Darum gehts
- Céline Amaudruz will Guy Parmelin im Bundesrat beerben und den SVP-Sitz für die Westschweiz sichern
- Die Genferin verteidigt ihre Deutschkenntnisse und äussert sich zu ihrem Verhältnis zu Christoph Blocher
- Scharfe Kritik übt die 47-Jährige an der Finanzmarktaufsicht Finma und am Zustand der Schweizer Armee
Die Genfer SVP-Nationalrätin Céline Amaudruz (47) will die Nachfolge von Guy Parmelin (66) im Bundesrat antreten. Am Donnerstag hat sie in einem Genfer Hotel ihre Kandidatur bekannt gegeben.
Doch noch ist es ein langer Weg, auch andere in der Partei liebäugeln mit einer Kandidatur. Die Anmeldefrist endet erst kommende Woche. Am 20. November entscheidet die SVP über ihr offizielles Ticket, gewählt wird dann am 9. Dezember.
Wie will Amaudruz beweisen, dass sie das Zeug zur Bundesrätin hat? Blick hat mit ihr gesprochen.
Blick: Sie haben als Erste Ihre Bundesratskandidatur angekündigt. Das bringt Aufmerksamkeit, aber auch Druck. Warum haben Sie sich gerade jetzt entschieden?
Céline Amaudruz: Dahinter steckt keinerlei Kalkül. Entscheidend ist, ob man bereit ist und ob der Moment stimmt – für mich, meine Familie, meinen Arbeitgeber, meine Partei. Ich habe erst wenige Stunden vor Guy Parmelins Ankündigung von seinem Rücktritt erfahren. Damit hatte ich nicht gerechnet. Ich habe am 1. Oktober eine neue Stelle angetreten. Deshalb brauchte ich etwas Bedenkzeit. Schliesslich wurde mir klar, dass sich hier eine einmalige Chance bietet – für mich und die Westschweiz. Nach reiflicher Überlegung habe ich mich deshalb entschieden, zu kandidieren.
Sie entsprechen nicht unbedingt dem typischen Bild der SVP. Das könnte Ihnen zum Nachteil werden. Wie wollen Sie etwa den bäuerlichen Teil der Partei überzeugen?
Wir haben zwar unterschiedliche Hintergründe, vertreten aber dieselben Anliegen. Das ist doch das Interessante. Ich stehe einem börsenkotierten Konzern vor, der der zweitgrösste Getreideproduzent der Schweiz ist. Ich habe deshalb durchaus einen starken Bezug zur Landwirtschaft. Sollte ich einmal vom Kurs abweichen, würde mich unser Genfer Parteichef sicher daran erinnern.
Was entgegnen Sie dem Vorwurf, politisch immer näher an die FDP zu rücken?
Das ist eine interessante Frage. Viele FDP-Politiker vertreten bei Europa, der Einwanderung und dem Grenzschutz wohl kaum eine so klare Haltung wie ich. Das sind Themen, die zur SVP-DNA gehören. Das hat man auch in der Neutralitätsdebatte gesehen, in der ich mich engagiert habe.
Und bei den Steuern?
In der Steuerpolitik liegen SVP und FDP relativ nahe beieinander. Falls Sie auf die Individualbesteuerung anspielen: Mir geht es darum, die Kaufkraft der Bevölkerung zu stärken. Heute bestreitet niemand mehr die Ungleichbehandlung: Verheiratete Paare bezahlen mehr Steuern als unverheiratete. Jede Lösung, die die Steuerbelastung von Ehepaaren senkt, verdient meine Unterstützung.
Der Ort Ihrer Medienkonferenz ist wohl kein Zufall: Wir befinden uns direkt beim Genfer Bahnhof Cornavin, und Sie haben die Bedeutung der Bahn für die Westschweiz betont. Wie wollen Sie mit solchen Argumenten die Deutschschweizer überzeugen?
Letztlich kandidiert man auch für sein Land. Man führt nicht nur Wahlkampf, um der eigenen Partei zu gefallen. Mir geht es darum, der Schweiz und den Schweizerinnen und Schweizern zu dienen.
Und Genf?
Genf wird zwar ständig mit dem Begriff «Genferei» in Verbindung gebracht. Dabei ist der Kanton der grösste Geber im Finanzausgleich und der zweitwichtigste Wirtschaftsmotor der Schweiz. Man ist in Bundesbern froh, einen Kanton wie Genf zu haben. Natürlich würde ich auch die Westschweizer Perspektive einbringen. Das sehe ich als Stärke. Ich werde die Interessen der ganzen Schweiz vertreten, aber auch die Anliegen Genfs einbringen.
An Ihrer Medienkonferenz hatten Sie Mühe, den Begriff «nationaler Zusammenhalt» auf Deutsch auszusprechen. Andere mögliche Westschweizer Kandidaten wie Nicolas Kolly sprechen besser Deutsch als Sie.
(Lacht.) Oje! Vielleicht spricht er etwas besser Deutsch als ich. Aber wir veranstalten hier keinen Wettbewerb. Vielleicht spreche ich dafür besser Englisch als er. Je nach Departement ist es heute vor allem wichtig, die Sprache zu verstehen. Ich kann Reden auf Deutsch halten. Deshalb bereitet mir das keine Sorgen.
Wie ist Ihr Verhältnis zu Christoph Blocher? Er scheint keine besonders hohe Meinung von Ihnen zu haben.
Ich kenne Herrn Blocher sehr gut. Wir haben mehrere Abstimmungskampagnen gemeinsam bestritten. Ich glaube, seine Favoriten stehen bereits fest. Das ist seine Art zu kommunizieren, und die respektiere ich.
Kommen wir zur UBS. Sie haben erklärt, keine Lobbyistin von Sergio Ermotti zu sein. Eine Freundin der Finanzmarktaufsicht Finma sind Sie allerdings auch nicht, oder?
Das ist klar. Sehen Sie: Ich arbeite im Bankensektor. Die Finma masst sich heute Kompetenzen an, die sie gar nicht hat. Sie ist eine Aufsichtsbehörde, keine Regulierungsbehörde. Ich sage nicht, dass es keine Finma braucht. Sie hat eine zentrale Aufgabe, und wir brauchen eine Finanzmarktaufsicht. Aber als wir sie gebraucht hätten, war sie nicht zur Stelle. Ich denke dabei an die Fälle UBS und Credit Suisse. Geht es hingegen darum, den Finanzplatz zu zerstören, hört man von ihr. Die Finma wird zu wenig kritisch hinterfragt. Welche andere Institution hierzulande entzieht sich auf diese Weise jeglicher Kontrolle?
Nehmen wir das Verteidigungsdepartement VBS. Dort herrscht doch ein ziemliches Chaos, oder?
Ja, das ist das richtige Wort.
Wie würden denn Sie das VBS führen?
Ich weiss nicht, ob ich überhaupt das VBS übernehmen würde. Aber dort folgte eine Panne der nächsten. Die Armee hat ihre Glaubwürdigkeit bei der Bevölkerung verloren. Dabei ist es die Bevölkerung, die für sie bezahlt. Wir müssen das Vertrauen wiederherstellen. Wir brauchen eine glaubwürdige und starke Armee! Und wir müssen auch akzeptieren: Die Bevölkerung verlangt mehr Transparenz.
Konkret?
Kürzlich ist Armasuisse mit Beschwerden aufgefallen. Das verstehe ich nicht. Schliesslich gehen zahlreiche Pannen auf Entscheidungen von Armasuisse zurück. Ich will vollständige Transparenz. Das sind wir der Bevölkerung schuldig. Wenn wir beim Bund finanzielle Mittel beantragen, muss die Armee wieder Vertrauen gewinnen. Wir brauchen eine starke Armee und die nötigen Mittel dafür. Dafür werde ich kämpfen.
Und wenn Sie das Justiz- und Polizeidepartement EJPD übernehmen würden: Was würden Sie in der Migrationspolitik ändern?
Dann würde ich in der Asylpolitik selbstverständlich einen härteren Kurs verfolgen: gegen Personen vorgehen, die zu Unrecht Asyl beantragen, das Dublin-System sehr strikt anwenden, mit beschleunigten Verfahren für rasche Rückführungen sorgen und mich für Rückübernahmeabkommen einsetzen. Es gibt enorm viel zu tun. Aber ich bin bereit dafür.
Warum wollen Sie Bundesrätin werden?
Ich liebe die Schweiz, ich liebe die Schweizerinnen und Schweizer! Sie liegen mir am Herzen, und ich möchte meinem Land dienen. Heute fühle ich mich dazu berufen. Dieser Entscheid ist sehr persönlich und reiflich überlegt. Es gibt dabei kein Richtig oder Falsch. Jeder entscheidet nach seinen eigenen Wünschen. Und ich möchte es jetzt.
Und wenn es nicht klappt?
Ich weiss nicht, ob ich bei einem Misserfolg nochmals kandidieren würde. Ich glaube eher nicht. Dafür müssen die Sterne richtig stehen. Wäre die Gelegenheit erst in einem Jahr gekommen, hätte ich mich in meiner neuen beruflichen Tätigkeit vielleicht schon so wohlgefühlt, dass ich nicht kandidiert hätte. Im Leben muss für einen solchen Schritt alles zusammenpassen. Und heute ist das bei mir der Fall. Ich habe die Fähigkeiten, den Willen und die Überzeugung, um für den Bundesrat zu kandidieren.