Der mögliche Bau neuer Schweizer AKW ist eines der heissen Polit-Themen der näheren Zukunft. Auf beiden Seiten werden eifrig Akteure vor den Karren gespannt. Jetzt ertönt ein brisanter Vorwurf: Liess sich die Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften (ZHAW) von den Atomgegnern instrumentalisieren?
Im Visier steht Professor Jürg Rohrer (64), Leiter der Forschungsgruppe Erneuerbare Energien. Er erstellte im Mai im Auftrag der AKW-kritischen Schweizerischen Energie-Stiftung (SES) als Mitautor eine Studie über die Folgen eines möglichen Neubaus von Kernkraftwerken, wie ihn SVP-Energieminister Albert Rösti (59) befürwortet. Fazit: Neue AKW würden bis zu 16'000 Jobs gefährden. Blick berichtete im Juli über die Analyse. Neue Kernreaktoren als Jobkiller: ein Traumargument für das Anti-AKW-Lager.
Mitglied bei den Grünen und bei Greenpeace
Was die Gegenseite hellhörig machte: Der bekannte Solar-Vorkämpfer Rohrer steht der SES nahe und legt auf seiner Homepage unter anderem seine Mitgliedschaft bei den Grünen und bei Greenpeace offen. Und damit nicht genug: Für die Berechnung der Beschäftigungseffekte griffen Rohrer und seine Co-Autoren auf Szenarien zurück, die 2025 von zwei Wissenschaftlerinnen für die SES entwickelt worden waren.
Anders gesagt: Die SES gab bei der ZHAW ein Gutachten in Auftrag, für das zentrale Berechnungsgrundlagen aus einer früheren, ebenfalls für die SES erstellten Arbeit verwendet wurden. Hier setzt die Kritik der bürgerlichen Politiker an.
Drei Kantonsräte – FDP-Fraktionspräsident Claudio Zihlmann, der Freisinnige Marc Bourgeois sowie Rochus Burtscher von der SVP – verlangen deshalb eine unabhängige Untersuchung. Das Trio geht in seinem Vorstoss, der Blick vorliegt, mit Zürichs drittgrösster Hochschule hart ins Gericht. Es sieht einen möglichen Interessenkonflikt und hält die wissenschaftliche Eigenständigkeit der Studie gegenüber der Berechnungsbasis für «besonders klärungsbedürftig».
Ein Peer-Review fehlt
Überdies monieren die Parlamentarier, dass die Szenarien, auf die Rohrer zurückgreift, keinem Peer-Review, also keiner unabhängigen Qualitätsprüfung, unterzogen worden seien. «Trotzdem wurden die Ergebnisse in der Berichterstattung als wissenschaftlicher Befund der ZHAW dargestellt», kritisieren Zihlmann, Bourgeois und Burtscher. Dies widerspreche dem ZHAW-internen Reglement zur wissenschaftlichen Integrität.
In ihren Fragen an den Regierungsrat verlangen die Kantonsräte deshalb, die Sache auf «mögliche Interessenkonflikte, ungerechtfertigte oder selektive Zitierung, die Qualitätssicherung und die Einflussnahme der Auftraggeberin auf Methodik und Berichterstattung» zu prüfen.
Die Hochschule wehrt sich
Die ZHAW weist die Vorwürfe zurück. Man sei «der wissenschaftlichen Unabhängigkeit und einer ergebnisoffenen Forschung verpflichtet». Auftragsforschung «für externe Organisationen – auch für solche, die gesellschafts- oder energiepolitische Positionen vertreten», sei an Hochschulen üblich. Entscheidend sei, «dass die wissenschaftliche Beurteilung, Methodik und Auswertung unabhängig erfolgen. Dies war auch bei der vorliegenden Studie der Fall.»
Warum aber griff der ZHAW-Professor auf zentrale Szenarien zurück, die von der eigenen Auftraggeberin SES erstellt worden waren? Die Hochschule erklärt, zum Zeitpunkt der Untersuchung habe «keine uns bekannte andere entsprechende Vorarbeit» vorgelegen. Die von der SES entwickelten Szenarien seien deshalb «als Ausgangspunkt für die Untersuchung verwendet» worden.
Der seltsame Hinweis, der wieder weg ist
Und dass ein Peer-Review fehlt? «Ein externes Peer-Review ist keine Voraussetzung dafür, dass eine Studie als Quelle oder Ausgangspunkt einer wissenschaftlichen Untersuchung verwendet werden kann», heisst es bei der ZHAW. Entscheidend sei, dass Annahmen und methodische Grundlage kritisch geprüft und die Herkunft transparent ausgewiesen würden. «Dies hat die ZHAW getan.»
Schliesslich deckt die Stellungnahme der ZHAW ein Kuriosum auf: Professor Rohrer hatte auf seiner Homepage eine Mitgliedschaft bei der SES deklariert. Laut ZHAW habe sich inzwischen herausgestellt, dass Rohrer gar nicht SES-Mitglied ist. Nach der Blick-Anfrage wurde der Hinweis entfernt. Da es sich bei der SES um eine Stiftung handelt, sind einfache Mitgliedschaften gar nicht möglich.
Eine Unklarheit ist damit zumindest beseitigt. Eine andere bleibt: Wie unabhängig war das AKW-Papier tatsächlich?