise nur für Israel. Das IKRK startete gar eine Völkerrechtsinitiative ohne die Schweiz. «Das wäre früher undenkbar gewesen», sagen erfahrene Diplomaten.
Gaza: Mitarbeiter schreiben an Cassis
Der Frust im Aussendepartement ist so gross, dass sich 200 Mitarbeiter zusammenschlossen und Cassis einen Brief schrieben. Der Vorgang ist mittlerweile ein Fall für die Geschäftsprüfungskommission des Parlaments. Sie prüft, ob kritische Geister drangsaliert werden. Inzwischen haben zwei Gespräche mit dem Personalverband des Bundes stattgefunden; an einem nahm Cassis persönlich teil. Er versprach: Den Unterzeichnenden drohen keine Konsequenzen.
Auch im US-Zollstreit lag Cassis neben der Spur, seine Diplomaten spielten praktisch keine Rolle. Statt des Schweizer Botschafters in Washington übernahm Seco-Staatssekretärin Helene Budliger Artieda (60) die Führung.
Gabriel Lüchinger: Ausser Spesen nichts gewesen
Zwischendurch versuchte Cassis, das Heft wieder in die Hand zu bekommen. Er machte den Diplomaten Gabriel Lüchinger (48), der 2024 die Bürgenstock-Konferenz gemanagt hatte, zum USA-Sondergesandten. Damit sollte das EDA wieder Taktgeber im Verhältnis zu Washington werden.
Zwar flog Lüchinger, wie Blick mithilfe des Öffentlichkeitsgesetzes rekonstruierte, 2025 sieben Mal in die USA. Doch beim Zolldeal wirkte das EDA nicht einmal als Statist. Auch beim Kampfjet-Problem hat das EDA nichts erreicht. Lüchinger ist von den Amerikanern mittlerweile so genervt, dass seine Abteilung davor warnt, weitere F-35 zu kaufen.
Cassis hat Crans‑Montana verschlafen
Nicht einmal auf das Inferno von Crans‑Montana reagierte der gelernte Arzt Cassis angemessen. Als Italiens Aussenminister ins Wallis reiste, blieb sein Schweizer Amtskollege im Tessin. Inzwischen hat Cassis diesen Fehler korrigiert. Am Rand der Münchner Sicherheitskonferenz traf er Antonio Tajani (72) und sagte später zu Blick: «Kollege Tajani ist glücklich, dass nächste Woche die römische Staatsanwaltschaft, die Walliser Staatsanwaltschaft und das Bundesamt für Justiz sich gemeinsam in Bern an einen Tisch setzen.»
Dafür reüssiert Cassis in einem Projekt, mit dem der Bundesrat 15 Jahre scheiterte: Es gibt einen Durchbruch im EU-Dossier. Aus dem Zauderer ist der Zimmermann der Bilateralen III geworden. Und plötzlich folgt ihm sogar seine eigene Partei – Cassis gewinnt die FDP-Delegierten überraschend deutlich für seinen Kurs.
Guter Draht nach Kiew und Moskau
Und nun die grosse Bühne OSZE. Als amtierender Vorsitzender der Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa reiste Cassis kürzlich nach Kiew und nach Moskau. Manche sprachen von Symbolpolitik – doch die Kritik verstummte, als bekannt wurde, dass er am Dienstag die USA, Russland und die Ukraine in Genf empfangen wird. Beinahe zeitgleich kehren auch die Iraner an den Genfer Konferenztisch zurück; noch vor kurzem bevorzugten sie Oman als Treffpunkt.
«Auch wenn es hin und wieder die Polemik gab, dass die Schweiz nicht mehr neutral sei: Intern werden wir als verlässliche Partnerin geschätzt», sagt der ehemalige OSZE-Generalsekretär Thomas Greminger (64) zu Blick: Genf statt Miami Beach, der Genfersee anstelle des Golfs von Oman!
Uneitel – und hart im Nehmen
Was unterscheidet Cassis von seinen Kolleginnen und Kollegen im Bundesrat? Er ist uneitel genug, um wie Sisyphus immer wieder von vorn anzufangen. Wo andere ihre Eitelkeiten pflegen, ist er es gewohnt, einzustecken – von Medien, Parteien, sogar aus der eigenen Verwaltung. Seine Widersacherin Karin Keller-Sutter (62) ist keine Konkurrenz mehr. Mittlerweile laufen in Bern Wetten, dass Keller-Sutter eher zurücktreten wird als Cassis.
Hinzu kommt Cassis’ Erfahrung. Nach dem Russen Sergei Lawrow (75), dem Ungarn Péter Szijjártó (47) und dem vatikanischen Chefdiplomaten Paul Gallagher (72) gehört Cassis zu den am längsten amtierenden Aussenministern Europas, in den lupenreinen Demokratien ist er sogar der Dienstälteste. In der Diplomatie, die von persönlichen Beziehungen lebt, zahlt sich das aus. So umarmte der französische Präsident Emmanuel Macron (48) Cassis in München besonders herzlich.
Später Aufstieg eines Unterschätzten
Ignazio Cassis ist kein Visionär, kein grosser Redner, keiner, der die Massen bewegt. Aber er ist zäh, hart im Nehmen und bereit, sich unverdrossen immer wieder neu anzubieten – in Bern, in Brüssel, in Genf. Mal kommt das gut, manchmal weniger. Zurzeit ist er in gran forma.