Darum gehts
- Schweizer Badis werden politischer: Burkini-Verbot, Gratis-Eintritt, Dichtestress
- Zürich serviert Champagner, Basel setzt auf Security und Verbote
- Schaffhausen: Initiative für Gratis-Eintritt unter 16 Jahren scheiterte
In der Schweiz lockt das kühle Nass. Dieser Tage ist es schwierig, noch einen Ort zu finden, an dem das Thermometer noch nicht über 30 Grad gestiegen ist. Die Lösung: ab in den Fluss, in einen See – oder in ein Schwimmbad.
Die Schweizer Badis stehen jedoch nicht nur wegen der Temperaturen im Fokus. Sie wurden in den letzten Jahren auch aus anderen Gründen immer mehr zur Problemzone. Abkühlung war gestern – im neuen Brennpunkt geht es heiss zu und her!
Sozialismus am Beckenrand
Die Schwimmbecken der Schweiz sind der Schmelztiegel der Gesellschaft. Hier trifft nicht nur allerhand blanke Haut aufeinander, sie sind auch ein Abbild der politischen Realität: strapazierte Staatskassen, kolportierter Dichtestress und die Angst vor dem Fremden – Badi-Sterben, Beckenkämpfe, Burkini-Verbot.
Die Kämpfe beginnen bereits im Kleinen – oder bei den Kleinen. Wie viel soll man für einen Poolbesuch hinblättern? Sollen zumindest die Kinder das Wasser geniessen dürfen, ohne als kostendeckender Faktor hinzuhalten? An manchen Orten werden diese Fragen gar zum kapitalistischen Grundsatzentscheid hochstilisiert: Als die Schaffhauser Juso dieses Jahr mittels Initiative den Gratiseintritt für Badegäste unter 16 Jahren einführen wollte, konterten Gegner aus SVP-Kreisen mit Hammer und Sichel. Sozialismus sei das, taten sie auf einem Plakat kund.
Sanieren oder gleich aufgeben?
Die Stadtregierung sah sich zwar nicht gerade im Kalten Krieg – wegen der drohenden Umsatzeinbussen in ihren Spassbetrieben warnte sie dennoch genauso vor einem Ja. Gleichzeitig versetzte sie sich mit dem Gedanken an unkontrollierte Kindermassen, die aufgrund des Gratiseintritts plötzlich das einzige grosse Freibad rund um Schaffhausen überrennen könnten, gleich selbst in Angst und Schrecken.
Der Zoff ums Wasser in der Munotstadt ist gelebte Schweizer Politik im Mini-Format. Von links die Rufe nach dem Wohlfahrtsstaat, von rechts die Warnung vor der Gratis-Mentalität – dazwischen die Verwaltung, die in latenter Angst um ihre Finanzen lebt. Mittendrin: das Tauziehen um die wachsende Bevölkerung.
Denn Badis bauen, das macht heute kaum jemand mehr. Zu teuer, zu wenig Platz. An manchen Orten kommt es dadurch gar ganz zum Bruch mit dem Planschen im Freien – ausbaden müssen es dann die umliegenden Gemeinden, die sich noch ein Freibad leisten. Andernorts wird zumindest so gut es geht saniert, wie es aktuell etwa in Bern oder Zürich passiert. Oder man versucht dabei gleich, den schwindenden Platz exklusiver zu gestalten – beispielsweise im Stadtzürcher Dolder Bad, wo auf den Liegen nun auch Champagner serviert wird.
Die Politik entlädt sich mit geballter Kraft
Doch der Schaumwein wird dem Dichtestress kaum Abhilfe schaffen. Wie ein Sommergewitter entlädt sich in den Badis langsam, aber sicher die geballte Last der Schweizer Politik – ein wilder Cocktail aus föderalistischen Besitzansprüchen, Wachstumsschmerzen und Entfremdungsängsten. Und es gilt wie überall: Nachhaltige Lösungen fehlen, die Symptombekämpfung obsiegt.
In Basel-Stadt will sich der Kanton etwa mit Hausverboten und Security-Aufgebot gegen Eskalationen am Beckenrand wehren. Und in der Westschweiz tauchen die Gemeinden kopfüber in den Kulturkampf – in Genf mit einem Burkini-Verbot, im Jura mit dem Grenzgänger-Ausschluss.
Kühler Kopf ist Trumpf
An der Zutrittssperre für auswärtige Badegäste, wie sie etwa Pruntrut JU letztes Jahr einführte, nehmen sich langsam aber sicher auch die Deutschschweizer Wachstumskritiker ein Vorbild – oder ziehen es unfreiwillig ins Absurde.
In Schaffhausen zeichnete die SVP vor der besagten Badi-Abstimmung auf einem weiteren Plakat ein regelrechtes Horrorszenario: Wollen wir hierzulande wirklich, dass auch deutsche – und noch schlimmer: Zürcher! – Kinder plötzlich gratis ins Schaffhauser Wasser springen dürfen? «Auf unsere Kosten – nein!», verlautete die Ortspartei – und kredenzte damit auch gleich am Chlorbecken den Kantönligeist.
Bei so viel ideologischem Gezänk gebührt deshalb all jenen Ehre, die in dieser Hitze trotzdem einen kühlen Kopf bewahren – mit einem beherzten Sprung ins Wasser.